Sie ist Bergmann
In »Stolz und Eigensinn« erzählen Frauen aus ehemaligen DDR-Betrieben ihre Geschichten
Ich erinnere mich gut, wie ich zu Beginn meines Studiums in einer westdeutschen Stadt mit Verwunderung in Kontakt mit einem stark amerikanisierten Gender-Diskurs kam. Damals meinte ich: »Für Ostdeutsche ist das unverständlich, weil in der DDR auch Frauen gearbeitet haben und irgendwie emanzipierter waren.« Auch wenn ich das heute, über ein Jahrzehnt und eine Transition später, vielleicht nicht so reduzieren würde, kann ich meinen damaligen Wessi-Komiliton*innen, die meinten, das sei »völliger Quatsch«, den Film »Stolz und Eigensinn« über Industriearbeiterinnen in der DDR nur ans Herz legen.
Dokumentarfilmer Gerd Kroske legt eine Art doppelte Dokumentation vor. Einerseits geht es um Frauen, die über ihr Leben als Arbeiterinnen in der ehemaligen DDR und die Veränderungen nach der bundesdeutschen Osterweiterung sprechen. Gleichzeitig arbeitet der Film mit Archivaufnahmen des einzigen Piratensenders der späten DDR, Kanal X, und dessen Betreiber*innen, die dieselben Frauen bereits in den 1990er Jahren interviewten. Die Protagonistinnen sind ehemalige Tagebau-Geräteführerinnen, Schuhfacharbeiterinnen, Geräte- und Anlagenfahrerinnen, Chemikerinnen, Industrie-Meisterinnen und Lokführerinnen aus ehemals volkseigenen Betrieben in Welzow-Süd, Weißenfels, Borna, Leuna, dem Spreetal und Großzössen. Die Frauen berichten von ihrem beruflichen Werdegang in der sozialistischen Republik ab den 1970er Jahren. Ihnen gemein ist dabei, dass sie als Arbeiterinnen einen Grad an Selbstbestimmung fanden, von dem sie sich seit dem Ende der DDR teils sehr plötzlich, teils schrittweise verabschieden mussten. Der Titel des Films löst sich daher ab dem ersten Interview ein, wenn Monika stolz und eigensinnig berichtet, dass ihr Mann sich eben an der Kinderbetreuung beteiligen musste, wenn es das Schichtsystem verlangte, dass Bärbel gegenüber ihren Kollegen auch mal auf den Tisch gehauen hat, wo nötig, oder dass Silke heute zwar Bergfrau sagen könnte, sie damals aber als Bergmann angestellt war und sich auch heute noch Bergmann nennt.
Mit all ihren Widersprüchen
Der*m ein oder anderen Wessi oder Anti-Kommunist*in mag der Vorwurf der Ostalgie auf der Zunge liegen, den sich »Stolz und Eigensinn« aber nicht gefallen lassen muss. Kroske traut sich, die Widersprüchlichkeit in den Geschichten der ehemaligen Arbeiterinnen nicht nur zuzulassen, sondern zu einem der tragenden Themen zu machen. So steht nebeneinander, dass Lokführerin Monika trotz des Wunsches ihres Ehemannes nie eine Kittelschürze trug und dass Geräte- und Anlagenfahrerin Ingrid beschreibt, ein »Scheißleben« gehabt zu haben, das erst mit der Ehe etwas besser wurde, sie aber zuhause wie im Beruf ihrem Ehemann untergeordnet war.
Trotz Anspruch der Emanzipation der sozialistischen Frau als Arbeiterin beschreiben die Protagonistinnen dennoch bedingt vergeschlechtlichte Arbeitsteilung in ihren Betrieben, wenn manche Maschinen eben »Männermaschinen« waren, oder sie in ihren Abteilungen in der Unterzahl waren. Aber auch diese Anekdoten sind verbunden mit einer gewissen Prise Stolz, wenn Bärbel berichtet, bewusst in Schichten eingeteilt worden zu sein, wenn Delegationen aus dem Westen zu Besuch waren: »Eine Frau war schon etwas besonderes, ein Vorzeigeprodukt, aber wir wollten schon glänzen und den Kapitalisten zeigen, wie es bei uns geht.« Sozialismus, das wird hier deutlich, ist eben kein magischer Schalter, sondern ein lebendiger Übergangsprozess, mit Ecken und Kanten, deren teils berechtigte Kritik nicht einhergehen muss mit einer Lossagung von bisher unternommenen sozialistischen Versuchen.
