Sieg ohne Kämpfer
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verschweigt die Soldaten aus den Kolonien, zeigt das Buch »Tirailleurs«
Von Paul Dziedzic
In Europa gibt es wohl keinen schöneren Monat als den Mai. Der Frühling ist da, die Sonne scheint greller und wärmer, der Monat beginnt mit dem Kampftag der Arbeiter*innenklasse, gefolgt von den – in vielen Ländern begangenen – Feiertagen zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In manchen Ländern ist es der 5. Mai, in anderen der 8. oder 9. Es gibt Militärparaden, Veteranentreffen, Schweigeminuten und, wie in den Niederlanden, riesige Festivals – umsonst und draußen. Die EU wählte diesen Anlass, um den 9. Mai zum Europatag zu machen.
Nicht bedacht werden bei den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs jedoch die vielen Soldaten und Arbeiter*innen, die aus den Kolonien quer durch die Welt – auch nach Europa – geschifft wurden, um an den Kriegen der Kolonisatoren teilzunehmen. Diese aktive Teilnahme und ihre Bedeutung für den Sieg der Alliierten spielen bis heute kaum eine Rolle – weder in den offiziellen Festreden noch in der Kultur- und Erinnerungspolitik. In Bezug auf Großbritannien bringt es die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor gut auf den Punkt: »Die Kolonisierten kämpften, Großbritannien siegte.« Das Zitat stammt aus ihrem Essay im Sammelband »Tirailleurs. Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreit haben«, das parallel zur gleichnamigen Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt erschien. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Juni.
Wie der Titel schon andeutet, geht es um die vielen Vergessenen, die Europa vom Faschismus befreiten und oft an vorderster Front kämpften. Passend dazu ist also der Begriff Avantgarde gewählt, der sich nicht nur auf die Kunstrichtung bezieht, sondern seine Wurzeln im Militärjargon hat, wo er für »Vorhut« steht – also für diejenigen, die den tödlichen Erstkontakt mit den Feinden haben. Bei dieser im Sammelband gewürdigten Avantgarde, den Tirailleurs Sénégalais, handelt es sich um eine französische Militäreinheit, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Kolonialfeldzügen, Aufstandsbekämpfungen und Kriegen gegen europäische Rivalen eingesetzt wurde. Der Begriff »Tirailleurs« bedeutet »Schützen«. Rekrutiert wurden dafür Menschen aus den Kolonien. Den Avantgarde-Begriff zu verwenden, bedeutet also auch, die Tirailleurs und die vielen anderen Soldaten der Kolonien, die die europäischen Kriege auf der ganzen Welt ausfochten, bei der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den Vordergrund zu stellen.
Es geht es um die vielen Vergessenen, die Europa vom Faschismus befreiten und oft an vorderster Front kämpften.
Der Band beginnt mit Einordnungen, von denen vor allem der Beitrag »Von Freiwilligkeit und freiem Willen« auffällt, der den ersten großen Widerspruch des Kolonialismus erörtert. Darin geht es um die Frage nach der Motivlage und nach den Handlungsoptionen von Menschen unter kolonialer Herrschaft. Der*die anonyme Autor*in widmet sich dem Phänomen der »Freiwilligen« im Militär, zu denen auch Menschen aus Kolonien zählten. Während sich die Freiwilligenarmeen in Europa im 19. Jahrhundert vorwiegend aus Menschen rekrutierten, die ideologisch einem vermeintlichen »Willen der Nation« verbunden waren und sich als Teil einer imaginierten Gemeinschaft sahen, sah die Motivlage bei den »Freiwilligen« in den Kolonien deutlich anders aus. Aufgrund der ungleichen Stellung in dieser Nation mag es, so der*die Autor*in, Menschen gegeben haben, die durch den Eintritt in die Armee auf so etwas wie Anerkennung hofften. Andere wiederum ließen sich aufgrund von Alternativlosigkeit oder wegen der Hoffnung auf eine professionelle Laufbahn einschreiben. Viele hatten jedoch keine wirkliche Wahl, sie wurden unter Druck gesetzt; von den Dorfältesten, von ihren Lehrern, von ihren Arbeitgebern.
Doch die bloße Existenz der Kolonisierten in diesen Armeen forderte die Idee der Nation als homogen, weiß und selbstständig heraus. Und damit war ein Imperium, wie das britische, nicht deckungsgleich mit der britischen Nation.
Weil die Tirailleurs in Europa zwar unerwünscht, aber gebraucht waren, blickten die Kolonisierten unterschiedlich auf sie. In seinem Beitrag schaut sich der Literaturwissenschaftler Boniface Mongo-Mboussa die Rezeption der Tirailleurs in der Schwarzen und afrikanischen Literatur an. Während die Kolonialliteratur des ehemaligen Tirailleurs Bakary Diallo die zivilisatorische Mission Frankreichs verinnerlichte und feierte, verabscheute der Schriftsteller Léon-Gontran Damas den Einsatz von Kolonialsoldaten. Er schrieb, die Tirailleurs sollten Europa den Rücken kehren und stattdessen in Senegal einmarschieren. Zwischen diesen beiden Positionen ordnet Mongo-Mboussa den Weltkriegsveteranen, Dichter und späteren ersten senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor ein, der weniger radikal als sein Freund und Mitbegründer der Négritude-Bewegung Damas war.
Es wird deutlich, dass es unterschiedliche Herangehensweisen an die kolonialen Zustände gab – vom Versuch der Integration und der Hoffnung auf Anerkennung bis zu radikaler, dekolonialer Kritik, die zum Kampf gegen den Imperialismus aufrief. Auch einzelne Biografien von ehemaligen Tirailleurs, die sich durch ihre Kriegseinsätze im Sinne eines Befreiungsnationalismus und Panafrikanismus radikalisierten, kommen nicht zu kurz. Sie erzählen von Handelnden und ihren Ideenwelten.
Vanessa Thompson argumentiert wiederum anhand von Frantz Fanons Biografie und Schriften, warum er als Theoretiker des Faschismus herangezogen werden sollte. Er selbst diente im Zweiten Weltkrieg für Frankreich und wandte sich später gegen die Kolonialmacht. Er sah, wie ehemalige »Helden« im Kampf gegen den Faschismus im Krieg gegen Algeriens Unabhängigkeitsbewegung selbst zu Folterern und Mördern wurden. Die Tirailleurs, so Thompson, »mussten erkennen, dass der Sieg gegen den deutschen Faschismus weder mit dem Kampf gegen den staatlichen Rassismus in Europa noch gegen die faschistische Gewalt, Ausbeutung und Entmenschlichung in den Kolonien einherging«.
»Tirailleurs« macht deutlich, dass die Abwesenheit der Kolonisierten in der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg kein Versehen ist, sondern beabsichtigt. Das Buch und die Ausstellung zeigen aber auch, warum es längst überfällig ist, die unterdrückten Stimmen in dieser Erinnerung Eingang finden zu lassen.
Haus der Kulturen der Welt (Hg.): Tirailleurs. Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreit haben. Haus der Kulturen der Welt / Archive Books, Berlin 2026. 236 Seiten, 21 EUR.