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Zu viele alte Teenager

Ein Sammelband zum 50. Geburtstag des Punk setzt zu stark auf Erinnerung

Von Gabriel Kuhn

Ein breitbeiniger Mann wird während eines Konzerts von Zuschauenden auf den Händen getragen.
Der Altersdurchschnitt liegt hier eher im mittleren Segment. Punk ist ja auch schon 50. Foto: Evgeniy Smersh / Unsplash

Ich hätte es besser wissen sollen: Sammelbände zu rezensieren, gehört zu den undankbarsten Aufgaben des Autorendaseins. Die Fülle der Beiträge in »Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape«, von Jonas Engelmann im Ventil Verlag herausgegeben, macht es nicht einfacher. Von über 150 »Einstiegen, Zugängen und Eingängen in Punk« ist in der Einleitung die Rede, auf der Homepage des Verlages gar von über 200. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte (ja, ich habe nachgezählt). Alle Texte gehen von einem spezifischen Punk-Song aus.

Ich muss gestehen, dass sich mir der Sinn des Buches nicht ganz erschloss, bis ich einsah, dass es zum 50-jährigen Geburtstag des Punk zusammengestellt wurde, was auch immer das heißen mag. Gut. In so einem Fall kann der verdiente Betreiber eines Popkultur-Verlages schon mal die befreundete Schreiber*innenschaft zusammentrommeln, um dem Genre zu huldigen. Wie genau das ablief, wird nicht verraten. Durften die Personen, die um Beiträge angefragt wurden, die Songs selbst auswählen? Gab es eine Liste, und wer am schnellsten war, durfte zuerst? Vielleicht ist das egal. Ein paar Nachdrucke von Texten, die schon vor Jahren geschrieben wurden, sind auch dabei.

Mehr als zwei Drittel der Texte widmen sich Songs aus den 1970er und 80er Jahren. Aus den letzten 25 Jahren werden ganze 23 Songs besprochen. Das widerspricht ein wenig der in der Einleitung aufgestellten These, dass Punk noch immer lebendig sei, hat aber aller Wahrscheinlichkeit nach primär mit dem Alter der Beitragenden zu tun, die zum größten Teil bereits im letzten Jahrtausend und nicht in diesem zu Punks wurden.

Ist Langeweile wirklich die emotionale Grundlage des Punk?

Damit nähern wir uns den Problemen des Sammelbandes. »Bored Teenagers« fällt doch eher in die Kategorie Nostalgie. Menschen, heute oft nicht schlecht situiert, gedenken ihrer Jugend. Punk wird zum Erinnerungsstück und Kulturgut, aufbereitet in Buchform. Damit verbunden die Frage: Ist nun wirklich die im Titel angesprochene Langeweile die emotionale Grundlage des Punk? Oder gilt das nur für einen bestimmten Teil punkaffiner Menschen, nicht zuletzt in Deutschland? Warum ist nicht Wut oder wenigstens Frust die Ausgangslage? Die Grundstimmung wäre eine andere und damit auch der Zugang zum Punk als sozialem, kulturellem und politischem Phänomen.

Konfrontiert werden die Leser*innen mit diesen Fragen im Buch nicht. Engelmann zieht es – wohl bewusst – vor, Punk nicht zu definieren, seine Grenzen nicht abzustecken, keine wahren Werte dem Ausverkauf gegenüberzustellen. Das ist sympathisch, aber vielleicht auch ein bisschen – langweilig?

Bei der Fülle der Beiträge gibt es vieles, was sich Leser*innen erwarten dürfen, etwa Texte zu den Sex Pistols, den Ramones oder den Dead Kennedys, aber auch Unerwartetes, geografisch so geschickt verteilt, dass es eher wie Konzept als Zufall wirkt: Terveet Kädet aus Finnland sind mit dabei, Zabranjeno Pušenje aus Bosnien, The Blue Hearts aus Japan. Aus politischer Sicht erfreulich, dass Negu Gorriak aus dem Baskenland vertreten ist, aus Israel hätte es auch Dir Yassin statt Killer Halohetet sein dürfen. Mutig sind Autor*innen, die sich unangenehmer Kapitel der Punk-Geschichte annehmen, etwa Thorsten Hindrichs, der über die White-Power-Formation Skrewdriver schreibt.