Die beißende Kritik am Wiedervereinigungsmärchen geschieht durch die Erzählungen der Arbeiterinnen selbst.
Deutlich wird das auch im Vergleich zu den Erfahrungen, die die Frauen gemacht haben, als ihre Betriebe schließlich von kapitalistischer Konkurrenz vom nun bundesdeutschen Markt verdrängt, nach und nach geschlossen oder von West-Unternehmen aufgekauft wurden. Übernommen von den neuen westlichen Eignern wurden die wenigsten. »Wo entlassen wurde, waren es die Frauen, die zuerst gehen mussten.« Und wo sie gehen mussten, landeten sie in feminisierten Schreibtischberufen, sexistische Witze inklusive, oder wurden Hausfrauen, denn »die Bundesregierung sagte: Frauen an den Herd, um weniger Arbeitslose verzeichnen zu müssen.«
Schmerzhaft im Kopf bleiben auch Berichte, wie die Arbeiterinnen des Chemiewerks in Leuna, den Abriss ihres eigenen Betriebs »unter frühkapitalistischen« Konditionen verrichten mussten, während sich keine Gewerkschaft, erst recht keine West-Gewerkschaft um die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen scherten. Weiter wird klar, mit Übergang in die bürgerliche Demokratie hatte Demokratie am Arbeitsplatz ein jähes Ende, wenn es in einem Interview heißt, dass die eigene Meinung zu sagen nach der Wende auf der Arbeit nicht mehr erwünscht war. Damit einher ging, wie der Film auch zeigt, eine Demontage des sozialen Gefüges in den neuen Bundesländern. Wer seinen Job behielt, wurde von den ehemaligen Kolleg*innen und Nachbar*innen, die nicht das Glück hatten, als Konkurrent*in betrachtet. »Man ist sich danach in der Nachbarschaft aus dem Weg gegangen.« Übrig blieben die versprochenen blühenden Landschaften auf den nun brach liegenden ehemaligen Fabrikgeländen, die sich die Vegetation Stück für Stück zurückholte. Es versetzt einen Stich, auf der Kinoleinwand Bornaer Gewerbeflächen in Betrieb zu sehen, die man aus der eigenen Kindheit und Jugend nur als Ruine kennt, verschnitten mit rostigen und überwucherten Industrieanlagen, auf denen heute Graffitis mit »FCK AFA« prangen.
Appell an Sozialist*innen heute
»Stolz und Eigensinn« gelingt es, Zuschauer*innen einzuladen, durch die Augen seiner Protagonistinnen zurückzublicken, indem die Frauen gezeigt werden, wie sie Archivaufnahmen von sich selbst aus den 1990er Jahren schauen. Die beißende Kritik am Wiedervereinigungsmärchen geschieht so nicht durch einen Kommentar, der über Interviews gelegt wird, sondern durch die Erzählungen der Arbeiterinnen selbst. Gleichwohl erlaubt sich Kroske eine sarkastische Meta-Ebene durch die Verwebung der Interviews mit der Geschichte des Kanal X. Zwar war es ein SED-Mitarbeiter, der dem Sender die Kabel durchschnitt, als er den illegalen Betrieb aufnehmen wollte, aber es waren bundesdeutsche Beamte, die 1991 klar machten, dass unter den nun geltenden »Westregeln« der Sendebetrieb aufhört oder mit Gefängnis bestraft wird.
Kroskes Film zeichnet sein respektvoller Umgang mit den ehemaligen DDR-Arbeiterinnen aus. Schade also, dass diese bis zum Abspann und für ungeduldige Zuschauer*innen auch darüber hinaus namenlos bleiben. In genau diesem Respekt, den Kroske den Frauen zollt, geschieht ein Appell an Sozialist*innen heute: Bergmann Silke arbeitete noch lange nach der Wende im Tagebau und erlebte, wie dieser durch Ende-Gelände besetzt wurde und die Aktivist*innen »auf meiner Arbeit herumgetrampelt sind.« Eine Brücke zwischen Umweltaktivist*innen und den Arbeiter*innen des Tagebaus gelang damals nicht. Ich komme aus dem Kino mit dem Gewissen, der Kampf um die Befreiung vom kapitalistischen Joch ist nichts ohne sein revolutionäres Subjekt.
»Stolz und Eigensinn« (2025) von Gerd Kroske läuft derzeit im Kino. Mehr Infos unter: Stolz & Eigensinn / Salzgeber.