Barrieren abbauen – eine Anleitung
Von Frédéric Valin
Letzthin werde ich ja recht oft gefragt, ob die Pandemie auch positive Entwicklungen angestoßen hat. Und wenn es überhaupt etwas gibt, das mir dazu einfiele, dann vielleicht eine zarte Annäherung einiger linker Gruppen an die Behindertenrechtsbewegung. Damit diese Annäherung sich aber verstetigen und vielleicht auch zu einem echten Austausch führen kann, braucht es Räume, in denen sich Linke, Behinderte und linke Behinderte treffen können. Und das hieße insbesondere für linke Räume, Barrieren abzubauen.
Mein Eindruck ist, dass es bei vielen Linken eine grundsätzliche Bereitschaft gibt, ihre Räume behinderten Menschen zu öffnen, aber bisweilen eine gewisse Unsicherheit und Unwissenheit vorherrscht, wie man das anstellt. Deswegen an dieser Stelle ein kurzer – und unvollständiger – Servicetext, worauf möglicherweise zu achten ist.
Recht einfach und gut umsetzbar ist eine transparente Kommunikation: direkt auf der Seite der Veranstaltung oder des Veranstaltungsortes darauf hinzuweisen, ob beispielsweise der Zugang barrierefrei ist und welche anderen Maßnahmen vor Ort umgesetzt sind. Dadurch können viele Menschen selbst abschätzen, ob ihnen eine Teilnahme an einer Veranstaltung möglich ist oder nicht.
Was Barrierefreiheit anbelangt, gibt es einige Aspekte, die versehentlich übersehen werden können, etwa die Frage, ob auch die Toiletten barrierefrei sind, ob der Aufzug der nächstgelegenen U- oder S-Bahnstation funktioniert, wenn es eine mobile Rampe gibt, wie viel sie trägt (es gibt Rollstühle, die wiegen schon mal 200 kg; entsprechend ist auch ein Zugang »mit nur einer Stufe« nicht barrierefrei).
Insbesondere für Risikogruppen ist die Information wichtig, wie das Belüftungskonzept aussieht: Gibt es Luftfilter (die inzwischen übrigens nicht sonderlich teuer sind, aber das nur nebenbei)? Gibt es überhaupt Überlegungen zum Luftaustausch, ist sowas wie ein Durchzug möglich? Gibt es eventuell ein CO2-Messgerät, das die Luftqualität anzeigt? (Da gibt es inzwischen, mein Zaunpfahl winkt, brauchbare Geräte für 20 Euro.)
Wichtig ist auch zu wissen, ob es einen Ruheraum gibt, in den sich Leute bei Überforderung zurückziehen können, und auch, ob infektionssichere Räume vorgesehen sind, wo Menschen etwas essen können. Gerade Long Covid geht relativ oft mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten einher. Es ist gar nicht so selten, dass Betroffene ihr eigenes Essen mitbringen, weil sie auf eine Vielzahl von Stoffen allergisch reagieren.
Besonders wenig auf dem Schirm sind im Übrigen Menschen mit Lernschwierigkeiten. Für sie wäre eine große Hürde weg, wenn es zumindest die allgemeinsten Informationen zu Veranstaltungen und dem Ort in einfacher Sprache gäbe. Da geht es nicht nur um die Werbung für politische Diskussionen, sondern ganz explizit auch um festive Abende: Konzerte oder das, was Leute meines Alters in ihrer Dorfjugend Disco genannt haben. Es hilft Menschen mit Sehbehinderung auch, wenn man Sharepics mit Alt-Text ausstattet.
Freilich sind das hier nur erste Ansätze, die helfen sollen, Barrieren abzubauen. Und natürlich ist nicht alles in gleichem Maße umsetzbar. Meine leise Hoffnung ist, jenen, die sich für eine barrierefreiere Welt einsetzen, vielleicht ein paar Anregungen mitgeben haben zu können; mehr nicht. Über Inhaltliches reden wir dann, wenn wir einen gemeinsamen Raum haben.