Das Scheitern des grünen Kapitalismus
Trotz dramatischer Warnsignale zementiert die globale Politik die fossile Ordnung
Von Christian Zeller
An der 30. Weltklimakonferenz, der COP30, vom 10. bis 21. November 2025 in Belém stecken die mächtigen Staaten und die Interessensvertreter*innen großer Konzerne ihre wirtschaftlichen Ansprüche ab. Die zugespitzten geopolitischen Spannungen bilden die Kulisse und erschweren Einigungsprozesse. Diese »Klimakonferenz« – so wie ihre Vorgängerinnen – hat mit einer Transformation weg von den fossilen Energieträgern nichts zu tun.
Die US-Regierung unter Trump hat sich vom Pariser Klimaabkommen von 2015 verabschiedet. Kürzlich bezeichnete der US-Präsident den »Klimawandel« als »Betrug«. Neue »Klimaziele« sind kein Thema. Bis Februar dieses Jahres haben die meisten Staaten ihre Verpflichtung ohnehin nicht eingelöst, ihre bis zum Jahr 2035 zu erreichenden Klimaziele zu benennen. Und die in der vorhergehenden Fünf-Jahresperiode vorgelegten nationalen Klimaziele waren allesamt ungenügend. Sie hätten die Erderhitzung bei ihrer Erfüllung auf weit über zwei Grad über den vorindustriellen globalen Durchschnitt getrieben. Die Europäische Union einigte sich erst kürzlich nach einer langen Feilscherei auf ihre neuen Ziele und schraubt ihre früher formulierten Vorgaben zurück. Sie will die Emissionen bis 2035 noch um 66,25 bis 72,5 Prozent im Vergleich zum Niveau von 1990 senken. Zudem will die EU für ihr eigenes Emissionsziel 2040 auch Investitionen in Emissionsminderungen außerhalb der EU anrechnen. Den Start des neuen Emissionshandels für Verkehr und Gebäude verschiebt sie auf 2028. Das Gastgeberland Brasilien ist nicht besser. Es treibt mit seinem nationalen Champion Petrobras den Ausbau der Ölförderung energisch voran.
Anpassung an die Barbarei
An der Konferenz in Belém geht es um Strategien zur Anpassung an die Erderhitzung und Indikatoren zur Messung der Anpassungserfolge. Ein weiteres Schlüsselthema ist die »Klimafinanzierung«. Auf der COP29 letztes Jahr in Baku willigten die frühindustrialisierten Staaten ein, die Entwicklungsländer mit mindestens 300 Milliarden US-Dollar jährlich für Klimaschutz und Anpassungen zu unterstützen. Doch darüber, woher das Geld kommt und wohin es unter welchen Bedingungen fließen soll, wird weiterhin gestritten. Ein zentrales Projekt besteht in der Ausweitung von Kohlenstoffmärkten. Das freut die Akteur*innen auf den Finanzmärkten.
Das Konferenzspektakel wirkt angesichts der durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verursachten massiven Veränderungen des Erd- und Klimasystems reichlich zynisch. Der jüngst publizierte Lancet Countdown Report berichtet, dass jedes Jahr Millionen von Menschen aufgrund von Hitze, Luftverschmutzung, Ausbreitung von Krankheiten und einer sich verschlechternden Ernährungsunsicherheit ihr Leben verlieren. Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle ist seit den 1990er Jahren um 63 Prozent gestiegen und erreichte zwischen 2012 und 2021 durchschnittlich 546.000 Todesfälle pro Jahr. Das Jahr 2024 war das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen, wobei die am stärksten gefährdeten Personen (unter einem Jahr und über 65 Jahre) im Durchschnitt mehr als 300 Prozent zusätzlichen Hitzewellen-Tagen ausgesetzt waren, verglichen mit dem Jahresdurchschnitt zwischen 1986 und 2005. Extreme Niederschläge mit Sturzfluten und Erdrutschen sowie Dürren nahmen auf über 60 Prozent der Landfläche der Erde zu. Diese Klimaextreme beeinträchtigen die Ernteerträge, stören die Lieferketten und gefährden die Ernährungssicherheit. Das erhöhte Risiko der Übertragung tödlicher Infektionskrankheiten und die durch fossile Brennstoffe verursachte Luftverschmutzung kommen noch dazu. Kurzum: Die Kapitalherrschaft zwingt die Menschheit zum Marsch in die Barbarei.
Ohne die Vorteile der fossilen Energien – einfache Speicherung, Transportfähigkeit, hohe Energiedichte und hohe Energieernte – verlöre die kapitalistische Akkumulationsmaschinerie den zentralen Treibstoff.
