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|ak 659 | Geschlechter­­verhältnisse

Häusliche Gewalt eindämmen

Ans Hartmann über die Zunahme geschlechtsspezifischer Gewalt und die Unterfinanzierung von Hilfseinrichtungen

Interview: Bilke Schnibbe

Das eigene Zuhause ist für viele in der Krise kein sicherer Ort. Foto: Mohammad Fahim

Expert*innen rechnen aufgrund der Ausgangsbeschränkungen mit einem Anstieg häuslicher Gewalt in Deutschland. Seit Jahren beklagen Beratungsstellen und Frauenhäuser fehlende Gelder und Infrastruktur. Politik und Öffentlichkeit reagierten wenig. Zu der Frage, wie die Unterstützungseinrichtungen auf ein mögliches Steigen der Betroffenenzahlen vorbereitet sind und wie es nach der Krise weitergehen sollte, hat ak mit Ans Hartmann vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) gesprochen.

Aus China und Italien, wo Ausgangssperren und soziale Isolation schon länger vorgeschrieben sind, hört man von steigenden Zahlen häuslicher Gewalttaten. Wie schätzt ihr beim bff die Lage ein? Was macht die Isolation mit der Situation von Frauen beziehungsweise Kindern?

Ans Hartmann: Geschlechtsspezifische Gewalt war schon vor Corona überall ein breites gesellschaftliches Problem. Durch die Ausgangsbeschränkungen ist die Situation für Betroffene schwieriger, die Gewalt kann schneller eskalieren. Für Menschen, die im eigenen Zuhause sexualisierte, körperliche oder psychische Gewalt erleben, brechen durch Ausgangsbeschränkungen Möglichkeiten weg, sich der Gewalt zu entziehen und bei sozialen Kontakten Unterstützung zu erhalten. Faktoren, die bei Gewalt im sozialen Nahraum ohnehin meist eine Rolle spielen, können sich durch Isolation und existenzielle Ängste noch zuspitzen; wie zum Beispiel finanzielle Abhängigkeiten, Angst vor Repressionen etwa bei Polizeikontrollen, Angst um gemeinsame Kinder und so weiter. Generell ist eine so unsichere Situation belastend – auch für Menschen, die aktuell nicht betroffen sind, aber in der Vergangenheit geschlechtsspezifische Gewalt erfahren haben. Der Wegfall von erarbeiteten Umgangsstrategien – Selbsthilfegruppen, Sport, Community, Aktivismus oder Therapiesitzungen – und der Kontrollverlust können retraumatisierend sein.

Bemerkt ihr in eurer Arbeit bereits einen Unterschied zu der Situation vor dem Kontaktverbot beziehungsweise Ausgangsbeschränkungen?

Was wir momentan vor allem bemerken, ist das gestiegene Medieninteresse. Einen signifikanten Anstieg der Anfragen bei den Beratungsstellen erwarten wir erst, wenn die Krise vorbei ist und es einfacher wird, allein zu telefonieren oder bei einer Stelle vorbeizugehen. So war es auch in China.

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotruf (bff)

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotruf (bff)
organisiert rund 200 Hilfeeinrichtungen. Diese leisten in Deutschland den Hauptanteil der ambulanten Beratung und Hilfestellung bei geschlechtsspezifischer Gewalt. Darüber hinaus sensibilisiert der bff durch Öffentlichkeitsarbeit Politik und Medien im Themenbereich geschlechtsspezifische Gewalt und gibt Fachwissen an Fachkräfte weiter.

Wie ist das Versorgungssystem aktuell einzuschätzen? Werden Beratungsstellen und Frauenhäuser einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen gewachsen sein?

Schon vor der Krise konnte man nicht von einem flächen- und bedarfsdeckenden Unterstützungssystem reden. Die meisten Fachberatungsstellen sind chronisch unterfinanziert, es fehlt bundesweit an Frauenhausplätzen. Hinzu kommt, dass die Zugänge für bestimmte Gruppen ohnehin erschwert sind, zum Beispiel für Frauen mit Behinderungen, geflüchtete Frauen, trans Personen und queere Menschen. Trotzdem sind Beratungsstellen erprobt im Umgang mit saisonalem Anfragenzuwachs. Es bräuchte jetzt dennoch unbürokratische finanzielle Hilfen und Planungssicherheit.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat im März einen recht kurzen Maßnahmenplan vorgelegt, mit dem auf die Zunahme von Gewalt gegen Frauen aufgrund der Isolation reagiert werden soll. Was wird da vorgeschlagen und wie bewertet ihr das?

Der Plan verweist vorwiegend auf bereits existierende Maßnahmen der Bundesregierung zum Gewaltschutz und beinhaltet Gelder aus dem Sozialschutz-Hilfspaket zur Absicherung sozialer Dienstleister. Das Problem ist, dass aktuell ca. 90 Prozent der Fachberatungsstellen nicht darunterfallen, da die Gelder nur beansprucht werden können, wenn die Einrichtung einen Träger hat, dessen Leistungen im Sozialgesetzbuch geregelt sind. Das sollte angepasst werden.

Was müsste jetzt eigentlich passieren? Was hätte schon vorher passieren müssen?

