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|ak 661 | Geschlechter­­verhältnisse

In Zahlen nicht messbar

Statistiken belegen einen kontinuierlichen Anstieg femizidaler Gewalt in Mexiko. Das eigentliche Ausmaß lässt sich mit solchen Daten nicht erfassen

Von Jana Flörchinger

Demonstration nach dem Tod von Isabel Cabanillas, am 25. Januar 2020
Das Kollektiv Hijas de su Maquilera Madre führt am 25. Januar 2020 in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez nach dem Femizid an Isabel Cabanillas eine Demonstration an. Die junge Künstlerin, Mutter und Genossin war am frühen Morgen des 18. Januar 2020 ermordet worden, als sie mit dem Fahrrad nach Hause fuhr. Foto und Text: Alejandra Aragón

Seit Jahren schon gibt es in Mexiko einen stetigen Anstieg sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Queers. Frauenberatungsstellen, feministische Aktivist*innen und NGOs werden nicht müde, dies zu betonen. In kraftvollen Aktionen, breiten Debatten und unermüdlicher Lobbyarbeit wird sexualisierte Gewalt politisiert und immer wieder auf die öffentliche Agenda gesetzt. Gründe dafür gibt es genug: Erst kürzlich bestätigte ein Bericht der mexikanischen Regierung, dass allein im April dieses Jahres im Durchschnitt elf Frauen getötet wurden – jeden Tag.

Der Bericht war Anlass für eine Welle medialer Aufmerksamkeit. Von einem »Höchststand« der Femizidrate war auch in deutschen Medien zu lesen. Ein Blick in die amtliche Statistik der letzten Jahre belegt indes, dass sexualisierte Gewalt mit Todesfolge seit mindestens fünf Jahren durchschnittlich steigt. Seither gab es immer wieder Ausschläge, die die Zahlen von April dieses Jahres zum Teil noch übertreffen. Was aber sagen die Datenlagen über die Realität von betroffenen Frauen und Queers aus? Ein statistischer Höchststand ändert erst einmal nichts – Gewalterfahrungen sind und bleiben für viele alltäglich. Frauen und Queers kämpfen seit Jahren dagegen an. Die Zahlen dokumentieren dabei lediglich das quantitative Ausmaß des Phänomens, sie markieren aber keinen qualitativen Wendepunkt. Sexualisierte Gewalt gehört für Frauen und Queers in Mexiko seit Jahren zum Alltag. Die Statistik verdeutlicht vor allem, wie sehr sich diese normalisiert hat.

Die Statistik verdeutlicht vor allem, wie sehr sich die Gewalt gegen Frauen und Queers normalisiert hat.

So schwanken die Zahlen schon seit einigen Jahren zwischen sieben und elf ermordeten Frauen pro Tag in Mexiko, je nach Erhebungsverfahren und durchführender Institution. Solche Statistiken sind makaber, weil sie den Eindruck erwecken, das Ausmaß femizidaler Gewalt ließe sich rein zahlenmäßig erfassen und gleichsam »verwalten«. Dabei vermögen sie immer nur einen Teil der Dimensionen von Gewalt gegen Frauen darzustellen. Andererseits sind statistische Erhebungen ein unerlässliches Instrument, um Aufmerksamkeit für das Problem zu generieren. Und sie sind zugleich Grundlage für politische Forderungen. Für eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Phänomen bleibt es dennoch zentral, den politischen Kontext und die patriarchalen Logiken in den Blick zu nehmen, um Ursachen und Funktion von sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen.

Politischer Unwille und Verharmlosung

»Das Problem in Mexiko ist, dass femizidale Gewalt keine politischen Kosten hervorruft«, erklärt in diesem Zusammenhang die Aktivistin und feministische Wissenschaftlerin an der Nationalen Autonomen Universität Mexiko (UNAM), Emanuela Borzacchiello. Sie beschäftigt sich mit femizidaler Gewalt als sozialer Kontrolle und mit feministischen Gegenstrategien. Berichte von Betroffenen verdeutlichen, wie mühsam und retraumatisierend es sein kann, eine Anzeige gegen den Täter zu erstatten. Unterfinanzierte Behörden sowie ein politischer Unwille seitens der Regierung, das Problem anzupacken, machen deutlich: Sexualisierte Gewalt wird nicht ernstgenommen. Erst kürzlich behauptete der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Oprador, dass Gewalt gegen Frauen während der Pandemie zurückgegangen sei. Dass aber betroffene Frauen und Queers insbesondere im Kontext häuslicher Gewalt kaum Zufluchtsorte haben, um Aggressionen zu entkommen, ließ der Präsident, der stets die Einheit der Familie und traditionelle Geschlechterrollen proklamiert, außen vor.

