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|ak 659 | Alltag

Spargelstechen in der Pandemie

Zofia nierodzinska hat auf einem Spargelhof gearbeitet – und revidierte ihr Bild von Deutschland

Von Zofia nierodzinska

Aufgereihter Spargel, im Vordergrund eine illustrierte Krone

Vor neun Jahren, nachdem ich mein Kunststudium in Polen abgeschlossen hatte, welches mich zwar mit symbolischen Ressourcen ausgestattet hat, die sich jedoch nicht in wirtschaftliche Mittel umsetzen ließen, beschloss ich, nach Berlin zu ziehen. Ich wollte mein Erwachsenenleben in einer Stadt beginnen, die ich mit der Achtung der Minderheitenrechte, einer funktionierenden Zivilgesellschaft, einer vibrierenden Club- und Kunstszene und einer der besten Street-Food-Kulturen verband. Ich glaubte, dass die Europäische Union und offene Grenzen das Beste waren, was die Generation meiner Eltern – die in der Solidaritätsbewegung der 1980er Jahre engagiert war – erreicht hatte. Für mich bedeutete die von ihnen gewonnene Freiheit die Möglichkeit, das nunmehr freie Polen so schnell wie möglich zu verlassen, weil die dort herrschende katholisch-patriarchale Mentalität mit meinen Lebensansichten unvereinbar war. Zumindest sah ich es damals so.

Nach zwei Jahren begann ich das Postgraduiertenstudium an der Universität der Künste. Nebenbei verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Kellnerin in einem deutschen Catering-Unternehmen, das mir den Mindestlohn von damals 8,50 Euro zahlte. Von Ende März bis Ende Juni arbeitete ich zusammen mit anderen Studenten aus der ganzen Welt im Spargelhof in Beelitz bei Berlin. Dort lernte ich Wanda, Renata und Ewa kennen, die seit Jahren als Saisonarbeiterinnen während der Spargelzeit in dem Dorf beschäftigt waren. Sie verdienten 3,50 Euro pro Stunde nach Abzug der Kosten für die Unterkunft in Mehrpersonen-Containern und für die Verpflegung. Ein Kilogramm Spargel kostete damals etwa 9 Euro. Wanda, Renata und Ewa stammen alle aus demselben Dorf in den Bergen im Süden Polens. Sie sagten, dass sie während der Saison so viel verdienen können, dass sie fast ein halbes Jahr lang in Polen leben konnten und dass die Arbeit hart sei, jedoch sei die Zeit abseits ihrer Familien und Ehemänner auch wertvoll. Die Frauen arbeiteten in den Produktionshallen und in der Küche.

Auf dem Spargelhof fühlte ich mich, als wäre ich in die Realitäten des frühen 20. Jahrhunderts zurückversetzt worden

Was ich jeden Tag an der Universität erlebte, war im Vergleich dazu die Erfüllung einer multikulturellen Politik. Denn auf dem Spargelhof fühlte ich mich, als wäre ich in die Realitäten des frühen 20. Jahrhunderts zurückversetzt worden, wo die nationale Zugehörigkeit die gesellschaftliche Position bestimmte. Die Unsichtbare Arbeit in den Produktionshallen und auf den Feldern verrichteten Pol*innen und Rumän*innen , den Service Studenten*innen eines Catering-Unternehmens, die Betriebsführung und die Gäste waren weiße Deutsche. Der EU-Beitritt Polens bedeutete für mich die Gelegenheit, im Ausland zu studieren, für Wanda, Ewa und Renata die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und für die Besitzer des Spargelhofes, von unserer schlecht bezahlten Arbeit zu profitieren. So habe ich verstanden, dass das, was Berlin als Kulturstadt repräsentiert, nicht mit meiner materiellen Realität und der von vielen Tausenden schlecht bezahlten Saisonarbeiter*innen übereinstimmt, die jedes Jahr nach Deutschland kommen. Die gegenwärtige Gesundheitskrise verschärft nun die schon bestehenden Ungleichheiten.

Unsichtbare Arbeit rückt in den Vordergrund

Während der Gesundheitskrise ist die vom kapitalistischen System als »systemrelevant« bezeichnete unsichtbare Arbeit wichtig und sichtbar geworden. Die Medien, und durch sie die Mehrheit der Gesellschaft, begannen die große Bedeutung der Gesundheitsberufe zu erkennen, einschließlich der Pflege älterer und anderer pflegebedürftiger Menschen, der Beschäftigten in Supermärkten, der Lkw-Fahrer, der Reinigungskräfte und der Saisonarbeiter*innen. Das ist überall in der kapitalistischen Welt zu sehen, auch in Berlin, wo ich aktuell den Lockdown verbringe und von wo aus ich im Homeoffice arbeite. Dadurch habe ich die Gelegenheit, die Debatte über Saisonarbeiter*innen »von innen« zu verfolgen, indem ich deutsche Zeitungen lese und mit Freunden darüber spreche.

