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|ak 725 | Alltag

»Gewalt ist die Antwort«

In den USA löst eine Reihe von Lagerhausbrandstiftungen Begeisterung aus

Von Jan Ole Arps

Verwackelte Aufnahme brennender Paletten in einer Lagerhalle
»Das war’s mit eurem Inventar.« Szene aus Chamel Abdulkarims Video aus dem Inneren des Lagerhauses. Quelle: U.S. Attorney’s Office for the Central District of California

Wir machen bei ak ja nicht viel constructive journalism, aber warum nicht auch mal das. Am frühen Morgen des 7. April setzte Chamel Abdulkarim ein Lagerhaus für Toilettenpapier im kalifornischen Ontario in Brand. Der Lagerarbeiter filmte sich dabei, wie er in einer riesigen Halle des Konzerns Kimberly Clark mit einem FC-Bayern-Feuerzeug Toilettenpapierpackungen anzündete, dabei sagte der 29-Jährige: »Ihr hättet uns nur einen Lohn zahlen müssen, der zum Leben reicht.« Und: »Das war’s jetzt mit eurem Inventar.« Die Videos postete er auf Facebook, noch während 175 Feuerwehrleute versuchten, den Brand zu löschen.

Abdulkarim, der beim Subunternehmen NFI Industries beschäftigt war, hatte sich offenbar Gedanken gemacht, wie er die Sache effektiv gestalten könnte. Mutmaßlich legte er zuerst nur einen Brand, wodurch Feueralarm und Sprinkleranlage losgingen. Nachdem der Betriebsschutz beides ausgeschaltet hatte, zündete er an weiteren Stellen Paletten mit Papierpackungen an. Da konnte auch die Feuerwehr nichts mehr machen: Die 110.000 Quadratmeter große Halle brannte komplett nieder. Der Schaden soll sich auf 650 Millionen Dollar belaufen (500 Millionen allein für das in Rauch aufgegangene Klopapier). Verletzt wurde niemand.

Nach seiner Festnahme soll Chamel Abdulkarim antikapitalistische Ansichten geäußert haben, wie die Staatsanwaltschaft erklärt. In einer Nachricht an einen Kollegen direkt nach der Brandstiftung habe er sich zudem mit Luigi Mangione verglichen, der im Dezember 2024 Brian Thompson, den CEO des größten US-Krankenversicherers, United Healthcare, erschossen haben soll. Mangione, der damit wohl auf das menschenverachtende System der privaten Krankenversicherer zielte, wurde zum Internetstar – wochenlang ließen US-Amerikaner*innen bis weit in die MAGA-Basis hinein damals ihrem Klassenhass auf das skrupellose Geschäft mit gesundheitlichen Leiden von Millionen und denen, die sich daran bereichern, freien Lauf. In der Folge lockerten einige Krankenversicherer, wohl aus Angst, Bewilligungsbedingungen. Mangione, der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, wurde zur unerwarteten Identifikationsfigur, der Kapitalistenmord von Hunderttausenden begeistert gefeiert.

Chamel Abdulkarim ergeht es nun ähnlich. Auf Social Media lassen unzählige Menschen ihn als Working Class Hero hochleben. »Das ist kein Verbrechen, sondern eine revolutionäre Tat«, »Gewalt ist die Antwort, die Reichen wissen das« oder »Wäre wahrscheinlich billiger gewesen, einen Lohn zu zahlen, der zum Leben reicht« waren noch vergleichsweise sachliche Kommentare. Man kann auch massenhaft Diskussionen verfolgen, in denen Nutzer*innen Niedriglohnerfahrungen austauschen und zwischen Verurteilung und Bewunderung für die Brandstiftung schwanken.

Anders als im »Fall Luigi« blieb es nicht bei Beifall. Seit dem 7. April brannten weitere Lagerhäuser, unter anderem in New York, New Jersey, Pennsylvania, Ohio und Florida, darunter ein Amazon-Depot – und am 10. April abermals in Ontario, Kalifornien. Diesmal war eine Mall dran, ein 28-Jähriger zündete dort mehrere Geschäfte an. Man könnte sagen, die Aktionsform breitete sich aus wie ein Lauffeuer.

Zwar sind bei vielen der Brände die Ursachen noch unklar oder werden nicht offiziell bestätigt (wobei einige Fälle Anzeichen für Brandstiftungen aufweisen). Aber angesichts der Häufung und Zielauswahl kann man doch von einem Muster sprechen. Ein Tiktok-Nutzer kommentierte süffisant: »Vielleicht sollten wir aufhören, über die Brände zu reden, damit es nicht noch mehr Nachahmer gibt. Wo kämen wir hin, wenn alle, die für Dumpinglöhne arbeiten, ihre Arbeitsplätze anzünden? Dann gäbe es ja bald keine Arbeitsplätze mit solchen Löhnen mehr, dann müssten ja alle irgendwo arbeiten, wo man genug zum Leben verdient.«

Das ist vielleicht etwas viel Optimismus, aber fest steht: Während die Vermögen der US-Milliardäre ins Unermessliche wachsen und Preise für Lebensmittel in die Höhe schießen, erleben viele Lohnabhängige immer brutalere Ausbeutung und niedrige Löhne – und die Gewerkschaften sind schwach. Auf den Einwand, dass sich Arbeiter*innen besser gewerkschaftlich organisieren sollten, antwortete daher ein Reddit-Nutzer: »Leute, die ihre Geschichte nicht kennen, begreifen nicht, dass Gewerkschaften der Kompromiss zwischen Arbeiter*innen und Kapitalisten WAREN. Davor haben sie Fabriken und Fabrikantenvillen abgefackelt, wild gestreikt und andere krasse Sachen gemacht. Jahrzehnte von Union Busting und Niedriglöhnen führen eben zu sowas. Ich wundere mich eher, dass das nicht schon viel öfter passiert.«

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