Reproduktionsarbeitskampf
Die Debatte um Leihmutterschaft verdient differenzierte Betrachtungen statt einfacher Antworten
Nachdem im Juli öffentlich wurde, dass Jens Spahn und sein Ehemann mithilfe einer Leihmutter aus den USA Eltern geworden sind, kocht die Debatte. Die moralische Empörung zieht sich dabei durch alle politischen Lager: Leihmutterschaft sei »inhuman und unchristlich«, findet Alice Schwarzer, für Beatrix von Storch ist Spahn ein Mann, »der sein persönliches Wollen über das Wohlergehen von Frauen und Babies stellt«, Sahra Wagenknecht empörte sich über die »Baby-Shoppingtour«, und auch der linke Podcast 99 zu Eins sprach vom »Baby kaufen«.
Leihmutterschaft ist Ausbeutung – da scheinen sich viele einig zu sein. Diese eher sachliche Feststellung wird meist direkt um moralische Urteile ergänzt und mit Mythen rund um Schwanger- und Mutterschaft gemischt. Ein Kind brauche seine Mutter und eine Mutter auch ihr Kind. Die Unterstellung, eine Leihmutter müsse zwangsläufig darunter leiden, das Neugeborene an seine Eltern zu übergeben, spricht allen Gebärenden die Fähigkeit zu rationalen, selbstbestimmten Entscheidungen ab. Nicht selten hat die Ablehnung von Leihschwangerschaften auch homofeindliche Untertöne, wenn zum Beispiel kritische Artikel mit zwei Vätern bebildert werden, obwohl ein Großteil der Kinder, die von einer Leihmutter geboren werden, in heteronormativen Familien aufwachsen. Zur Queerfeindlichkeit gesellen sich mitunter Argumente aus der Anti-Abtreibungsbewegung und patriarchale Vorstellungen von Kindern als Besitz. Menschen, die mit Leihschwangerschaften Geld verdienen, bleiben passive Objekte der Debatte, statt als Arbeiter*innen ernstgenommen oder auch nur gehört zu werden.
Keine Arbeit wie jede andere
Selbstverständlich ist Leihmutterschaft keine Arbeit wie jede andere: Schwanger ist man 24/7, keine Pausen, Urlaub oder Möglichkeit zur Kündigung. Wir können Leihschwangerschaften nicht isoliert betrachten. Sie finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Kapitalismus; in einer Welt der globalen und kolonialen Ausbeutung; einer Welt, in der Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Insbesondere in Hinblick auf vergeschlechtlichte Arbeit, körperliche Arbeit und das, was unter Haus- und Carearbeit gefasst wird, sehen wir ein enormes Gefälle. Häufig gilt: Je ärmer ein Mensch, desto härter der Job, desto weniger Arbeitnehmer*innenrechte. Seien es ausländische Bauarbeiter*innen, die in Katar Stadien bauen, sogenannte Saisonkräfte, die unter menschenunwürdigen Bedingungen monatelang Spargel stechen und Erdbeeren pflücken, Hausangestellte, die im Ausland fremde Häuser putzen oder rund um die Uhr alte Menschen pflegen – sie alle eint, dass sie die Arbeit nur machen, weil die Alternativen noch schlimmer erscheinen.
Wie »freiwillig« ist eine Entscheidung, wenn der ökonomische Druck uns nur aus unattraktiven Möglichkeiten wählen lässt?
Ähnlich wie bei der Debatte um Sexarbeit stellt sich also auch bei Leihmutterschaft die Frage: Wie »freiwillig« ist eine Entscheidung, wenn der ökonomische Druck uns nur aus unattraktiven Möglichkeiten wählen lässt? Es ist durchaus vorstellbar, dass es für eine Frau das geringere Übel ist, als Leihmutter Geld zu verdienen, als das ganze Jahr von ihren Kindern getrennt im Ausland Care-Arbeit für andere zu leisten. (Diese Form der globalen Ausbeutung überwiegend weiblicher Arbeiter*innen hat die US-amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild als »Global Care Chain« bezeichnet und beschrieben.) Letztlich ist die Frage nach Freiwilligkeit in diesem Zusammenhang auch gar nicht so relevant, denn im marxistischen Sinne sind Arbeiter*innen doppelt frei: Sie sind frei zu arbeiten, aber sie sind auch frei zu verhungern, wenn sie nicht arbeiten. Es ist immens wichtig, diesen ökonomischen Zwang nicht mit tatsächlich existierender Versklavung oder Menschenhandel gleichzusetzen, wie es in der Diskussion um Leihmutterschaft immer wieder geschieht. Der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) sah sich im Zuge der Spahn-Debatte gezwungen, ein Statement zu veröffentlichen, um klarzustellen, dass Leihmutterschaft »nicht per se Menschenhandel« darstellt und forderte: »Eine sachgerechte Debatte sollte diese Unterscheidung aufgreifen. Nur so lassen sich sowohl die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen und gebärenden Personen als auch die präzise Anwendung des Menschenhandelsbegriffs gewährleisten.«
Befreiung bedeutet Arbeitskampf, nicht »Errettung«
Das Ziel muss die Verbesserung der materiellen Bedingungen von Arbeiter*innen sein. Dazu gehören neben höheren Arbeitslöhnen, mehr Mitbestimmung, Arbeitsschutz, Absicherung bei Krankheit (und im Falle von Unfällen, Tod oder dauerhafter Arbeitsunfähigkeit Absicherung der finanziell abhängigen Angehörigen) sowie Altersvorsorge. In der Realität arbeiten viele Leihgebärende weltweit ohne jegliche Arbeitnehmer*innenrechte und bekommen von den hohen Summen, die ausländische Paare bezahlen, lediglich einen Bruchteil. Das ist so, weil im Kapitalismus die Profitmaximierung auf dem Rücken der Arbeitskräfte vorgesehen ist. Doch das adressieren Gegner*innen der Leihmutterschaft in der Regel gar nicht. Statt die Arbeiter*innen zu organisieren, ihre Forderungen in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihnen für bessere Bedingungen zu kämpfen, werden Totalverbote gefordert und als »Befreiung der Frauen« verkauft. Das ist paternalistisch und folgt einem bekannten Muster: White Saviorism, bei dem die »Anderen« (meist aus dem Globalen Süden) als hilfsbedürftig und passiv dargestellt werden und der »Rettung« bedürfen.