Die Nachrichtensendung Tagesthemen begann damit, am Ende jeder Sendung »Alltagshelden« vorzustellen, die über ihr Engagement für die Gesellschaft während der Krise berichten. Die Medien versuchen, wenn auch symbolisch, die jahrelange Vernachlässigung der neoliberalen Politik nachzuholen, die den Wert der unsichtbaren Arbeit herabsetzt, die meist von Frauen und Migrant*innen unentgeltlich oder für den Mindestlohn geleistet wird. In Krisenzeiten zeigt sich, dass ökonomisch unsichtbare Leistungen auch die einzigen sind, die aufgrund ihrer Bedeutung für das gesamte System nicht ausgesetzt werden können; ohne sie wären Gesellschaften nicht funktionsfähig.

Mit diesem plötzlichen Interesse an unsichtbarer Arbeit hoffte ich, dass dies zu einer Diskussion darüber führen würde, wie die Lebensgrundlagen von Arbeiter*innen und Betreuer*innen verbessert werden könnten; dass Fragen aufgeworfen würden, warum es diese Ungleichheit gibt zwischen Arbeit, die als geistig/kreativ (besser bezahlt und symbolisch wertvoll) und jener, die als körperlich (billiger, symbolisch herabgesetzt) angesehen wird, zwischen dem Wert der Arbeitskraft je nach Geschlecht, Rassialisierung, Nationalität und Status, zu welchen Missbräuchen sie führen, und auch, was eigentlich europäische Solidarität bedeutet, wenn die Arbeit eines polnischen oder rumänischen Arbeiters viermal weniger wert ist als die eines deutschen.

Es schien mir, dass sich zeigen würde, dass die bis dato mit Ablehnung begegneten »Arbeitskräfte« eigentlich Menschen sind, die Familien haben, um die sie sich kümmern und sorgen, deren Gesundheit genauso wichtig ist, wie die anderer Europäer*innen. Leider stellte sich heraus, dass die Spargelernte wichtiger war. Nach einer kurzen Schließung der Grenzen kündigte die deutsche Regierung an, dass sie ihre Entscheidung ändern werde. Saisonarbeiter*innen können nun nach Deutschland einreisen. Während ihrer Arbeit sollen sie 1,5 Meter Abstand halten und, wenn möglich, in Doppelzimmern untergebracht werden. Sie müssen Zugang zu Desinfektionsmitteln und persönlicher Schutzausrüstung wie Masken und Handschuhen haben. Darüber hinaus sind die Beschäftigten in den ersten zwei Wochen nach ihrer Ankunft in einer so genannten Arbeitsquarantäne zu halten; das heißt, sie dürfen den Betrieb nicht verlassen, und alle lebensnotwendigen Produkte sind ihnen von ihren Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen.

Bisher haben Saisonarbeiter*innen die Kosten für ihre Arbeit und ihren Aufenthalt in Deutschland aus eigener Tasche getragen. Werden sie nun auch für ihre eigene Sicherheit bezahlen? Es dürfte sicher nicht schwer sein, sie dazu zu bewegen. In Polen zum Beispiel wächst die Arbeitslosigkeit seit Beginn der Pandemie und könnte bis Juni zehn Prozent erreichen; der Druck, den eigenen Arbeitsplatz zu erhalten, erhöht sich für polnische Arbeiter*innen dadurch zunehmend.

Aus meiner Erfahrung mit den Arbeitsbedingungen auf dem Spargelhof glaube ich auch nicht, dass dort soziale Distanzierungsstandards eingehalten werden können. Hinzu kommen noch andere Fragen. Saisonarbeiter*innen unterliegen in der Regel den Bedingungen der Krankenversicherung ihres Herkunftslandes. Wird es eine Zusammenarbeit zwischen den deutschen Institutionen und denen der Herkunftsländer geben? Wird der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer den erarbeiteten Betrag auszahlen, obwohl er bis zum Ende der Saison nicht in der Lage sein wird zu arbeiten? Wird der Arbeitnehmer für die Unterbringung während seiner Isolation bezahlen müssen? Was geschieht, wenn ein Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen zu seiner Familie zurückkehren möchte? Wird der Arbeitgeber den Transport organisieren und bezahlen? Wer ist im Falle des Todes eines Arbeitnehmers verantwortlich?

