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|ak 721 | Alltag |Reihe: Motherhoods

Eltern-WhatsApp-Gruppen

Von Jacinta Nandi

Ein iPhone, das von einer Person mit zwei Händen gehalten wird.
Eltern-WhatsApp-Gruppen sind uncool – und trotzdem unverzichtbar. Foto: E1N7E / Pixabay

Ist euch schon mal aufgefallen, wie sehr Menschen es mögen, Sachen, die vor allem Frauen mögen, uncool zu finden? Sowohl Männer als auch Frauen machen das, und ich muss sagen, ich mache es auch manchmal, ich mache manchmal mit. Es fühlt sich gut an, nicht so eine typische Frau zu sein, die Rosamunde Pilcher liest oder Taylor Swift hört oder Plätzchen backen will.

Ganz perfide finde ich, wenn es mal um die sehr wenigen Filme, die für Frauen gemacht werden, geht. Wenn plötzlich bei »Mamma Mia« oder »Bridget Jones« alle zur Feminismus-Schule gegangen sind – sogar diejenigen, die 2022 fröhlich misogyne Memes gegen Amber Heard gepostet haben, denen zufolge es eigentlich lustig ist, wenn ein Vergewaltigungsopfer am Tag nach der Vergewaltigung ihren verletzten Hund zum Tierarzt bringen muss. Plötzlich sind alle die Misogyny Police und greifen verzweifelt nach ihren Perlen, weil Meryl Streep Pierce Brosnan heiraten soll oder Bridget Jones ihren Körper hasst.

Die Sache ist die: Frauen sind uncool und ihre Leben langweilig. Deswegen ist auch alles, was Frauen gefällt – oder einfach die Lebensrealität der Frauen spiegelt – uncool. Und nichts ist uncooler als die Eltern-WhatsApp-Gruppe, oder? Lustige Memes, Comedy-Skits, Insta-Reels, sogar Pop-Lieder – sie zeigen uns ganz klar, dass alle Nachrichten in Eltern-WhatsApp-Gruppen dumm sind. Dumm. Sinnlos. Hysterisch. Paranoid.

Eine meiner besten Freundinnen, ebenfalls Mama, fängt an, mit mir über Eltern-WhatsApp-Gruppen zu lästern. »Die anderen Eltern sind so dumm«, sagt sie. »Sartre said, hell is other parents«, antworte ich. »Hat er das gesagt?«, fragt sie. »Nein«, sage ich. »Nur ein Witz. Eltern-WhatsApp-Gruppen sind die Hölle!« Sie sagt: »Sie schreiben immer zu viel und zu lang«. Ich sage: »Ja«. »Und alles unnötig«, sagt sie. »Unnötiger Müll.«

Ich nicke. »Es sind die Mütter, die am meisten schreiben«, sagt sie. »Sie haben nichts zu tun, sie wollen sich wichtig machen.«

Ich nicke noch mal. Ich kaue ein bisschen an der Unterlippe. »Obwohl … Wenn es wirklich unnötig wäre, könnten wir die Gruppe auch stummschalten, oder? Wir brauchen schon die Infos, oder? Wegen Vorlesewettbewerb oder Terrorismus-Drohungen, die eigentlich nur ein Streich sind. Ich würde niemals die Gruppe verlassen können.« »Nein«, sagt sie. »Leider können wir das nicht.«

Egal, ob man das gut oder schlecht findet: Moderne deutsche Eltern – oder Eltern in Deutschland – wissen viel mehr als unsere Eltern über das, was in der Schule passiert.

Meine Mutter galt in den 1980er Jahren als Helikopter-Mutter, weil ich im Sommer nicht draußen spielen durfte, wo ich wollte. Aber ich lief mit sieben allein zur Schule, es waren die 80er. Meine Mama ging immer hin, wenn sie musste – einmal im Herbst zum Diwali-Fest, einmal zu Weihnachten für das nativity play, einmal im Sommer für den Sporttag und einmal abends für den Elternabend.

Egal, ob man das gut oder schlecht findet: Moderne deutsche Eltern – oder Eltern in Deutschland – wissen viel mehr als unsere Eltern über das, was in der Schule passiert. Es passiert auch, habe ich das Gefühl, viel mehr in der Schule. Mal müssen die Kinder sich als Figuren aus einem Märchen verkleiden, mal eine Woche lang einen grünen Hut tragen, manchmal müssen sie Obst oder Eier oder ein Nudelholz mitbringen, oft muss man einen anderen Eingang benutzen, ab und zu muss man Geld an den Hort per Paypal überweisen.

Langweilig, ja. Aber unnötig? Nein. Leider nein. Für alle Eltern sind die Infos der WhatsApp-Gruppen wichtig, für Ausländer*innen mit undiagnostiziertem ADHS sind sie oft ein Lebensretter. Und vergesst nicht, dass viele Eltern in Deutschland wenig Deutsch sprechen, und vielleicht die offiziellen Infos, die man von den Lehrkräften bekommt, in leichterer Sprache kommuniziert bekommen müssen. Die einzigen Menschen, für die die Infos in den WhatsApp-Gruppen irrelevant sind, sind entweder kinderfrei oder Väter.

Ich fragte im Freundeskreis rum, auf der Suche nach lustigen Anekdoten über Eltern-WhatsApp-Gruppen: Was ist die sinnloseste Nachricht, die ihr je gelesen habt? Aber wisst ihr was? Obwohl alle einverstanden waren, dass alle anderen Eltern, und besonders die Mamas, paranoid und hysterisch sind, hatte kein Mensch ein tatsächliches Beispiel von einer konkreten Nachricht, die nicht hätte geschrieben werden sollen. 

Es ist leicht, über Sachen, die Frauen mögen, zu lästern, es macht Spaß, sich von anderen Frauen abzugrenzen, es fühlt sich gut an, so zu tun, als seien die Themen, die Mütter (und aktive Väter) beschäftigen, trivial. Aber, ob man es befürwortet oder nicht: Tatsache ist, dass ein Kind in der Grundschule zu haben heutzutage fast wie ein Ehrenamt in einem Verein ist, und Eltern-WhatsApp-Gruppen ein wichtiges Werkzeug sind, mit dem das damit einhergehende Mental Load ein bisschen erleichtert wird. 

Und übrigens: Wenn jemand aus Versehen einen grünen Minecraft-Handschuh mit nach Hause genommen hat, bring ihn bitte einfach morgen wieder mit, der war voll teuer und total neu. Und wisst ihr, ob Ethik diese Woche ausfällt, weil die Sechstklässler die Zimmer brauchen für das Weihnachtskonzert? Und denkt alle daran, morgen gehen sie zum Bauernhof, also brauchen sie ein BVG-Ticket. Danke. Tschau. Bis bald!

Jacinta Nandi

ist Autorin und lebt in Berlin, außerhalb des S-Bahn-Rings. Kürzlich erschien ihr Roman »Single Mom Supper Club« bei Rowohlt.

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