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Ein Strich durch die Gentrifizierung

Im Berliner Bülowkiez nehmen die Angriffe auf Sexarbeitende zu, insbesondere transgeschlechtliche Menschen sind betroffen

Von Kuku Schrapnell

Zwei Menschen überqueren eine Straße, im Hintergrund eine Hochbahn. Vorn sieht man zwei Straßenschilder, auf einem steht "Bülowstraße", auf dem anderen "Frobenstraße"
Die Aufwertung verstärkt die Gewalt im Bülowkiez, erzählt Aysha, die selbst schon Angriffe erlebt hat. Foto: Dirk Ingo Franke / Wikimedia Commons, CC BY 3.0 Deed

Die Kurfürstenstraße ist wahrscheinlich der bekannteste Straßenstrich Berlins. Schon seit dem 19. Jahrhundert findet hier Sexarbeit statt. Längst ist die Arbeit aber nicht mehr auf die eine Straße beschränkt, sondern spielt sich auch in weiteren Teilen des Bülowkiezes ab. In der abzweigenden Frobenstraße finden sich zum Beispiel vor allem transgeschlechtliche Menschen, die dort auf potenzielle Freier*innen warten.

Während sich die feministische Debatte in Deutschland häufig ganz abstrakt darum dreht, ob und wie weit Sexarbeit selbstbestimmt oder nicht stattfinden kann – wobei die Frage, auf welche Form der Arbeit im Kapitalismus das überhaupt zutreffen soll, meistens ignoriert wird –, haben die Personen auf der Frobenstraße in ihrem Alltag ganz konkrete Probleme. So nimmt dort seit einigen Jahren die Zahl der trans- und sexarbeitsfeindlichen Angriffe besorgniserregend zu. Besonders betroffen sind trans Frauen.

Sexarbeiter*innen werden bespuckt, mit rohen Eiern oder Flaschen beworfen und mit Pfefferspray angegriffen. Auch Autos werden immer wieder zur Waffe, wenn gefährlich nah an den am Straßenrand Stehenden vorbei gerast oder direkt auf sie zugehalten wird. Im Winter wird immer wieder kaltes Wasser aus den Fenstern gegossen, um sie zu vertreiben.

Bespuckt, beworfen, mit Pfefferspray besprüht

Die Angreifenden sind laut Polizei nicht unbedingt cis männliche Freier, die gemeinhin als Hauptgefahr für Sexarbeitende gelten, sondern oft Anwohner*innen und Nachbar*innen. Aus diesem Grund organisiert das Projekt Trans Sexworks seit Ende letzten Jahres unter dem Titel »Respekt im Kiez« eine Veranstaltungsreihe, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Caspar Tate aus der Leitung des Projekts und selber in der Sexarbeit tätig, sagt gegenüber ak, dass es bei den Veranstaltungen vor allem darum gehe, den Menschen, die auf dem Frobenstraßenstrich arbeiten, eine Bühne zu geben. Sie sollten erklären, »was da überhaupt abgeht, wie ihre Arbeit ist, was sie an ihrer Arbeit mögen, was sie nicht mögen, und dann sind wir auch in das Gespräch gekommen über die Gewaltsituationen«, so Tate.

Solche Situationen beschreibt unter anderem Aysha. Die 23-Jährige arbeitet auch auf der Frobenstraße und sagt im Gespräch mit ak: »Manchmal probieren sie, uns zu überfahren. Einer Freundin sind sie sogar über den Fuß gefahren! Sehr oft ist es einfach Pfefferspray. Manchmal sind es die gleichen Leute, die häufiger kommen, aber es sind auch immer wieder neue. Einmal stand ich dort mit einer Freundin, da sind welche gekommen, haben ihr ins Gesicht gesprüht und sind dann geflohen. Als ich das Auto fotografieren wollte, kam einer von ihnen zu mir, um mich auch zu pfeffern. Aber ich konnte mich schnell auf die Toilette flüchten.« Die Gewalt gehe laut Aysha überwiegend von jungen Männern aus, aber auch Frauen und Kinder würden sich verbal über die Frauen lustig machen.

Es ist nicht nur eine besondere Gewalt, die transweiblichen Sexarbeitenden entgegenschlägt, es ist auch ein gewalttätiges System, das sie dorthin bringt.