Diese Fragen sind in dem von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner in Zusammenarbeit mit Innenminister Horst Seehofer veröffentlichten Konzeptpapier zur Regelung der Saisonarbeit während einer Gesundheitskrise nicht enthalten. Sie wurde als Reaktion auf die Proteste von Landwirten geschaffen, die das Projekt der Regierung, Freiwillige, Arbeitslose, Student*innen und Asylbewerber*innen zur Erntearbeit zu rekrutieren, negativ bewertet haben. Es meldeten sich Zehntausende, aber die Grundbesitzer konnten sich nicht vorstellen, mit ihren Landsleuten zusammenzuarbeiten, die sich wahrscheinlich nicht so leicht mit den Arbeitsbedingungen einverstanden erklären würden.

»Für eine polnische Kraft brauche ich fünf Deutsche«

Der Spargelbauer Thomas Syring sagte der Nachrichtenagentur AFP: »Das ist eine schwere Arbeit, es ist kalt, es ist draußen. Für eine rumänische oder eine polnische Kraft brauche ich fünf Deutsche.«

Diese offensichtliche und scheinbar weithin akzeptierte Aussage, dass Polen und Rumänen mehr für weniger Geld arbeiten können, könnte zu der noch gefährlicheren Schlussfolgerung führen, dass sie als Arbeitskräfte aus dem Osten widerstandsfähiger gegen Pandemien seien. Menschliches Leben ist wertvoller als Spargel, deshalb ist die Aufrechterhaltung einer billigen Ernährungssicherheit in Deutschland auf Kosten der Ausbeutung von Arbeitnehmern aus ärmeren Ländern mit dem Gerechtigkeitssinn nicht zu vereinbaren.

Als polnische Frau auf dem deutschen Arbeitsmarkt fühlte ich mich automatisch für die einfachsten Aufgaben zuständig

Sowohl meine eigene Erfahrung als Studentin und Lohnarbeiterin in Deutschland als auch die derzeitige Debatte über die »systemrelevanten« Tätigkeiten haben meine Sicht auf Deutschland und die EU komplexer gemacht. Meine Vorstellung von Deutschland als einem Land der Demokratie, der Kunst, der Chancengleichheit für alle, die ich aus der Perspektive einer in Polen lebenden Studentin hatte, musste ich aufgrund meiner weiteren Lebenserfahrungen revidieren. Das wirtschaftliche Wachstum basiert auf schlecht bezahlter Arbeit, die vor allem von Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen und schlechteren sozioökonomischen Bedingungen geleistet wird. Als polnische Frau auf dem deutschen Arbeitsmarkt fühlte ich mich automatisch für die einfachsten Aufgaben zuständig, als wäre ich dafür geboren.

Natürlich ist die Antwort auf diese Enttäuschung über Europa nicht, sich innerhalb der Grenzen von Nationalstaaten zu verschließen; im Gegenteil, die Abschaffung kapitalistisch-patriarchaler Gewalt und Ungerechtigkeit ist nur durch Solidarität mit allen strukturell Ausgeschlossenen möglich. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns als Linke insbesondere in Zeiten der Krise an die Seite von Saisonarbeiter*innen stellen, denn ihre Situation gibt uns einen Vorgeschmack auf die Ausbeutung, die folgen wird, wenn die Restriktionen gelockert werden, die jetzt schon die Schwächsten am schmerzvollsten treffen.

Zofia nierodzinska

Zofia nierodzinska ist Redakteurin des Magazins für Kunst und Aktivismus MAGAZYN RTV, Kuratorin, Schwester, Tochter, Freundin, seit drei Jahren stellvertretende Direktorin von Galeria Miejska Arsenal in Poznan. Sie studierte an der Universität der Künste in Berlin (MA Kunst im Kontext) und an der Universität der Künste in Poznan (PhD).

Dieser Artikel ist in einer polnischen Fassung auch im Kunst- und Kultur Magazin Czas Kultury unter dem Titel »Praca kryzysowa, czyli kto tnie szparagi w czasie pandemii« erschienen.

Anmerkung:
Ohne die Unterstützung durch Maximilian Czarnecki in Form von Recherchearbeit und langen Gesprächen wäre dieser Text nicht entstanden. Die Autorin dedankt sich auch bei Judith Geffert für die anregenden Diskussionen und Formulierungsvorschläge.