Opferzonen der KI
Der Widerstand gegen Rechenzentren könnte zu einem zentralen gesellschaftlichen Machtkampf werden
Von Nico Graack
750 Milliarden US-Dollar. So viel wird OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, voraussichtlich bis 2030 für neue Rechenzentren ausgeben. Das sind gigantische Investitionen, aber angesichts des Wahnsinns auf den internationalen Finanzmärkten in den vergangenen Jahren vergleichsweise bescheidene Summen. Die »Magnificent 7« in der Tech-Branche, also Nvidia, Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet (Google), Meta (Facebook) und Tesla, haben seit Einführung von ChatGPT Ende 2022 gemeinsam etwa 15 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung zugelegt.
Selbst führende Köpfe der Branche wie der OpenAI-CEO Sam Altman sprechen von einer »KI-Blase«, analog zur »Dotcom-Blase« um das Jahr 2000. Denn die Investitionen auf den Finanzmärkten entsprechen nur Erwartungen an zukünftige Gewinne, aber noch keinen realwirtschaftlichen Entwicklungen. Bleiben diese aus, droht ein globaler Finanzcrash, der die Finanzkrise von 2008 in den Schatten stellen könnte. Doch noch ist die Hoffnung vorherrschend, dass eine der Tech-Firmen mit der Entwicklung einer sogenannten allgemeinen künstlichen Intelligenz das »KI-Rennen« für sich entscheidet und das Casino als große Gewinnerin verlässt. Für eine sogenannte Artificial General Intelligence (AGI) sind aber gigantische Mengen an Rechenkapazität erforderlich.
Neben dem Training und der Wartung von Sprachmodellen geht es im KI-Rennen auch um Cloud-Kapazitäten – also Rechenleistung, die vor allem von Unternehmen für ihre Software-Dienste in Anspruch genommen wird. In dieser Branche ist Amazon marktführend. Das Tochterunternehmen Amazon Web Services (AWS) ist gewissermaßen das »Betriebssystem« des Internets. Zahlreiche bekannte Dienste wie Netflix, Canva, Reddit, Airbnb oder Pinterest wären ohne AWS undenkbar, und auch viele Unternehmen wie Pfizer oder BMW lagern große Teile ihrer Rechenleistung an Amazon aus. Insbesondere für neue IT-Firmen sind die Nutzung von Cloud-Kapazitäten der Standard und AWS eine der ersten Anlaufstellen.
Aufholjagd der EU
Die EU hinkt im globalen KI-Wettrennen hinterher. Das will sie ändern. Im Juni stellte die EU-Kommission den »Cloud and AI Development Act« vor. Dieser sieht vor, lästige Hürden zur Errichtung von Rechenzentren wie etwa Umweltschutzauflagen abzubauen und die Rechenkapazität in der EU in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen.
Aktuell sind Rechenzentren mit einer Leistung von etwa 12,4 Gigawatt (GW) in Betrieb. Es sollen also 24,8 GW zusätzliche Rechenzentrumskapazität gebaut werden – das entspricht mehr als der Spitzenlast der meisten EU-Länder. Das ist so, als würde die EU noch 2,5-mal Österreich zur Stromlast hinzufügen – oder 25-mal Lettland.
Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden in den USA mindestens 75 geplante Rechenzentren gestoppt oder verzögert.
Bereits im April hatte die deutsche Bundesregierung ihre eigene »Rechenzentrumsstrategie« vorgestellt, nach der die Rechenkapazitäten bis 2030 mindestens verdoppelt werden sollen. Das führt zu wahnwitzigen Projekten wie dem geplanten »Energiepark« im beschaulichen Dorf Schuby in Schleswig-Holstein. Dort sind laut Projektbeschreibung 1.400 Megawatt (MW) für zwei Rechenzentren geplant. Zum Vergleich: Das größte wissenschaftliche Experiment der Welt, das Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz mit dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt, hat eine Spitzenlast von 200 MW. Das Schuby-Projekt entspricht somit dem Siebenfachen der Spitzenlast des CERN und ist lediglich eines unter vielen neuen Rechenzentrumsprojekten.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger machte in seiner Rede zur Rechenzentrumsstrategie deutlich, dass man sich unter anderem an den USA orientiere: »Im internationalen Vergleich müssen wir deutlich schneller und größer werden. China und die USA operieren in ganz anderen Dimensionen.« Die Dimension der geplanten Projekte stimmt schon mal. Es lohnt also ein Blick in die USA, um zu sehen, was Projekte solchen Ausmaßes bedeuten.