Auch wenn die Sexarbeitenden in der Frobenstraße besonders exponiert sind, sind verbale und körperliche Angriffe für viele trans (und in besonderem Maße transfeminine) Personen kein unbekanntes Phänomen. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) zählt in seiner Chronik öffentlich bekannt gewordener queerfeindlicher Attacken für das laufende Jahr bis Redaktionsschluss 13 transfeindliche Vorfälle, die von Beleidigungen und Bedrohungen bis hin zu gewalttätigen Eskalationen reichen. Dabei dürfte die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher sein. Die meisten Polizeibehörden erfassen nicht, ob bei Angriffen ein queerfeindlicher Hintergrund vorliegt. Darüber hinaus haben trans Personen als marginalisierte Gruppe häufig weder die Plattform, diese Angriffe öffentlich zu machen, noch können sie sich davon Besserung erhoffen. Vielmehr müssen sie befürchten, dass zu viel Aufmerksamkeit außerhalb der eigenen Community eher noch mehr Diskriminierung nach sich zieht.

Denn auch wenn das Klischee behauptet, dass trans Menschen vor allem an irgendwelchen Unis Gender Studies studieren und als Berufswunsch Sprachpolizei haben, ist das Gegenteil der Fall. Laut einer Studie zur Lebensrealität von trans Menschen, die die EU 2014 durchführte, gaben 37 Prozent an, bei der Arbeitssuche und 27 Prozent am Arbeitsplatz Diskriminierung zu erleben. Im Bildungswesen machte über ein Viertel der Befragten diskriminierende Erfahrungen. Es wundert also nicht, dass viele trans Personen in prekären Arbeitsbereichen landen.

Hinzu kommt, dass ein Großteil der erfahrenen Diskriminierungen im Rahmen von Familie und Verwandtschaft geschieht. Die Wahrscheinlichkeit steigt sogar noch auf über zwei Drittel bei Befragten, die angeben, mehrfach diskriminiert zu werden. Auch wenn für den deutschen Kontext dazu keine Zahlen vorliegen, lässt sich vermuten, dass dies zu ähnlichen Konsequenzen führt wie in den USA. Dort sind unter den Jugendlichen, die bei Institutionen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe auftauchen, 40 Prozent Teil der queeren Community, drei Viertel davon verstehen sich als trans.

Woher kommt die Gewalt?

Die amerikanische trans Aktivistin und Psychoanalytikerin Michelle O’Brien kommt in ihrer qualitativen Studie »Trans Work«, die in dem Sammelband »Transgender Marxism« erschien, zu dem Schluss, dass gerade durch die generelle Prekarität von Transidentitäten Sexarbeit zu einer der klassischen Laufbahnen zählt, die trans Personen offen stehen, häufig eingebettet in einen breiteren Kontext illegalisierter Tätigkeiten. (1)

Es ist also nicht nur eine besondere Gewalt, die den Sexarbeitenden, allen voran den transweiblichen, auf der Frobenstraße entgegenschlägt, es ist auch ein gewalttätiges System, das sie dorthin bringt. Denn der Straßenstrich ist auch im generell prekären Bereich der Sexarbeit nochmal deutlich unsicherer als die Situation von Menschen, die im Escort- oder pornografischen Bereich arbeiten.

Aber woher kommt die Gewalt? Rund um die Kurfürstenstraße tobt seit Jahren die Gentrifizierung. Gut gelegen zwischen Schöneberg und Mitte, haben Anleger*innen und Immobilienfirmen seit längerem vor, aus dem Kiez ein Luxusquartier zu machen. Beispielhaft ist der Fall von Wolfgang Hoth, der mit seiner kranken Frau in einer 75-Quadratmeter-Wohnung in der Genthiner Straße lebt. Dort sollte die Miete nach der Kernsanierung von 800 auf 1.400 Euro steigen. Aber auch Neubauten, die vor allem aus hochpreisigen Eigentumswohnungen und Apartments bestehen, gehören zum neuen Straßenbild.

Damit wird nicht nur der Mietspiegel weiter nach oben gedrückt, auch die Zusammensetzung des Kiezes verändert sich nach und nach. Aysha stellt fest: »Früher waren mehr Leute unterwegs, und jetzt sind da einfach nicht mehr so viele, und ich glaube, das ist auch ein Grund, warum uns jetzt so viel passiert. Wir sind die einzigen, die da stehen draußen in der Nacht.«

Auch Caspar Tate sagt gegenüber ak, dass viele neue Mieter*innen angegeben hätten, dass sie vor ihrem Umzug nicht gewusst hätten, dass vor ihrer Haustür ein Straßenstrich existiert.