Trotz dieser alarmierenden Befunde lässt sich keine Trendumkehr bei den globalen Treibhausgasemission feststellen. Gemäß dem Anfang November publizierten Emission Gap Report stiegen die gesamten Treibhausgasemissionen (CO2, Methan, Lachgas etc.) 2024 weltweit um 2,3 Prozent auf 53,7 Gigatonnen CO2-Äquivalente an (im Vorjahr um 1,6 Prozent). Diese Steigerung entspricht etwa der jährlichen Zunahme der Emissionen in den 2010er Jahren, ist aber viermal höher als in den 2000er Jahren. Laut Global Carbon Project werden die CO2-Emissionen einschließlich Landnutzänderungen dieses Jahr um 1,1 Prozent auf die Rekordhöhe von 42,2 Gigatonnen CO2 ansteigen. In der EU und den USA nehmen die CO2-Emissionen entgegen dem langjährigen Trend sogar wieder zu. Das bislang massive Wachstum in China und Indien schwächt sich ab.
Die von mir bereits vor über zwei Jahren analysierte fossile Gegenoffensive hat sich durchgesetzt. Die Illusionen in einen grünen Kapitalismus sind mittlerweile verflogen. Die COP28 vor zwei Jahren in Dubai segnete den fossilen Backlash ab (ak 699). Die Entwicklung zeigt: Es gibt keine klimarelevante Energietransition, vielmehr vollzieht sich ein Zubau erneuerbarer Energien auf die fossile Basis der kapitalistischen Wirtschaft.
Gemäß dem Energy Outlook 2025 stieg der weltweite Gesamtenergiebedarf von 2010 bis 2023 um jährlich durchschnittlich 1,3 Prozent, 2024 aber um mehr als zwei Prozent. Die Energieintensität, das Maß für den Energieverbrauch im Verhältnis zur produzierten Wirtschaftsleistung, sank von 2010 bis 2019 um durchschnittlich etwa zwei Prozent pro Jahr. 2024 ging sie nur um 1,1 Prozent zurück. Die Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz erschöpfen sich. Die globale Elektrizitätsnachfrage nahm 2024 allerdings um 4,3 Prozent zu, weit mehr als in den Jahren zuvor. Die Weltwirtschaft wurde also stromintensiver. Doch die fossilen Energien machten weiterhin 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs aus. Auch 2024 waren die Investitionen in fossile Energien höher als jene in die erneuerbaren Energien.
Die rasch steigende Nutzung von Künstlicher Intelligenz und der Aufbau riesiger Datenzentren sind für die riesige Steigerung des Stromverbrauchs mitverantwortlich. Ihr Anteil beläuft sich bereits auf 1,5 Prozent des globalen Stromkonsums. In Europa sind es drei Prozent und in Irland sogar 20 Prozent. Dabei ist zu beachten, dass die Datenzentren eine konstante Elektrizitätsversorgung brauchen. Das spricht gegen die unvorhersehbaren Angebotsmuster der Erneuerbaren, solange nicht eine umfassende Netz- und Speicherinfrastruktur besteht.
Ölverbrauch wird ansteigen
Der World Energy Outlook 2025 der Internationalen Energieagentur (IEA) integriert erstmals seit 2019 wieder ein Szenario, das die gegenwärtige Entwicklung und Politik fortschreibt und auf dieser Grundlage den Energieverbrauch bis 2050 modelliert. Damit verabschiedet sie sich von den zuweilen optimistischen Darstellungen einer Energietransition in den letzten Jahren. Dieses »Current Policies Scenario« (CPS) bildet die Entwicklungstendenzen wesentlich realistischer ab als das »Stated Policies Scenario« (mit einem Öl-Peak um 2030) oder das unter kapitalistischen Bedingungen vollständig illusorische normative Klimaneutralitätsszenario bis 2050. Ähnliche Szenarien der Ölkonzerne und der OPEC haben sich in der Vergangenheit verhängnisvollerweise als ziemlich realistisch erwiesen.
Der globale Energieverbrauch steigt im CPS in den nächsten zehn Jahren um etwa 1,3 Prozent pro Jahr, ähnlich wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Die Nachfrage nach Öl steigt bis 2050 auf 113 Millionen Barrel pro Tag, was hauptsächlich auf den vermehrten Einsatz in Schwellen- und Entwicklungsländern für den Straßenverkehr, petrochemische Rohstoffe und die Luftfahrt zurückzuführen ist. Die weltweite Nachfrage nach Erdgas steigt bis 2050 auf 5.600 Milliarden Kubikmeter. Die Vereinigten Staaten bleiben bis 2050 der weltweit größte Öl- und Gasproduzent. Die Ölproduktion der OPEC+ liegt 2050 allerdings um 15 Prozent höher als jemals zuvor in der Geschichte.
