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Neue deutsche Arbeiterliteratur

Die Anthologie »Klasse und Kampf« passt gut in den herrschenden Kulturbetrieb

Von Johannes Tesfai

Es gibt immer jemanden, der die Armen daran hindert, sich mehr herauszunehmen. Foto: Matthias Berg / Flickr

Während der Verfassungsschutz die junge Welt beobachtet, weil sie ihren Autor*innen nicht die Klassentheorie aus den Artikeln wegredigiert, kann man dieser Tage in der Bundesrepublik zugleich mit dem Wort Klasse im Titel verdammt viele Bücher verkaufen. Christian Baron hat sich 2020 mit seinem sehr persönlichen Roman »Ein Mann seiner Klasse« in die Bestsellerlisten geschrieben. Es war so erfolgreich, dass Ijoma Mangold in der Zeit fragte, ob Baron der deutsche Didier Eribon sei. Sein Verlag war offenbar auch zufrieden und nun wird nachgelegt. Mit »Klasse und Kampf« hat Baron gemeinsam mit Maria Barankow, ihres Zeichens Lektorin bei Ullstein, eine Anthologie herausgebracht. In diesem Buch schreiben Kulturschaffende über ihr Aufwachsen im unteren Teil der Klassengesellschaft.

Orte des Bürgertums

Die bürgerliche Gesellschaft ist nach dem oberen Teil dieser Gesellschaft benannt, auch, weil Erfahrungen als gewöhnlich angesehen werden, wenn sie von dort kommen. Armut und Mangel gelten indes als abseitiges Erleben. Kinder der Unterschicht werden sich in »Klasse und Kampf« auf die ein oder andere Weise wiederfinden. Die Alltäglichkeit leerer Konten, die Scham über den Mangel an Möglichkeiten, das Kaschieren der Armut in jedem Kleidungsstück, jedem Verzicht auf Erholung oder Kultur werden hier, zumindest auf dem Papier, kollektiviert. Menschen, die in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, zeigt es, dass ihre Erfahrungen kein Unfall des Sozialstaats sind, sondern bis heute alltäglich. Ein Buch also, das die Realität in die Kultur zurückbringt.

Und dieses Buch ist manchmal schmerzhaft zu lesen. Zu finden sind vor allem Berichte aus der eigenen Kindheit und Jugend der Autor*innen, die sich mal wie eine Reportage und mal wie ein fiktionaler Text lesen. Es klingen Themen wie Missbrauch und häusliche Gewalt an. In gewisser Weise sind es ausweglose Texte. Lucy Fricke schreibt über ein jugendliches Leben voller Krisen und Chaos. Arno Frank lernt in seinen frühen Jahren die Dominanz der Arbeit kennen. Allen ist der individuelle Aufstieg gemein: der Klassenverrat als Rettung aus dem Elend. Klasse kommt dieser Tage vor allem als Coming of Age Geschichte daher. Und das ist eigentlich auch das Problem mit diesem Buch. Es ist eine Art schön geschriebene Beschau vergangenen Elends. Denn die Orte, an denen über die Themen der Texte gesprochen wird, sind die Orte des Bürgertums. Große Literaturverlage verlegen die Bücher, in den Feuilletons werden sie besprochen und auf den Bühnen der großen Theater erleben sie ihre Premieren. Es ist die Lust am Gefährlichen, am Fremden, die das bürgerliche Publikum hier befriedigen kann. Und weil es Geschichten aus der Vergangenheit sind, hält sich das schlechte Gewissen in Grenzen. Die Autor*innen der neuen Arbeiterliteratur sitzen ja immerhin mit frisch gewaschener Kleidung auf den Podien und stellen ihre Texte vor. Die Geschichte hat also ein gutes Ende genommen, die anderen Protagonist*innen aus den Texten bleiben weiterhin gesichtslos. Ein schuldloses Vergnügen am Elend der anderen.

Fünf Minuten Ruhm

Gleichzeitig begrenzt es die Kollektivierung der Erfahrungen der Unterschichtskinder. Sie sind immer noch auf die bürgerliche Kultur verwiesen, um gehört zu werden. In dieser Kultur spielen Rechtsanwaltssöhne und manchmal auch Abteilungsleitertöchter Platzanweiser*in. Aber genau diese Positionen sieht die Gesellschaft für alle Beteiligten vor. Die Platzanweiser*innen werden in ihrer Schullaufbahn immer wieder dazu angehalten, miteinander zu diskutieren, ihre Umwelt und andere zu bewerten, denn sie sollen in Zukunft Entscheidungen für andere und über andere treffen. Meinungsbildung als staatsbürgerliche Pflicht. Literatur und Feuilleton wirken da nur wie Trockenübungen für eine Klasse, die es gewöhnt ist, über andere zu urteilen und zu bestimmen.

Die neue deutsche Arbeiterliteratur funktioniert im Kulturbetrieb wie der Bär in der Manege. Man sieht ihr die alte Wut an und weiß um die Gefährlichkeit, wenn die geordneten Bahnen verlassen werden.

Der untere Teil der Gesellschaft ist es hingegen gewöhnt, dass andere Entscheidungen treffen, ja über sie bestimmen. Fünf Minuten Ruhm sind dabei das Höchste der Gefühle. Clemens Meyer führt das in der Anthologie mit seinen »Antihelden« bis zur Perfektion aus. Dort nimmt er einen alten Freund zu einer seiner Lesungen mit. Dieser kann nicht anders, als sich als Fanboy wie auf einem Rockkonzert zu benehmen. Diese Szene wirkt wie ein Loriot-Sketch, die ewige Suche nach der Etikette in auswegloser Lage. Der bürgerliche Leser freut sich wohl aber vor allem über den unfähigen Proll, der sich keiner öffentlichen Situation anpassen kann und deshalb schon kein Rederecht haben sollte, ein Witz dem keine Deutung über die Situation zugestanden wird. Anders wird es diesen Büchern aus der Unterschicht wohl auch nicht ergehen. Die neue deutsche Arbeiterliteratur wird zum Farbtupfer im grauen Einerlei der Verlagslesungen.

Der Bär in der Manege

Der Beitrag von Francis Seeck ist anders. Seeck beschreibt zwar auch eine Kindheit im Zeichen der Pleite, aber scheinbar ist Bildung und Aktivismus unter anderen Vorzeichen sehr dominant im Alltag. So schreibt Seeck: »In meiner Familie wurde Theorie gelesen, um die Welt und die eigene soziale Situation zu verstehen, und nicht, um auf dem Bildungsweg weiterzukommen.« Theorie fungiert hier eben nicht als Mittel, um den Klassenaufstieg zu erreichen. Sie soll dabei helfen, politisch handlungsfähig zu werden, um die Ursachen für Scham und Armut abzuschaffen. Damit entzieht sich Schreiben und Lesen auch den Ansprüchen, sich einer bürgerlichen Öffentlichkeit anzupassen. Dadurch ist es möglich Erfahrungen anders zu teilen und sie müssen nicht mehr von einem Platzanweiser veredelt werden.

Die neue deutsche Arbeiterliteratur funktioniert im Kulturbetrieb wie der Bär in der Manege. Man sieht ihr die alte Wut an und weiß um die Gefährlichkeit, wenn die geordneten Bahnen verlassen werden. Letztendlich gibt es aber immer noch den Dompteur, der die Kontrolle über den Nasenring behält, damit der Bär seinen vorgesehenen Platz nicht verlässt.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.

Christian Baron & Maria Barankow (Hg.): Klasse und Kampf. Ullstein Verlag, Berlin 2021. 224 Seiten 20 EUR.