Erfolgreicher Widerstand in den USA
Laut der US-amerikanischen Initiative Data Center Watch protestieren mittlerweile Hunderte von Gruppen in 49 der 50 US-Bundesstaaten gegen den Bau neuer und teils auch gegen den Betrieb bereits bestehender Rechenzentren. Unter ihnen finden sich Umwelt- und Klimaaktivist*innen und linke Tech-Kritiker*innen, aber auch konservative Politiker*innen, besorgte Anwohnende und Technik-Skeptiker*innen.
Und dieses ungewöhnliche Konglomerat ist ziemlich erfolgreich. Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden mindestens 75 geplante Rechenzentren gestoppt oder verzögert. In 14 Bundesstaaten wurden sowohl von den Demokraten als auch von den Republikanern Moratoriumsvorschläge in die Parlamente eingebracht. New York beschloss kürzlich als erster Bundesstaat per Executive Order ein solches Moratorium. In mehreren kommunalen Wahlen entpuppte sich die Unterstützung von neuen Rechenzentren als zentraler Stolperstein für Kandidat*innen.
Wie kommt es, dass das Thema Rechenzentren in Zeiten höchster Polarisierung gesellschaftliche Gräben überwindet und Wahlen entscheidet? Die Kritik entzündet sich nicht nur an dem gigantischen Stromverbrauch, der lokale Stromnetze überlastet und den Strompreis in die Höhe treibt, sondern auch an dem nicht minder katastrophalen Wasserverbrauch für die Kühlung der Anlagen. Eine Anlage mit einer Leistung von nur einem MW verbraucht jährlich gut 25 Millionen Liter Wasser. Bei einer typischen Anlage mit 200 MW sind das jährlich fünf Milliarden Liter. Trockene Regionen werden so in ernsthafte Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung gestürzt.
Dazu kommt die immense Abwärme, die solche Anlagen erzeugen und die oft nicht in die lokalen Wärmenetze eingespeist wird. Außerdem gibt es Kritik an den Steuergeschenken, die den Tech-Unternehmen gemacht werden, damit sie sich in einer bestimmten Region ansiedeln. Damit wird eines der beiden zentralen Argumente der Anlagenbetreiber – die Öffentlichkeit profitiere durch Steuereinnahmen – oft hinfällig. Ebenso oft entpuppt sich das andere zentrale Argument – Datencenter brächten Arbeitsplätze – als Luftnummer: Die meisten Jobs entstehen temporär während des Baus. Dauerhaft werden oft nur Jobs im zweistelligen Bereich geschaffen.
Ohne Übertreibung kann gesagt werden: Große Rechenzentren machen die Regionen, in denen sie gebaut werden, zu dem, was man ursprünglich im Kontext von Nukleartests und später vor allem im Kontext neokolonialer Bergbau- und Ölförderprojekte »Opferzonen« nannte. Zonen, die man für ein gegebenes gesellschaftliches Ziel opfern müsse. Dort werden gigantische Mengen Strom verbraucht, das Grundwasser abgepumpt und die lokale Bevölkerung inmitten unwirtlicher Dürre und lauter, viel zu heißer Industriehallen zurückgelassen. Durch die Rechenzentren breiten sich Opferzonen nun nicht mehr nur im Globalen Süden, sondern auch im Westen selbst aus.
Die EU will lediglich eigene Tech-Feudalherren erschaffen.
