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|ak 672 | Rechte

»Alles haben sie kaputt gemacht, alles«

Vor 20 Jahren löschte der NSU inmitten eines Geflechts aus Rassismus und Ignoranz drei Leben aus

Von Caro Keller

Im Jahr 2001, also vor genau 20 Jahren, reiste der NSU zwischen Bayern und Hamburg hin und her und ermordete innerhalb von zweieinhalb Monaten Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg, Süleyman Taşköprü in Hamburg und Habil Kılıç in München. Danach endete, soweit bekannt, der erste Teil der rassistischen Mordserie, die 2004 in Rostock fortgesetzt wurde. Warum mussten ausgerechnet diese Menschen sterben? Warum konnte der NSU nicht bereits vor 20 Jahren gestoppt werden? Warum gab es die Lücke zwischen 2001 und 2004? Wer hat dem NSU-Kerntrio bei der Auswahl der Tatorte geholfen? Auf den Familien Özüdoğru, Taşköprü und Kılıç lasten 20 Jahre fehlender Aufklärung. Die ersten zehn Jahre wurden sie gar selbst verdächtigt, intensiv wurde im Umfeld der Ermordeten ermittelt. Nach der Selbstenttarnung des NSU vor zehn Jahren gab es von Seiten der Politik laute Aufklärungsversprechen, die jedoch nicht erfüllt wurden. Doch die Angehörigen, die Betroffenen und Überlebenden, Antifaschist*innen, Aktivist*innen und Teile der Zivilgesellschaft haben diese Versprechen nicht vergessen. Sie fordern weiterhin Aufklärung ein. So verhallen etwa die Forderungen nach einem zweiten NSU-Untersuchungsausschuss in Bayern und einem ersten in Hamburg nicht.

2001

Am 13. Juni 2001 wurde Abdurrahim Özüdoğru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg ermordet. Er wurde 49 Jahre alt. Seine Tochter Tülin Özüdoğru ließ im NSU-Prozess einen Brief verlesen: »Mein Vater lebte bereits schon 29 Jahre in Deutschland, als diese Tat passierte. Ein junger Mann, der aufgrund seiner guten schulischen Leistungen ein Stipendium für ein Studium in Deutschland erhielt und so 1972 an der Universität Erlangen das Studieren begann. […] Dieser Mann, mein geliebter Vater, wurde in einem Erst-Welt-Land, in dem ökonomisch und technisch hochentwickelten modernen Deutschland am Tageslicht kaltblütig, brutal und auf professionelle Weise ermordet.«

Ali Taşköprü fand seinen Sohn Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 blutend in dem gemeinsamen Geschäft in Hamburg. Er berichtete im NSU-Prozess, sein Sohn habe auf dem Boden gelegen, er habe sein Gesicht auf den Schoß genommen. Sein Sohn habe etwas sagen wollen, es aber nicht gekonnt. Die Erste Hilfe sei zu spät gekommen. »Nachher ist die Polizei gekommen und hat meinen Sohn von meinem Arm weggenommen und ihn auf den Boden gelegt«, so Ali Taşköprü.

Der 38-jährige Habil Kılıç wurde am 29. August 2001 im Obst- und Gemüseladen seiner Familie in München erschossen. Seine Frau P. Kılıç sagte im NSU-Prozess aus. Auf die Fragen von Richter Götzl, wie die Situation nach der Tötung ihres Mannes gewesen sei, sagte sie: »Wie kann das sein? Können sie sich das nicht vorstellen, wenn man den Mann, dann den Laden verliert? Wie die Leute darüber reden, wenn man wie ein Verdächtiger behandelt wird?« P. Kılıç berichtete weiter, »sie« hätten eine große Menge Schaden angerichtet, erst den Mann ermordet, dann den ganzen Freundeskreis kaputt gemacht, das ganze Finanzielle: »Alles haben sie kaputt gemacht, alles.«

2011

Im November 2011 enttarnte sich der NSU selbst. Zumindest in Grundzügen wurde schnell klar, was die Morde an Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç und sieben weiteren Menschen erst ermöglicht und dann deren Aufklärung verhindert hatte: Das, was wir heute »NSU-Komplex« nennen. »NSU-Komplex« deshalb um zu zeigen, dass es sich bei den Ereignissen zwischen 1998, 2011 und darüber hinaus nicht um eine »einfache« Mord-, Anschlags- und Überfallserie handelt, sondern um ein gesellschaftliches Zusammenspiel unterschiedlicher Phänomene. In dessen Mittelpunkt stehen Neonazis, die vor 1998 auf Treffen, Demonstrationen, Konzerten und Aktionen ein bundesweites Netzwerk aufbauten, in dem sie ihre Ideologie festigten und rechte Terrorkonzepte diskutierten. Drei dieser Neonazis wurden nach einer Durchsuchungsaktion der Polizei am 26. Januar 1998 laufen gelassen und nicht wieder festgenommen. Sie konnten sich von diesem Zeitpunkt an auf ihr Netzwerk verlassen, auch als sie daran gingen, zuvor Diskutiertes in die Tat umzusetzen. Zum NSU-Komplex gehören die verschiedenen Ämter für Verfassungsschutz, die beim Aufbau neonazistischer Strukturen wie des Thüringer Heimatschutzes unterstützend tätig waren und zu allen Zeiten mit über 40 V-Leuten im und um das Netzwerk des NSU präsent waren. Sie nutzten die ihnen vorliegenden Informationen nicht, um die drei in Chemnitz festnehmen zu lassen oder das Netzwerk an der Unterstützung zu hindern.

