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|ak 723 | Kultur

Ein politisches Wesen

Mary Shelleys »Frankenstein« ist viel gesellschaftskritischer als die vielen Adaptionen des Buches

Von Jenny Farrell

Ein menschenähnliches Wesen sitzt auf dem Boden
Zwischen Horror und Erkenntnis: »Frankenstein« wurde oft adaptiert, Bild aus dem Originalbuch. Foto: gemeinfrei

Was bleibt von »Frankenstein«, wenn man die populären Filmversionen beiseite lässt? Sicher nicht nur eine Schauergeschichte über ein fehlgeschlagenes Experiment. Mary Shelleys Roman, 1818 erschienen, ist vielmehr ein politisches Dokument seiner Zeit – ein Text, der wissenschaftliche Neugier, gesellschaftliche Verantwortung und Machtkritik miteinander verschränkt. Wer diese Dimensionen verstehen will, findet sie nicht auf der Leinwand, sondern im Original. Anlässlich des 175. Todestages von Shelley lohnt es sich, »Frankenstein« als das zu lesen, was er ist: ein Roman über politische Angst, ethische Verantwortung und die Gefahren moderner Herrschaft. In Shelleys Roman erschafft Victor Frankenstein ein Lebewesen und entzieht sich unmittelbar danach jeder Verantwortung.

Entstanden ist »Frankenstein« in einem Moment tiefgreifender Verunsicherung. Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich Großbritannien nach den Napoleonischen Kriegen in einer Phase politischer Restauration. Die Erinnerung an die Französische Revolution war in den unteren Klassen lebendig, ebenso die Furcht vor dem Import ihrer Ideen unter den Herrschenden. Wirtschaftliche Not, soziale Spannungen und Protestbewegungen wie die der Luddit*innen, Maschinenstürmer*innen, verstärkten diese Ängste. Der Staat reagierte mit Repression. Radikale politische Ideen, religiöser Nonkonformismus und neue naturwissenschaftliche Erklärungen des Lebens gerieten unter Generalverdacht. Besonders materialistische Theorien, die das Leben nicht göttlich, sondern physisch erklärten, galten als gefährlich. Erkenntnis wurde zur politischen Bedrohung.

Shelley zeigt, dass Wissen ohne Verantwortung nicht emanzipatorisch, sondern destruktiv wirkt.

In dieses Klima hinein schrieb Shelley »Frankenstein« – geprägt von einem außergewöhnlichen intellektuellen Umfeld. Als Tochter des politischen Philosophen William Godwin und der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft wuchs sie mit Diskussionen über Vernunft, Gleichheit, Erziehung und gesellschaftliche Reform auf. »Frankenstein« setzt diese Debatten literarisch fort. Leben erscheint hier nicht als göttliche Gabe, sondern als Ergebnis materieller Prozesse; der Mensch wird durch Erfahrung, Umwelt und Bildung geformt. Dass Shelley den Roman während des selbstgewählten Exils auf dem europäischen Kontinent verfasste, ist kein Zufall: Das Schreiben vollzieht sich außerhalb eines Landes, in dem Rede- und Meinungsfreiheit zunehmend unter Druck stand.

So ist die Handlung weniger Schauerroman als politische Allegorie. Victor Frankensteins Fehler, liegt nicht im Erkenntnisdrang, sondern in dessen Umsetzung: Er arbeitet im Geheimen, verweigert Diskurs und flieht vor den Folgen seines Handelns. Das Wesen hingegen erscheint als lernendes, reflektierendes Subjekt. Es eignet sich Sprache an, entwickelt moralische Maßstäbe und strebt nach sozialer Zugehörigkeit. Erst die vollständige Isolierung – vor allem durch seinen Schöpfer – lässt dieses Streben in Gewalt umschlagen.

Die Orte, in denen Shelley diese Geschichte ansiedelt, sind politisch bedeutungsvoll. Genf steht für republikanische Ordnung und soziale Verantwortung, Ingolstadt hingegen – historisch mit den Illuminaten verbunden – für radikale Reform, geheime Netzwerke und institutionelle Grenzüberschreitungen. Victors Wissenschaft ist kein neutraler Fortschritt außerhalb der Gesellschaft, sondern ein Projekt ohne öffentliche Kontrolle. Shelley zeigt, dass Wissen ohne Verantwortung nicht emanzipatorisch, sondern destruktiv wirkt.

Besonders deutlich wird dies in der Zeichnung des Wesens. Es ist von Beginn an als moralisches Subjekt konzipiert. Seine Bitte um eine Gefährtin ist kein Akt der Erpressung, sondern ein Anspruch auf Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Victors Entscheidung, das begonnene weibliche Wesen zu zerstören, vollendet das gesellschaftliche Ausgestoßensein des Wesens. Zugleich kehrt sich das Machtverhältnis um: Victor wird selbst zum Verfolger und erleidet das Exil, das er seinem Wesen auferlegt hatte. Die Jagd endet im Eis der Arktis – einem Bild politischer Erstarrung, das zeitgleich auch in Kunst und Musik, etwa bei Caspar David Friedrich oder Franz Schubert, als Metapher restaurativer Vereisung erscheint.

Dass das Wesen das letzte Wort erhält, ist programmatisch. Es spricht reuig und reflektiert, während Victor selbstgerecht stirbt. Herrschaft ohne Verantwortung, so Shelleys zentrale These, erzeugt Gewalt.

Der Roman verknüpft letztlich das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis mit imperialer Expansion. Sowohl Victors Streben nach verantwortungslosem Wissen als auch Waltons Polarexpedition, der der Schöpfer auf der Jagd nach dem Wesen in der Arktis begegnet, folgen einer Logik grenzenloser Aneignung. Shelley entwirft damit eine radikale Kritik moderner Machtverhältnisse, die in der Wissenschaft, Politik und Ethik nicht getrennt gedacht werden können – eine Kritik, die bis heute pointierter ist, als sie in Guillermo del Toros neuer filmischer Adaption, einer völligen Umschreibung des Romans, zum Ausdruck kommt.

Jenny Farrell

ist Publizistin und Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, studierte an der Humboldt-Universität und lebt seit 1985 in Irland.

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