Welche Wörter zählen?
Ob man sich von der Muttersprache emanzipieren kann, fragen zwei Romane in Zeiten des Ukrainekrieges
Glücklicherweise wird regelmäßig danach gefragt, »warum Russland dekolonisiert werden muss und was das eigentlich bedeutet« (ak 718). Nicht zuletzt mit dem Beginn des Ukrainekrieges ist Russisch zu einer Sprache der Aggression geworden. Mitunter wird deshalb der Fokus auf den Komplex der Sprache gelegt, wie etwa die im vergangenen Sommer von der Künstlerin und Aktivistin Daria Makarova organisierte Veranstaltung in Leipzig »Was ist Russisch? Wie können hybride Identitäten in Russland uns helfen, dekolonial zu reden?« eindrucksvoll belegte. Zwei deutschsprachige, autofiktionale Romane haben sich der Sprache in Zeiten des Krieges angenommen. Auf sehr unterschiedliche Weise tun dies Dmitrij Kapitelman in »Russische Spezialitäten« und Anna Melikova in »Ich ertrinke in einem fliehenden See«.
Mit fast erstaunlicher Naivität nähert sich Kapitelman dem Thema. »Seit diesem Krieg«, schreibt er in seinem Roman, »weiß ich überhaupt nicht, was Sprache eigentlich ist. Was sie soll. Was sie will. Was sie kann. Ob sie gehört, wem sie gehört, wohin sie gehört. Wie sehr Sprache der Zeit hörig ist.« Kapitelmans Ich-Erzähler spricht im spezifischen Ton eines in Deutschland aufgewachsenen, russischsprachig-jüdischen Post-Ostlers. Ihm ist die russische Sprache der stets flüchtige, eh schon kaum beherrschbare Rest Herkunft – und Heimat. Das Ich des Romans braucht einen »Sprachinhalator«, um einerseits die schmerzlich fehlenden Wörter der Muttersprache zu kompensieren. Andererseits schützt das imaginierte Gerät in Form von russischer Literatur, später russischem Oppositionsfernsehen die Sprache des Erzählers vor der politischen Vereinnahmung durch seine Mutter, die dem russischen Staatsfernsehen und damit der Staatsräson folgt. Der zentrale Konflikt des Buches lautet poetisch: »Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld«. Dabei ist das Russisch des Buches ein brüchiges Diaspora-Russisch, in dem sich Jargon mit Fehlerhaftem vermischt. In seiner Geburtsstadt Kyjiw sagt der Erzähler zum alten Kindheitsfreund, der sich auf das restlose Verschwinden des Russischen freut: »Na ja, aus meiner kleinen Perspektive ist das so, dass ich hier dann gar keine Sprache mehr habe und alles noch viel fremder wird. Ich noch viel fremder werde. Du beherrschst ja beide Sprachen, für dich ist es etwas anderes.«
Die Sprache blind lieben, das müssen wir auch nicht.
Wie radikal entscheidet sich dagegen das Ich in Anna Melikovas Roman »Ich ertrinke in einem fliehenden See«: »Ich arbeite nicht mehr mit Russland zusammen, ich lese keine russische Literatur mehr, ich schaue keine russischen Filme mehr, ich kommuniziere nicht mehr mit gewissen russischen Bekannten, ich antworte meinen Kyjiwer Freund*innen nicht mehr auf Russisch, wir sprechen nur noch Ukrainisch.« Dieses Ich verlebte seine intensiv russischsprachige Kindheit auf der Halbinsel Krim, druckste sich zunächst ums Ukrainische herum, lebte noch nach 2014 in Moskau, um dann 2016 der Liebe halber in Berlin zu landen und dort letztlich ganz die Muttersprache zu ersetzen. Aus dem Russischen ins Deutsche übertragen von Christiane Pöhlmann, von der Autorin selbst um deutschsprachige Passagen ergänzt, das Ukrainische fett im Text markiert, veranstaltet dieser großartige Roman über Adoleszenz und wildes Denken im vormals sowjetisierten Raum ein polyphones Fest für alle, die zwischen den Zeilen lesen können und wollen.
Doch ob man eine Sprache in einem bewussten, politischen Akt einfach verlassen kann, bleibt fragwürdig im Kampf um Emanzipation. Melikova wählt als eines der Motti für ihren Roman Jorge Semprúns Satz: »Im Grunde ist meine Heimat nicht die Sprache …, sondern das, was gesprochen wird«. Bedeutet Sprache Unterwerfung, dann muss Audre Lordes berühmte These gelten, das Haus des Meisters könne niemals mit seinen Werkzeugen niedergerissen werden, und Melikovas Erzählerin ein Vorbild für gelungene Selbst-Dekolonisation sein.
Dem entgegen steht das Ich bei Kapitelman. Zu Besuch bei den ehemals besten Freunden der Eltern, die die russische Sprache nicht mehr nutzen wollen, stellt der Erzähler fest: »Also müsst ihr eure eigene Muttersprache vergessen?« Die darauffolgende Grabesstille im Wohnzimmer deutet auf das Dilemma, die vermeintlich abgestreifte Sprache untergründig, womöglich unbewusst als Matrix weiter in sich zu tragen. Außerdem bleibt die von Kapitelman formulierte Frage, wem Sprache gehören soll. Während sein Ich sagt: »Die russische Sprache wird den russischen Präsidenten überleben«, ist Melikovas ganzer Roman ein Plädoyer dafür, die fadenscheinige Trennung zwischen Politik und einer vermeintlich neutralen Kultur und ihrer Sprache endlich fahren zu lassen.
Was von alledem trifft zu? Wir können uns aus den Tentakeln der Sprache einstweilen nicht rest- und widerspruchslos befreien. Aber sie blind lieben, das müssen wir auch nicht.
Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten. Hanser, Berlin 2025. 183 Seiten, 23 EUR.
Anna Melikova: Ich ertrinke in einem fliehenden See. Matthes & Seitz, Berlin 2024. 477 Seiten, 28 EUR.