Das Ende der Welt
Irans Protestierende könnten zum Spielball der Geopolitik werden
Von Sanaz Azimipour
Ein politischer Aktivist aus Teheran schreibt am 13. Januar auf Instagram: »Wir leben noch – und solange wir leben, sind wir eine potenzielle Bedrohung. Das Blut all jener, die getötet wurden, fließt in unseren Adern. Es spielt keine Rolle, wie viele von ihnen ›zu uns‹ gehörten oder ›gegen uns‹ waren. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam in der bislang umfassendsten zeitgenössischen demokratischen Erhebung gegen eines der kriminellsten Regime der Geschichte standen. Jahrelang haben jene, innerhalb Irans wie außerhalb, die sich die Kontrolle über offizielle und soziale Medien angeeignet haben, behauptet, die Stimme der Unterdrückten im Nahen Osten zu sein, während sie angesichts der ungehemmten Verbrechen der ›inneren Besatzer‹ nichts als Schweigen boten. Heute sind ihre Masken gefallen. Sie müssen wissen, dass ihre Hände mit dem Blut jedes einzelnen Jugendlichen befleckt sind, der massakriert wurde, ebenso wie mit dem Blut jener, die in diesem Moment Folter und Hinrichtung ausgesetzt sind. (…) Doch ich glaube, dass es genügend solidarische Freund*innen gibt, die als Resonanzraum für Schmerz, Leid und die Stimme der inneren Unterdrückung wirken können. Freund*innen, die es den Opportunist*innen und den Schweigenden dieses Mal nicht erlauben werden, sich der Verantwortung zu entziehen. Lasst uns gegenseitig unsere Stimme sein. Mehr ist uns nicht geblieben.«
Seit mehr als 160 Stunden (Stand 15. Januar) herrscht ein nahezu vollständiger Internet-Blackout im Iran, während die Zahl der Toten weiter steigt. Das Regime geht mit brutaler Gewalt gegen die Protestierenden vor. In den wenigen Videos, die durchkommen, sehen wir die Leichen der Protestierenden in Plastiksäcken auf den Straßen. In Kahrizak werden Bilder von entstellten Körpern auf Monitoren gezeigt, während Angehörige in langen Reihen warten, um die Opfer zu identifizieren. »Es ist wie Covid«, sagt jemand. »Fast alle haben jemanden aus ihrer Familie verloren«.
In den Städten herrscht eine gespenstische Stille. Bewaffnete Milizen patrouillieren auf den Straßen. Welchen Höhepunkt kann Faschismus noch erreichen, und wie weit kann die Entwertung menschlichen Lebens noch gehen?
Seit Donald Trump erneut Drohungen gegen den Iran ausgesprochen hat, verschiebt sich der Diskurs. Am 14. Januar erklärte der US-Präsident, es habe bislang keine Hinrichtungen gegeben, und betonte, die Protestierenden seien bewaffnet gewesen. Im Anschluss sendete Fox News ein Interview mit Abbas Araghchi, dem Außenminister der Islamischen Republik. Dort durfte er »seine Perspektive erklären« und behauptete, die Getöteten wären in Wahrheit Terroristen.
Es scheint, als hätten das Regime und Trump einen Deal gemacht. Es entsteht der Eindruck, als würde das Regime seine Macht stabilisieren. Und unweigerlich stellt sich die Frage: Was geschieht, wenn das Monster, dessen Institutionen bereits verbrannt werden, auch dieses Mal unbeschadet aus der Krise hervorgeht?