Hier zeigen sich so viele Parallelen zur Debatte um Sexarbeit: Arbeiter*innen werden als anonyme, unterdrückte Masse imaginiert, sie selbst kommen so gut wie nie zu Wort, wenn überhaupt, dann nur Einzelne, die den Punkt der Gegner*innen (oder Befürworter*innen) bestätigen sollen. Die selbsternannten »Retter*innen« stellen in ihrem Namen Forderungen, die nicht zuletzt dazu führen können, dass eine Einkommensquelle verloren geht, ohne alternative Ideen zu haben, wie die materielle, das heißt ökonomische Situation der Arbeiter*innen verbessert werden soll.
Auch die moralische Aufladung der Debatte erinnert an die um Sexarbeit: Schwangerschaft wird als etwas sakrales angesehen, ähnlich wie sexuelle Intimität, es wird eine Art von »Reinheit« imaginiert, etwas, das nur »mit Liebe« verbunden sein darf, keinesfalls mit Geld. Und wie die Sexarbeits-Abolitionist*innen finden auch die Gegner*innen der Leihmutterschaft ihre ähnlich unerträglichen Antagonist*innen im Liberalfeminismus, der alles auf die »Freiheit der Wahl« reduziert und dabei materielle Realitäten, globale Machtgefälle und Unterdrückung einfach ignoriert.
Schwangerschaft ist auch in der Ehe Arbeit
Die britische Autorin und marxistisch-feministische Denkerin Sophie Lewis hat ein ganzes Buch über Leihmutterschaft geschrieben (»Full Surrogacy Now«) und geht darin sowohl auf die brutale Ausbeutung von Arbeitskraft ein, die im kolonialrassistischen, kapitalistischen Herrschaftssystem stattfindet, als auch auf die dringend notwendige Entmystifizierung des bürgerlichen Ideals der »perfekten Schwangerschaft«, die von kapitalistischen Marktbeziehungen unberührt bleibe. (Letztlich ist es auch genau dieses Ideal, das den kommerziellen Leihmutterschaftsmarkt so profitabel macht!)
Schwangerschaft ist eine Form der Arbeit, die im Kapitalismus ausgebeutet wird, auch innerhalb der Ehe. Für Lewis stellt sich daher gar nicht die Frage, ob man »für oder gegen Leihmutterschaft« ist, sondern ob man im Kapitalismus an der Seite der Arbeiter*innen steht oder nicht. Entsprechend fordert Lewis eine ehrliche Analyse davon, wie der Kapitalismus unser Leben bis in die kleinsten Einheiten hinein dominiert, und sie macht deutlich, dass die Unterscheidung zwischen Lohnarbeit und Reproduktions- bzw. Carearbeit kein Naturgesetz ist, sondern der kapitalistischen Ordnung selbst entspringt.
Statt einfacher Antworten (»Leihmutterschaft weltweit verbieten!«) verdient die Debatte eine differenzierte Auseinandersetzung, die neben dem globalen Ausbeutungssystem auch binäre Geschlechtsvorstellungen, patriarchale Familienbilder, reproduktive Gerechtigkeit und faire Verteilung von Carearbeit in den Blick nimmt. Statt die Dafür-oder-Dagegen-Diskussion über Leihmutterschaft zu führen, könnten wir zum Beispiel darüber sprechen, wie eine Gesellschaft aussehen würde, in der es keine Frage finanzieller Mittel ist, ob und wie eine Familie mit Kindern gegründet werden kann. In dieser Utopie kann die menschliche Reproduktion außerhalb kapitalistischer Logiken stattfinden, in kollektiven Gesundheitszentren, ohne private Agenturen. Menschen könnten sich als Familien und Sorgegemeinschaften kollektiv zusammenschließen, unabhängig von Genetik und staatlichen Ordnungssystemen. Kinder könnten von Anfang an selbstbestimmt aufwachsen, nicht als Eigentum ihrer Eltern, sondern unterstützt und begleitet von sorgenden Erwachsenen.