Aber es lassen sich wohl nicht alle Angriffe auf geschockte Mittel- und Oberschichtler*innen zurückführen, die sowas nicht vor ihrer Haustür haben wollen. Aysha: »Dort wird auch viel geklaut. Ich habe es schon gesehen, wie sie zu zweit gekommen sind und eine andere trans Frau geschlagen und ihre Tasche geklaut haben. Einmal wurde eine Freundin auch von einem Kunden beklaut. Ein Mann hat auch mal versucht, meine Tasche zu klauen. Da kommen einfach gefährliche Leute.«

In der Soziologie spricht man von sozialer Desorganisation, wenn in einem Viertel durch den Zuzug reicherer Bevölkerungsschichten die Gemeinschaft heterogener, aber abgegrenzter voneinander wird. Dadurch sinke die soziale Kontrolle, und es komme zu einem Anstieg der Kriminalitätsrate. Aber auch, wenn der Alltag immer krisenhafter wird, scheint es einen Ableiter zu brauchen. Nach Einschätzung von Trans Sexworks hat die aktuelle Welle der Gewalt mit der Einführung der Corona-Maßnahmen angefangen. Dass sie mit deren Ende nicht wieder abgenommen hat, sondern weiter steigt, ist ein Anzeichen, dass sich der Alltag vieler Anwohner*innen weiter als ununterbrochene Krise darstellt.

Es ist dabei leider nicht ungewöhnlich, dass sich diese Gewalt jetzt allen voran gegen transweibliche Sexarbeiter*innen richtet. Das Hurenstigma ist mindestens so alt wie das vermeintlich älteste Gewerbe der Welt. Gleiches gilt für den Hass auf trans Frauen, die die Hauptziele transfeindlicher Gewalt sind, wagen sie es doch, das Geschlechtersystem zu unterlaufen und die Natürlichkeit des Mannseins in Frage zu stellen. Wenn beides zusammenkommt – und dann auch noch in der Öffentlichkeit –, scheint es für viele das erste Ziel ihrer Wahl zu sein, um sich abzureagieren.

Die gute alte Solidarität

Dass gegen die steigende Gewalt auch die Polizei nicht unbedingt eine Hilfe darstellt, ist traurig, aber keine Überraschung. »Manchmal nimmt uns die Polizei auch gar nicht ernst oder macht sich lustig über uns. Oder sie nehmen es ernst, und es ist ihnen egal«, sagt Aysha. Und weiter: »Manche Polizist*innen kommen auch vorbei auf Streife und fragen, ob alles okay ist. Aber das passiert nur unter der Woche. Am Wochenende, wenn mehr los ist und auch viel passiert, ist keine Polizei da.«

Trotz der eher negativen Erfahrungen bleibt das Verhältnis der Sexarbeitenden zur Polizei ambivalent. Caspar Tate beschreibt es so: »Wir sind als Trans Sexworks sehr polizeikritisch und sehen auch die Probleme.« Darunter fallen beispielsweise Sorgen über die Kriminalisierung von drogengebrauchenden Sexarbeiter*innen. Tate weiter: »Gleichzeitig versuchen wir im Projekt, auch zu akzeptieren, dass sich sehr viele von den Sexarbeitenden auf der Straße eine höhere Polizeipräsenz wünschen.« Vorbild für diese Forderung sei ein Projekt aus Hamburg, mit dem gute Erfahrungen gemacht wurden. Dort gibt es Polizist*innen, die extra für den Straßenstrich zuständig sind. »Das sind dann immer wieder die gleichen Gesichter, damit alle ganz genau wissen, das ist die Frau Schmidt da hinten, die ist jeden Mittwochabend hier«, so Tate.

Trotzdem setzt Trans Sexworks vor allem auf die gute alte Solidarität. Denn Ziel der Respekt-im-Kiez-Reihe war weniger, die Täter*innen zu bekehren, sondern viel mehr, jene, die eher Sympathien haben, zu sensibilisieren für das, was vor der Haustür passiert. Auch damit sie beim nächsten Mal nicht weggucken, sondern den Angegriffenen zur Seite stehen. Um diese Solidarität noch weiter aufbauen zu können, träumt Trans Sexworks auch von eigenen Räumlichkeiten vor Ort: »Unser jahrelanger Traum ist ein ehemaliges Steh-Café dort an der Ecke, das seit Jahren leer steht. Unser Traum wäre, da in der Nacht geöffnet zu haben. Dann könnten wir die Hygiene-, Safer-Sex- und Safer-Use-Produkte dort rausgeben, und die Sexarbeitenden können auch einen Kaffee trinken oder kurz sitzen. Es ist als Anlaufstelle sowohl für die Sexarbeitenden als auch für die Nachbarschaft geplant.«

Kuku Schrapnell

ist neben ihrem neuen Job als schwule Sex-Kommunistin auch Trans-Aktivistin, gut aussehend und Wahl-Ostdeutsche.

Anmerkung:

1) In den USA ist Sexarbeit im Gegensatz zu Deutschland noch weitreichend verboten. Häufig werden die kriminalisierten Sexarbeitenden wie auch erwischte Freier mit Namen und Fotos durch die Polizeibehörden öffentlich gemacht, um abzuschrecken.