Natürlich liest man dort besonders aufmerksam, wo es um Bands geht, die auch die eigene Geschichte prägten, in meinem Fall Minor Threat, Bad Religion oder NoMeansNo. Die Beiträge sind sehr persönlich gehalten (»Kurz vor der Deadline setzte ich mich an die Schreibmaschine und schrieb Jonas eine Nachricht, dass ich die Deadline nicht einhalten werde«), was wohl Sinn der Sache war und gleichzeitig gut wie schlecht ist. Leser*innen werden so leichter in die Beiträge hineingezogen, auf Dauer kann der Zugang aber auch selbstzentriert wirken. In den besten Fällen, etwa in Kersty Grethers Text zu den Riot-Grrrl-Ikoninnen von Bikini Kill, verleiht er den Texten eine besondere Stärke.

Es mag daran liegen, dass den letzten 25 Jahren insgesamt wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, aber »Bored Teenagers« ist eher von Geschlechterbinarität als von Geschlechterpluralität geprägt. Mit wenigen Ausnahmen schreiben Männer über Männer und Frauen über Frauen. Dass die Männer in der Überzahl sind, darf nicht dem Herausgeber angekreidet werden, da muss sich die Punkkultur schon selbst an die Nase fassen. Es ist beschämend, wenn uns Dagmar Brunow in ihrem feinen Text zur Queercore-Band Team Dresch daran erinnert, was an deren Auftritten mit das Besondere war: »Ich musste auf Konzerten nicht in die zweite Reihe und kam beim Pogen nicht unter die Räder.« Tja. Auch das gehört zur Geschichte des Punk. Umso erfreulicher ist es, in Engelmanns Buch über X-Ray Spex, Sleater-Kinney oder L7 zu lesen. Letztere war die Lieblings-»All-Girls-Band« meiner Jugend, neben Babes in Toyland, denen leider ein eigener Beitrag versagt blieb. Dass mit Mira Mann eine Münchnerin über L7 schreibt, tut den persönlichen Nostalgie-Bedürfnissen besonders gut, waren Punk-Liebhaber*innen aus dem oberbayerisch-tirolerischen Grenzgebiet in Vor-Internet-Zeiten doch sowohl beim Plattenkauf als auch bei Konzertbesuchen fast zur Gänze von München abhängig.

Dass manche Autor*innen Klischees nicht entkommen (»damals ging es vor allem um die Energie«, »am Ende zählt das Gefühl«) – geschenkt. Es ist nicht so einfach, einschneidende Erfahrungen literarisch auf den Punkt zu bringen. Und rhetorische Leckerbissen gibt es in »Bored Teenagers« allemal: »Fairytale of New York« von den Pogues als »debile Weihnachtsballade« zu bezeichnen, ist ziemlich Punk.

Schade bleibt, dass die gegenwärtige Punk-Szene kaum eingefangen wird. Sie zeichnet sich durch Vielfalt und Frische und sehr viel DIY-Spirit aus. Die großen Bands, die alle kennen müssen, gibt es nicht mehr, oder sie haben sich in den Pop verabschiedet. Der gegenwärtige Underground ist lebendig und tatsächlich alles andere als langweilig. Mehr davon wiederzugeben, wäre vielleicht ein passenderer Tribut an das Genre gewesen als allzu viel Erinnerung.

Gabriel Kuhn

ist Gewerkschaftssekretär und lebt in Stockholm.

Jonas Engelmann (Hg.): Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape. Ventil-Verlag, Mainz 2026. 372 Seiten, 25 Euro.