Torten & Tabletten. Liberalisierte Sterbehilfe
Von Frédéric Valin
Am 4. September starb Niki Glattauer, österreichischer Journalist und Autor. Es war sein eigener Wille, er nahm die Möglichkeit eines begleiteten Suizids in Anspruch. Davor gab er dem Falter und dem Nachrichtenportal Newsflix ein fast einstündiges Interview, um seine Entscheidung einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. Er tat dies, weil er fand, dass zu wenige Österreicher*innen von dieser Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden, wissen.
Niki Glattauers Entscheidung ist seine Entscheidung. Aber es gibt einen Kontext, in den sie eingebettet ist. Es geht um weit mehr als Glattauer, es geht um das Menschsein überhaupt. »Ich will in Würde sterben« ist das Titelzitat, den der Falter gewählt hat. Im Interview selbst sagt Glattauer: »Der Mensch muss das Recht haben zu sagen: ab jetzt will ich nicht mehr leben.«
Die Frage, die sich für jene stellt, die nicht in dieser Situation sind, ist eine andere als die Frage des Erkrankten: warum nicht? Was fehlt an Möglichkeiten zu überleben? Niki Glattauer unterläuft diese Frage, weil er – offensichtlich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und offensichtlich auch in einem tiefen Willen, seine Würde zu bewahren – seinem Sterben den eigenen Stempel aufdrückt und sich eine Autonomie im Sterben, in der Krankheit erhält, die ihn aus dem Kontrollverlust (die Krankheit und Tod ja auch sind) herausholt. Idealerweise ist also die Entscheidung zum Tod eine Entscheidung für die Idee der Individualität.
Es ist kein Zufall, dass es immer wieder Menschen aus der gehobenen Mittelschicht sind, die mit ihrem Entschluss, begleitet Suizid zu begehen, die Öffentlichkeit suchen. Die Wirklichkeit einer liberalisierten Sterbehilfe bildet das nicht ab; zumindest nicht für alle. Eines der Länder, das weltweit die Liberalisierung der Sterbehilfe am weitesten vorangetrieben hat, ist Kanada: MaiD (Medical Assistence in Dying) besteht seit 2016. Fünf Jahre später, 2021, wurde es umfassend erweitert. Im Jahr 2023 haben 15.343 Menschen das Programm in Anspruch genommen, das sind fast fünf Prozent aller landesweiten Todesfälle.
Die Idee, der eigenen Krankheit – oder im Falle Kanadas auch der eigenen Behinderung – individuell zu begegnen hängt eng mit einem individualistischen Konzept von Behinderung und Krankheit zusammen. Die Idee, dass Behinderung und Krankheit auch soziale Konstrukte sind, kommt in dieser Erzählung nicht vor. Deswegen dringen die Geschichten von Menschen, die durch soziale Vernachlässigung und systematische Marginalisierung in den Tod getrieben werden, weniger gut durch als die selbstbestimmte Entscheidung Niki Glattauers.
Einer dieser Fälle ist jener von »Sophia«, 51 Jahre alt, die zwei Jahre lang versucht hatte, Hilfe von den kanadischen Sozialsystemen zu erhalten. Erst als ihr von nirgendwoher Hilfe zugestanden wurde, beschloss sie, sich umbringen zu lassen. Zwei Wochen vor ihrem assistierten Suizid sagte sie in einem Interview: »The government sees me as expendable trash, a complainer, useless and a pain in the ass.« (Die Regierung sieht mich als Müll, als Nörglerin, nutzlos, ich gehe ihnen auf den Sack.) Es gibt auch Berichte, in denen Menschen mit Behinderung MaiD nahegelegt wurde, als sie beispielsweise versuchten, sich eine Rollstuhlrampe finanzieren zu lassen. Die Liberalisierung von Sterbehilfe ist auch eine konkrete Gefahr für Menschen mit Behinderung und arme Menschen. Solche rührenden Interviews wie jenes mit Niki Glattauer drücken der ganzen Debatte den Blick der Mitte auf: einen entpolitisierten Blick, der von sich denkt, dass er besonders human sei. Spoiler: ist er nicht.