Aktivist*innen demonstrieren nach dem Mord an Isabel Cabanillas
Eine Aktivistin rennt von der Grenzbrücke Paso del Norte an der Grenze zwischen den USA und Mexiko bergauf. Von beiden Seiten der Grenze versammelten sich Aktivist*innen in der Mitte der Brücke, um ihre Kräfte zu vereinen und Aufklärung über den Mord an Isabel Cabanillas sowie über hunderte Femizide und Berichte über vermisste Frauen an der Grenze zu fordern. Foto und Text: Alejandra Aragón

Betroffene Frauen und Queers nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Wege, um die Gewalt, die sie erfahren, zu anzuzeigen. Das Problem liegt darin, dass ihnen häufig nicht geglaubt wird oder zuständige Sachbearbeiter*innen und Ärzt*innen Erfahrungen um sexualisierte Gewalt nicht ernst nehmen. Bis zu 98 Prozent aller Verbrechen in Mexiko bleiben straflos – auch Femizide werden juristisch kaum verfolgt oder überhaupt als solche dokumentiert.

Gegenstrategien im Lockdown

Dabei sind Femizide laut mexikanischem Gesetz ein eigener Straftatbestand. Dies ist eine wichtige Errungenschaft feministischer Kämpfe der letzten Jahrzehnte. Wenn bestimmte Merkmale wie beispielsweise Anzeichen sexualisierter Gewalt während der Tat oder ein persönliches Verhältnis zwischen Opfer und Täter vorliegen, muss die Ermordung einer Frau als Femizid geahndet werden. In diesem Fall unterliegen die Untersuchungen bestimmten Vorschriften, um beispielsweise das Machtverhältnis zwischen Täter und Opfer besser sichtbar zu machen. Ökonomische Abhängigkeiten oder Mechanismen psychischer Gewalt, die die Einordnung als Femizid begründen können, lassen sich so besser sichtbar machen.

In Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit nimmt die Gefahr von häuslicher Gewalt gegen Frauen zu.

Auch wenn schon seit einigen Jahren ein Anstieg der Gewalt zu beobachten ist, muss die aktuelle Situation auch im Kontext der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus betrachtet werden. Denn gerade in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit, nimmt die Gefahr, insbesondere von häuslicher Gewalt gegen Frauen, zu. Ökonomische Präkarität oder logistische Herausforderungen in der Alltagsorganisation führen zu Stress und schüren Unsicherheit. Bereits schwelende Konflikte können sich verschärfen und eine Gewaltspirale in Gang setzen. Hinzu kommt, dass betroffene Frauen den eignen Wohnort nicht verlassen können und dem Aggressor so jederzeit ausgesetzt sind. Hilfetelefone und Beratungsstellen sind überlastet, nachbarschaftliche Netzwerke weitestgehend außer Kraft gesetzt und öffentliche Orte geschlossen. Wichtige Strukturen, um vor Gewalt zu flüchten oder Unterstützung zu fordern, funktionieren in Zeiten des Lockdowns nicht.

Frauen hätten somit keinen Zufluchtsort, beschreibt Borzacchiello den grundsätzlichen Zusammenhang der aktuellen Ausgangssperre mit dem Anstieg sexualisierter Gewalt. So seien auch die Fälle vermisster Frauen zwischen zwölf und 20 Jahren während der Pandemie prozentual gestiegen. »Das zeigt uns, dass Frauen, die wegen des Virus eingesperrt sind, keine sicheren Räume haben, um sich zu retten.«

Auch in Zeiten des Lockdown kämpfen Feminist*innen in Mexiko indes weiter gegen die unerträglichen Zustände: Viele setzen einerseits auf den Austausch von Wissen und Erfahrung und andererseits auf die Stärkung solidarischer Netzwerke. »Seminare und Konferenzen, die online stattfinden, Debatten weiterführen oder ganz konkret Netzwerke zur Unterstützung von Sexarbeiterinnen aufbauen, die von einem auf den anderen Tag in vielen Fällen nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihren Wohnort verloren haben, weil sie die Hotels, in denen sie arbeiten, verlassen mussten«, zählt Borzacchiello die Vielfältigkeit feministischer Organisierung und Supports während der Pandemie auf. Das Kernanliegen feministischer Kämpfe bleibt schließlich auch unter den erschwerten Bedingungen häuslicher Quarantäne, zunehmender ökonomischer Unsicherheiten und einer ungebrochen hohen Gewaltrate: Beziehungen knüpfen, die auf Gemeinschaft und Fürsorge basieren.

Jana Flörchinger

Jana Flörchinger arbeitet soziologisch zu kollektiver Körpererfahrung und nimmt insbesondere feministische Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt in den Blick. Sie ist Teil der queerfeministischen Aktionsgruppe she*claim.