In dieses Spiel will die EU nun einsteigen und begründet das mit »digitaler Souveränität«: In Europa genutzte IT-Anwendungen sollen vollständig unter europäischer Kontrolle stehen. Es wäre in der Tat höchste Zeit, dass zentrale IT-Dienste in Behörden, Universitäten, Krankenhäusern und ähnlichem nicht mehr vom Gutdünken US-amerikanischer Tech-Unternehmen abhängen.
Aber selbst den lokalen Politiker*innen, die sich für das Projekt »Energiepark Schuby« starkmachen, ist nicht klar, auf welche Investoren sie sich einlassen. Im Gespräch ist zum Beispiel ein großes US-Unternehmen. Das folgt dem bekannten Muster aus den USA, wo lokale Behörden meist zugunsten der Investoren Geheimhaltungsabkommen unterschreiben. Im Fall Schuby ist zwischen der lokalen Politik und den Betreibern der geplanten Anlagen noch eine Projektfirma geschaltet, die keine Auskünfte zu den Investoren gibt, mit denen sie Gespräche führt.
Digitale Souveränität – für wen?
Die zentrale Frage ist: Wer genau ist gemeint, wenn die »digitale Souveränität« gestärkt wird? Sind es die öffentliche Infrastruktur und private Endnutzer*innen? Nein. Letztlich geht es bestenfalls um die europäischen Tech-Unternehmen, und die sitzen fast ausschließlich in den beiden Staaten, die in der EU den Ton angeben: Frankreich und Deutschland. Unternehmen wie das französische Mistral AI, das deutsche Aleph Alpha oder das zur Schwarz-Gruppe um Lidl und Kaufland gehörende Stackit wittern in den berechtigten Sorgen um Abhängigkeit von US-Konzernen ihre Chance, den europäischen Markt zu übernehmen.
Die EU-Strategie läuft also statt auf »Souveränität« eher darauf hinaus, eine eigene, eben »europäische« Form dessen zu etablieren, was der französische Ökonom Cédric Durand als »Techno-Feudalismus« beschreibt: die sozioökonomische Dominanz einzelner Tech-Unternehmen, die Nutzer*innen zu Cloud-Leibeigenen macht. Die EU will somit lediglich eigene Tech-Feudalherren erschaffen. Sie ist bemüht, ein »Wir-Gefühl« zu erzeugen, nach dem Motto: »Wir« müssen uns nun gegen die Macht der USA aufstellen. In den USA selbst stellt sich die Sache bereits völlig anders dar: Die Rechenzentren werden als etwas wahrgenommen, was »die« – gemeint sind die Tech-Unternehmen im Verbund mit der Politik – »uns« antun.
Dabei hätte die EU durchaus die Chance zu zeigen, dass es auch anders geht: öffentliche Infrastruktur für genau bestimmte Ziele und Open-Source-Software statt Abhängigkeit von privaten Unternehmen. Die Konflikte um Rechenzentren könnten zum Kristallisationspunkt zentraler gesellschaftlicher Machtfragen werden. Für die Linke ist es daher wichtig, dieses Konfliktfeld frühzeitig zu besetzen und es nicht den Rechten zu überlassen. Diese könnten die kulturkonservative Ablehnung von »Technologie« insgesamt mit den legitimen Interessen lokaler Betroffener verbinden und zu einer Gesamtdynamik gegen den »Wahnsinn der Eliten« ausbauen.
Die Erfahrungen aus den USA zeigen, dass es für den Protest mindestens vier Dinge braucht: Erstens Infoveranstaltungen und Protestorganisation in betroffenen Gemeinden (z.B. in naher Zukunft an der deutschen Nordseeküste), zweitens frühzeitige Vernetzung mit anderen Standorten, drittens undogmatische Kommunikation, die nicht gleich das ganz große Fass vom Klima aufmacht, und viertens eine frühzeitige politische Auseinandersetzung mit rechten Akteur*innen.