Der Strombedarf steigt in allen Ländern und Regionen. Solarphotovoltaik (PV) und Windenergie sind in vielen Regionen kostengünstig, aber ihre Einführung steht vor Integrationsherausforderungen, die das weitere Wachstum verlangsamen: Die jährlichen Kapazitätszuwächse bei Solar-PV betragen bis 2035 durchschnittlich 540 Gigawatt und entsprechen damit in etwa den Zuwächsen von 2024.
Kohle bleibt in den nächsten zehn Jahren die größte einzelne Quelle der weltweiten Stromerzeugung. Allein die Volksrepublik China, die von unkritischen Zeitgenoss*innen nach den verflossenen Illusionen der grünen Modernisierung in Europa nun als letzter Anker einer Energietransition bestaunt wird, baut derzeit so viele Kohlekraftwerke wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Energiesicherheit ist auch in der aufstrebenden imperialistischen Macht China wichtiger als der ökologische Umbau. Der Bau neuer Kernkraftwerke beschleunigt sich weltweit in den 2030er Jahren. Dieses Szenario läuft auf eine Erwärmung von rund drei Grad bis Ende des Jahrhunderts hinaus.
Strategische Irrtümer der Linken
Das Beharrungsvermögen des fossilen Kapitals ist jedoch nicht nur das Ergebnis des Aufstiegs nationalkonservativer und faschistischer Kräfte. Vielmehr ist die kapitalistische Produktionsweise komplett mit den fossilen Energieträgern verwoben. Ohne die Vorteile der fossilen Energien – einfache Speicherung, Transportfähigkeit, hohe Energiedichte und hohe Energieernte – verlöre die kapitalistische Akkumulationsmaschinerie den zentralen Treibstoff. Investitionen in fossile Energien sind um ein Vielfaches profitabler als in die Erneuerbaren. Große Finanzunternehmen haben ihre vollmundigen Ankündigungen über ihre »grünen« Anlagestrategien längst aufgegeben. Die sogenannte Net-Zero Banking Alliance großer Finanzinstitute hat sich aufgelöst. Green Finance fristet ein Schattendasein. Zudem wird oft vergessen, dass der Aufbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien weitgehend mit fossiler Energie bewerkstelligt wird. Die mit diesem Energiebedarf verbundenen CO2-Emissionen übersteigen bereits das noch vorhandene Budget, um das sogenannte 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Diese strukturellen ökonomischen und die energetischen Sachverhalte sowie die Erfordernisse einer wirklichen Energietransition machen klar: Es kann keinen nicht-fossilen Kapitalismus geben. Der Akkumulationszwang lässt sich auf der Grundlage erneuerbarer Energien nicht einlösen. Eine kapitalistische Energiewende ist unmöglich.
Politischen Diskurse zu untersuchen, ist interessant, hilft aber nicht dabei, die materiellen und ökonomischen Dynamiken und Zwänge der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus zu verstehen.
Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass der Diskurs über den Wettstreit zwischen einem fossil-reaktionären und einem grün-modernistischen Hegemonieprojekt, der vor allem unter kritischen und sich oftmals an Gramsci orientierenden Sozialwissenschaftler*innen sowie im linken Spektrum stark vertreten ist, ein gigantischer Trugschluss ist. Die Protagonist*innen dieser Interpretation haben die politischen Diskurse untersucht. Das ist interessant, hilft aber nicht, die materiellen und ökonomischen Dynamiken und Zwänge der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus zu verstehen.
Dieser Diskurs über das grün-modernistische Hegemonieprojekt hat zu zwei verhängnisvollen strategischen Irrtümern von beträchtlichen Teilen der Klimabewegung und der Linken beigetragen. Erstens haben sie die fossile Beständigkeit des Kapitalismus unterschätzt und damit die Macht des fossilen Kapitals – den Hauptgegner – aus den Augen verloren. Zweitens haben sie die grüne Modernisierung für wahrscheinlich erachtet und positionierten sich in diesem Rahmen primär als linke sozialökologische Korrekturkraft zu diesem Modernisierungsprojekt, dem letztlich aber materielle Grundlagen fehlen. Solange es nicht einmal ansatzweise gelingt, die Macht des fossilen Kapitals und des mit ihm engverknüpften Finanzkapitals zu untergraben, bleibt jeder Diskurs über eine »sozialökologische Transformation« hohl. Auf den Klimakonferenzen wird nicht über eine Energietransition verhandelt, sondern darüber, welche Mächte und Kapitalgruppen ihre Interessen beim Zubau erneuerbarer Energien auf fossiler Grundlage – aber unter sich rasch verändernden geopolitischen und geoökonomischen Verhältnissen – als »klimafreundlich« darstellen und durchsetzen können. Wichtiger als den einen oder anderen diplomatischen Vorstoß kritisch zu begleiten, ist es, zu überlegen, wie sich die Macht der fossilen Konzerne und ihrer politischen Interessensvertreter*innen wirklich in Frage stellen lässt.