Wir brauchen schnelle und unbürokratische Aufstockungen aller Hilfseinrichtungen, auch um sichere digitale Infrastruktur, Online-Beratung und telefonische Sprechzeiten auszubauen. Es müssen zusätzliche Unterkünfte für Betroffene bereitgestellt werden, die gleichzeitig Sicherheit und Anonymität ermöglichen. Hilfreich wäre auch die Anerkennung der sogenannten Systemrelevanz für die Mitarbeitenden. Die Forderung nach einer besseren Finanzierung gibt es schon sehr lang. Nur wenn die Maßnahmen langfristigen Charakter haben, werden sie auch nach der Krise zu strukturellen Verbesserungen und einem besseren Zugang für mehr Betroffene führen. Auch das Problem mit den Frauenhausplätzen wird nicht gelöst sein, wenn Hotels, die gerade als Notlösung dienen, wieder in regulären Betrieb genommen werden.

Digitale Gewalt

Je mehr digitale Medien den Alltag prägen, desto mehr werden sie auch zu Schauplätzen sexistischer Gewalt. Der bff klärt mit der Kampagne digital + real auf Facebook und Instagram über digitale Gewalt und Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, auf. Digitale Gewalt ist eine Form von Beziehungsgewalt, die via Internet, Smartphone oder Social Media ausgeübt wird. Anfang des Jahres schlug ein Vorfall auf dem linken Festival »Monis Rache« Wellen. (ak 657) Dort hatte ein Mann Menschen beim Toilettengang gefilmt und Aufnahmen von Frauen auf einer Pornoseite hochgeladen – ein Fall digitaler Gewalt. Oft sind aber auch Partner oder Ex-Partner Täter. Digitale Beziehungsgewalt umfasst die Kontrolle der Kommunikation, das Ausspionieren von Telefonen oder das Bloßstellen in sozialen Netzwerken. Gerade in Trennungsphasen kommen digitale Bedrohungen und Kontrollversuche häufig vor. Auch Hatespeech ist eine verbreitete Form digitaler Gewalt. Das Ziel rassistischer oder sexistischer Kommentare ist es, die attackierten Menschen und ihre Stimmen aus dem Netz zu verdrängen. Digital + real bietet Informationen, Tipps und Beratung.

Wie arbeiten Beratungsstellen und Frauenhäuser nun? Wie beeinflusst die Pandemie die Einrichtungen und Hilfsmöglichkeiten abgesehen von potenziell steigenden Zahlen?

Es geht jetzt darum, Unterstützung unter den aktuellen Bedingungen zu ermöglichen und bestehende Beratungskontakte nicht abbrechen zu lassen sowie Kapazitäten und Unterkünfte für neue Kontakte bereitzustellen. Auch mit Schutzmaßnahmen und Ausfällen die Mitarbeitenden und Einrichtungen betreffend muss umgegangen werden. Wir als Dachverband versuchen, die Beratungsstellen dabei so gut wie möglich auf dem Laufenden zu halten.

Habt ihr Empfehlungen für Betroffene, insbesondere, wenn es grade schwierig ist, aufgrund der Kontaktverbote und Ausgangssperren räumlich auszuweichen?

Die Beratungsstellen sind nach wie vor da und erreichbar – viele haben ihre telefonischen Beratungszeiten ausgeweitet. Auf der Webseite des bff gibt es eine umfangreiche Datenbank mit Unterstützungseinrichtungen, Informationen zu Hotlines, die rund um die Uhr erreichbar sind. Wir wollen ganz klar sagen: Ihr seid nicht allein, meldet euch bei uns! Auch rechtliche Maßnahmen, wie die Wegweisung aus der Wohnung durch die Polizei oder das Erwirken von Kontakt- und Näherungsverboten können mit den Beraterinnen besprochen werden.

Was können Menschen, zum Beispiel aus der Nachbarschaft, tun, wenn sie häusliche Gewalt mitbekommen oder auch einen Verdacht haben, dass in ihrer Nähe Menschen von häuslicher Gewalt betroffen sind?

Auch Unterstützerinnen und Unterstützer können sich jederzeit bei Beratungsstellen informieren. Gewalt ist keine Privatsache. Auch in diesen Zeiten ist es wichtig, solidarisch und aufmerksam zu sein und Hilfe anzubieten – im Hausflur, digital oder auch, indem man klingelt und nach Salz fragt. Wer sich um Kinder sorgt, findet auch bei entsprechenden Hotlines Beratung.

In Zeiten der Pandemie ist Gewalt gegen Frauen und Kinder auf einmal in allen Medien, obwohl ihr euch mit eurer Arbeit schon seit Jahren für mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt einsetzt. Wie bewertet ihr das und was heißt das für eure Arbeit?

Die mediale Aufmerksamkeit für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt ist immer abhängig von Ereignissen. Sicher hoffen wir meistens, dass sich daraus Veränderungen im gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein ergeben. In den letzten Jahren ging es aber häufig auch darum, gegen die rassistische und rechtspopulistische Instrumentalisierung des Themas anzureden. Medien fällt es schwer, die Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Probleme abzubilden. Den Menschen in Moria und anderen Lagern helfen keine Hotlines, Hanau ist erst wenige Wochen her. Das Recht auf ein gewaltfreies Leben und Unterstützung sollte nicht erst relevant sein, wenn Pandemien ausbrechen oder Menschen von rechten Terroristen getötet werden.

Bilke Schnibbe

Bilke Schnibbe ist Redakteur*in bei ak.