Die Polizeibehörden stehen in der öffentlichen Wahrnehmung und Kritik oft hinter den Inlandsgeheimdiensten zurück. Dabei ignorierten sie zum Beispiel die Kenntnis einer Kontaktliste der drei Flüchtigen, auf denen auch die Freunde verzeichnet waren, die sie aufnahmen. Die ganze Verantwortung der Polizeibehörden zeigte sich zu Beginn der Mord- und Anschlagsserie und der dazugehörigen Ermittlungen. Die Polizei stoppte das Neonazinetzwerk nicht. Sie war, wie wir heute wissen, nicht einmal kurz davor. Denn die meiste Zeit schaute sie nicht in Richtung eines auf der Hand liegenden rassistischen Motivs für die Anschläge und Morde.

Stattdessen lieferten die Ermittler*innen ein Paradebeispiel für institutionellen und auch persönlichen Rassismus. Sie überzogen die Angehörigen und die Überlebenden, ihr jeweiliges Umfeld und ganze Nachbarschaften mit rassistischen Gerüchten von vermeintlichen Mafiaverstrickungen. Plötzlich waren die, die ihre Liebsten verloren hatten, die Verdächtigen und wurden immer und immer wieder drangsaliert. Dieses Verhalten fand in aller Öffentlichkeit statt, es war in allen Zeitungen nachzulesen. Medien gaben diese Ermittlungen meist unhinterfragt wieder, übertrafen die Polizei zum Teil sogar mit rassistischen Verdächtigungen. Wo eine kritische Zivilgesellschaft und allen voran Antifaschist*innen hätten aufmerken müssen, wenn Menschen mit Migrationsgeschichte angegriffen und ermordet werden und auch, wenn so über diese Morde berichtet wird, blieb es still. Die Angehörigen und Überlebenden forderten bei der Polizei, bei Interviews und auf der Straße, in Richtung rechts zu ermitteln. Doch das Zusammenspiel aus Rassismus und Ignoranz, der NSU-Komplex, sollte noch bis November 2011 im Verdeckten fortwirken.

Die Polizei stoppte das Neonazinetzwerk nicht. Sie war, wie wir heute wissen, nicht einmal kurz davor.

2021

Mit der Selbstenttarnung des NSU in Eisenach vor zehn Jahren trat der NSU-Komplex in eine neue Phase ein, in der das Zusammenspiel zwischen Rassismus und Ignoranz, trotz kritischer Beschäftigung mit dem Thema von antirassistischer, antifaschistischer und zivilgesellschaftlicher Seite, fortgesetzt wurde – wenn auch auf andere Weise. Denn auf breiter Ebene gab es auch nach 2011 keine angemessene Reaktion auf die Morde an Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter, auf die rassistischen Sprengstoffanschläge in Nürnberg und Köln. Die versprochene vollständige Aufklärung gab es nicht, sie wurde auch nicht erzwungen, weil es letztlich zu wenig Interesse daran gab und gibt. Dennoch bedeuten zehn Jahre Selbstenttarnung des NSU auch: Von der Nebenklage im NSU-Prozess, von Journalist*innen, engagierten Abgeordneten, Aktivist*innen und Antifaschist*innen wurde viel Wissen über den NSU-Komplex, über Neonazis, rechten Terror, Rassismus, die Polizei, den Verfassungsschutz und nicht zuletzt die deutsche Gesellschaft erarbeitet und erkämpft.

Wäre dieses Wissen ernst genommen worden – wir würden heute vielleicht in einer anderen Gesellschaft leben: in einer Gesellschaft, in der die Neonaziszene entwaffnet wäre, in der rechte Ideologien aufgearbeitet und zurückgedrängt wären. Doch dem rechten Terror wurde die Grundlage nicht entzogen. Angesichts dessen dürfen Antifaschist*innen nicht aufhören zu erinnern und zu gedenken, sich zu solidarisieren, aufzuklären und um Aufklärung zu kämpfen. Und dies auch vom Rest der Gesellschaft einzufordern.

Caro Keller

ist Teil des bundesweiten antifaschistischen Bündnisses »NSU-Watch«, das seit 2012 die Aufarbeitung des NSU-Komplexes kritisch begleitet.