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Schreiben auf Ruinen

Aufgeblättert: »Was für ein Wunder« von James Noël

Von Lisa Brunke

»Sieben Jahre ist es her, dass Port-au-Prince in teuflischem Takt gehottet, herumgewirbelt, herumgetollt ist.« Nun sitzt Bernard, selbsterklärter, schreibender Einsiedler und seit dem Erdbeben in Haiti von 2010 vom Beruf her »Überlebender«, neben seiner Geliebten in Rom und trägt bedächtig und gleichermaßen poetisch den Schutt der letzten Jahre ab. Mit wunderbar feinsinnigen und ebenso schonungslosen Worten legt der Ich-Erzähler von James Noëls Debutroman »Was für ein Wunder« Schicht für Schicht das Ausmaß einer Katastrophe frei, die kein Ende findet und von der doch die ganze Welt lautstark einen Teil abhaben will. So kommt die internationale Hilfe in Strömen und schwemmt dabei gleich eine Epidemie neuer katastrophaler Wunder an. Bernard irrt durch die zerstörte Stadt, spricht zu Schmetterlingen und Therapeuten, weiß um die Scheinheiligkeit der Hilfsindustrie und sucht doch Zuflucht in der Liebe. Das Schreiben, Leben und Lieben nach dem großen Beben, welches die Stadt und ihre Bewohner*innen ruiniert zurückgelassen hat, davon erzählt der Roman des haitianischen Lyrikers James Noël. Zehn Jahre nach dem Erdbeben nun in deutscher Übersetzung erschienen. In einer bebend-lyrischen und dichten Sprache erzählt Noel von den Nachbeben einer post-kolonialen, kapitalistischen Welt und ihrer lukrativen Entwicklungsindustrie, dem im Globalen Süden situierten Wissen und Überleben, der gnadenlosen Anwesenheit der Vergangenheit und der Möglichkeit, Bilder und Worte auszugraben, die dieser Komplexität Raum geben.

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