Die scheiß Treppen
Von Frédéric Valin
Behinderung hängt immer auch mit am Körper, und es ist nicht unwichtig, sich das regelmäßig zu vergegenwärtigen. Zum Beispiel sich nicht mehr spüren geht so: Du gehst eine Treppe hoch und denkst, dass du gerade eine Treppe hochgehst, und dann spürst du für einen Moment dein Bein nicht mehr, und dir wird klar: Du bist gar nicht eine Treppe hochgegangen, du hast nur versucht, eine Treppe hochzugehen, und es ist dir nicht gelungen. Und wie kann das sein, was sind das bloß für Menschen, denen es nicht gelingt, eine Treppe hochzugehen? Was werden die Leute von dir denken.
Sie werden denken: Das ist kein Problem, nicht die Treppe hochzukommen, so etwas kann passieren, und wenn wir so jemanden einstellen, der aber alles andere genau gleich macht wie jemand, der sich noch nie die Frage gestellt hat, ob er eine Treppe hochkommt oder nicht (weil er oder sie nicht musste; weil es völlig normal ist, die Treppe hochzukommen; es ist eine völlig abwegige Frage, bis maus plötzlich vor der Treppe sitzt und sie nicht hochkommt und sich denkt: was soll der Scheiß? Und überhaupt: Was ist jetzt der Scheiß? Bin ich jetzt der Scheiß?). Oh sorry, ich hab mich vereschert.
Wenn dir das aber passiert ist, dass du versucht hast, die Treppe hochzugehen und es plötzlich nicht mehr ging, niemand weiß, warum es nicht mehr ging, niemand kann es erklären, und es ist auch nicht wichtig: Es ist einfach so; dann denkst du dir: Scheiße. Ich bin diese Treppe 468 mal hochgegangen, und einmal wollte ich sie hochgehen, und es ging nicht – oder vielmehr: Ich ging nicht. Oder meine Beine gingen nicht, oder mein Gehirn oder alles davon. Sind diese 468 Male eigentlich noch was wert? Was genau sind sie wert? Darf ich diese Treppen nicht hochgehen können? Wie lang? Wie oft muss ich sie nicht hochgehen können, auch 468 mal oder weniger? Sind diese Scheißtreppen am Ende normaler als ich?
Du spürst dein Bein nicht mehr heißt nicht, dass du es nicht spürst, in der Regel spürst du es dann besonders. Du spürst den Schmerz, der davon ausgeht, es nicht mehr zur Verfügung zu haben, es fühlt sich an wie eine Liebe, die unerwidert blieb. Es ist eine Leere rund um dieses Bein, die zu füllen du nicht in der Lage bist. Du bist auch nicht dazu in der Lage, die verflossene Liebe in dir zu füllen, aber ein leeres Bein: Das hat sonst niemand. Du bist alleiner als die anderen, du hast nicht mal deinen Körper.
Du stehst vor dieser Treppe und denkst dir: Scheiße, an mich hat niemand gedacht. Und du denkst dir auch: Hätte ich dieses Bein noch, dann würde ich es schaffen. Dann würde ich diese Treppen schaffen und dieses Leben. Stattdessen musst du lernen, wie es ist, ein Bein weniger zu haben, und das heißt halt nicht, zu lernen, wie man eine Treppe hochkommt, sondern es heißt vor allem, zu lernen, wie man trotzdem versucht, Treppen hochzukommen. Und es wird Menschen ohne Bein geben, denen das nicht schwerfällt, und es wird Menschen geben, die so ein Bein haben und es nicht mehr spüren und denen es trotzdem sehr schwerfällt, so eine Treppe hochzukommen. Und immer muss man die Treppe hoch, und nie darf man sie runterkommen. Und das ist vielleicht das Schlimme daran, dass es immer der Blick von unten nach oben ist, der die Treppe konstituiert. Und das macht die Treppe normaler als die Behinderung.