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Lust und Lohnarbeit

Das Spielfilmdebüt »Pleasure« von Ninja Thyberg wird vielfach als weiblicher Blick auf die Pornoindustrie gefeiert – zurecht?

Von Elena Baumeister und Bianca Jasmina Rauch

Viel Aufschlussreiches erfahren die Zuschauer*innen nicht über die 19jährige Linnéa, die sich aufgemacht hat, in L.A. eine Karriere als Pornodarstellerin zu starten. Foto: Weltkino.

Linnéa, die 19-jährige Hauptfigur im Film »Pleasure«, hat ihrer Heimat Schweden den Rücken gekehrt, um in L.A. ihr Glück als Pornostar zu wagen. In verschiedenen Etappen klettert sie als Bella Cherry die Karriereleiter hinauf und performt sich ihr Standing in der Szene. Das Kinopublikum lernt dabei, was es bedeutet, Pornodarstellerin zu sein. Von Filmdrehs in den etablierten Mainstream-Pornokategorien, über das Netzwerken bis hin zur Selbstinszenierung in den sozialen Medien geht es dabei vor allem um eines: schwerste Arbeit am und mit dem Körper. Wir sehen wie Linnéa, gespielt von Sofia Kappel, sich intimrasiert, schminkt, ihren Körper pflegt, ausspült, dehnt, schmückt, sich be- und entkleidet.

Ihre Beweggründe jenseits von Lohn und Ruhm werden dabei nur angedeutet. Immer wieder kokettiert Linnéa mit einem Streben nach Lust als Motivation für ihren Einstieg ins Pornogeschäft: »I just want to fuck!«. Aber auch der Bekanntheitsgrad, Macht über das Begehren anderer und die Performance an sich scheinen Linnéa zu gefallen und anzutreiben. Ihr Innenleben bleibt den Zuschauer*innen dennoch weitestgehend verborgen. Auch in zwischenmenschlichen Situationen fügt sie sich mit ihrer entschlossenen No-Drama-Miene perfekt in das neoliberale Individualstreben, das sich die Akteur*innen der misogynen Porno-Maschinerie von ihr wünschen.

Konkurrenz statt Solidarität

Thybergs Protagonistin handelt dabei durchaus selbstbestimmt: Linnéa steht für sich und ihre Grenzen ein, etwa wenn sie ihrem Agenten nach einer Gewalterfahrung am Set kündigt. Doch überwiegen Konflikte mit anderen Frauen deutlich die Konfrontation mit den Forderungen männlicher Auftraggeber. Die Hauptfigur lässt ihre Freundin nach deren Missbrauch hängen und übt während eines Drehs grenzüberschreitende Gewalt an einer insgeheim bewunderten Rivalin aus – während die Männer wie immer zuschauen. In einem sexistischen System, so Thybergs Botschaft, können Opfer zu (Mit-)Täterinnen werden. Dass marginalisierte Darsteller*innen, insbesondere Frauen, in der Pornoindustrie einem diskriminierenden System ausgesetzt sind, kommt nicht überraschend. Problematisch ist, dass »Pleasure« diese Erzählung für sich stehen lässt.

Konflikte mit anderen Frauen überwiegen in der Darstellung deutlich die Konfrontation mit den Forderungen männlicher Auftraggeber.


Bella wird als Pornodarstellerin zu einem Abziehbild, dessen emotionaler Hintergrund weitestgehend unnahbar ist und das, außer in der gewaltvollen Sexszene mit ihrer Konkurrentin, passiv bleibt. »Pleasure« verschenkt sein Potenzial als Spielfilm, jenseits der Abbildung realer Verhältnisse mögliche (feministische) Welten zu konstruieren. Der Kern des Films scheint stattdessen in der Reinszenierung von Pornoszenen aus der Sicht ihrer Darstellerin zu liegen.

Gemeinsam mit der Protagonistin erleben wir verschiedene Drehs, in denen keine Vulvas, dafür aber umso mehr Aufnahmen von Penissen mit Close-Ups von Bellas Gesicht abwechseln. Die männliche Perspektive des Produkts Porno durchbrechen Thyberg und Kamerafrau Sophie Winqvist Loggins, indem sie mit Auslassungen arbeiten, aber den male gaze, der noch immer die meisten Spielfilme dominiert, lassen sie keineswegs hinter sich. Teilweise sehen wir Bellas Miene auf dem Display des Kameramanns, der sie zugleich penetriert, auf zweiter Ebene: eine inszenatorische Entfremdung des männlichen Blicks fehlt.

Ein einziges langes Jobinterview

Regisseurin Thyberg beschreibt sich als ehemalige Anti-Porno-Aktivistin, die mittlerweile neutral sowohl dem Format gegenüber, als auch der Objektifizierung als Teil jedweder sexueller Performance eingestellt ist. Aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Personen aus der Pornoindustrie wird die Authentizität vieler Momente augenscheinlich. »Pleasure« gelingt es, seinem Sujet auf Augenhöhe zu begegnen und Pornografie nicht zu verteufeln, stattdessen die dahinterstehende Industrie teilweise zu demaskieren. Der Film exerziert anhand seiner Darsteller*innen fast schon strebsam intersektionale Diskriminierungserfahrungen (Sexismus, Rassismus, Klassismus) durch und zeigt, dass die Pornoindustrie eine Arbeitswelt wie jede andere ist. Trotzdem bleiben drängende Fragen nach den Risiken dieser Form der Sexarbeit für Frauen offen: Ungewollte Schwangerschaft bzw. Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten oder der Umgang mit Menstruation während der Dreharbeiten.

Schlussendlich wirkt »Pleasure« durch diese Auslassungen und sein unentschiedenes Ende keineswegs emanzipatorisch. Der Film gerät zu einer Art ewig langem Jobinterview, in dem sich keine Bewältigungsstrategien für die offensichtlichen Risiken gerade weiblicher Sexarbeit in einem diskriminierendem System andeuten. Zugunsten einer feministischen Perspektive müsste der Film verstärkt auf fiktionaler Ebene oder mit ästhetischer Entfremdung arbeiten, wo er bloß im authentischen Kosmos der Pornoindustrie verharrt. Letztlich bleibt Ninja Thybergs »Pleasure« hinter dem feministischen Potential seines Themas zurück, indem er eine weibliche Perspektive reklamiert, jedoch keine subversiven Momente zulässt.

Elena Baumeister

ist Filmwissenschaftlerin aus Berlin mit einem Schwerpunkt auf feministisches Kino.

Bianca Jasmina Rauch

ist Filmwissenschaftlerin aus Wien mit einem Schwerpunkt auf feministisches Kino.

Anmerkung

Der Film ist in vielen deutschen Kinos zu sehen und erscheint am 11. März auch auf DVD.