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|ak 660 | Geschichte

Glücksmomente

Steinmeier, der 8. Mai 1945 und die »innere Befreiung«

Von Jens Renner

Der Staatsakt fiel aus, Tausende Gäste mussten wieder ausgeladen werden – das Virus! Also nicht im Rahmen einer Großveranstaltung auf der Wiese zwischen Kanzleramt und Reichstag, sondern in der Gedenkstätte Neue Wache verkündete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 8. Mai seine staatstragende Botschaft. Flankiert von genau vier Vertreter*innen der »Verfassungsorgane« – darunter Merkel und Schäuble – kam vom deutschen Staatsoberhaupt das Erwartbare: Bekenntnisse zu Europa und zu einem »aufgeklärten, demokratischen Patriotismus«, die Mahnung, dass nicht das »Erinnern« an die deutschen Menschheitsverbrechen eine Last sei, sondern das »Nichterinnern«.

Natürlich durfte auch die Referenz an Steinmeiers Vorgänger Richard von Weizsäcker nicht fehlen. Dessen Rede am 8. Mai 1985 gilt bis heute als Wendepunkt bundesdeutscher Erinnerungspolitik. Als erstes westdeutsches Staatsoberhaupt nannte Weizsäcker damals den 8. Mai 1945 einen Tag der Befreiung. Dass er darüber hinaus auch noch den kommunistischen Widerstand erwähnte, war vor allem für seine christdemokratischen Parteifreund*innen eine Zumutung.

Die versüßte er allerdings, indem er Opfer und Täter in eine Reihe stellte und die allermeisten Deutschen von jeder Schuld freisprach: Sie hätten »geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden«, verführt und getäuscht von einer »verbrecherischen Führung«, deren »unmenschliche Ziele« sie erst durch die deutsche Niederlage erkannt hätten.

Damit lag er exakt auf der Linie dessen, was in Millionen deutschen Familien zum bestimmenden erinnerungspolitischen Narrativ geworden ist: Man hatte nichts gewusst, auch nicht wirklich mitgemacht, und Opa war kein Nazi, eher schon – oder wenigstens fast – ein Widerstandskämpfer. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

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Feierstimmung – hier (November 2014 in New York) allerdings nicht über die Befreiung, sondern über die Verleihung des International Emmy an den apologetischen ZDF-Dreiteiler »Unsere Mütter unsere Väter«.

Zwar hat Weizsäckers Wort von der Befreiung überdauert, klassisch wurde aber auch seine gleichmacherische Formulierung »Wir gedenken in Trauer aller Toten des Kriegs und der Gewaltherrschaft«. 1993 wurde der Satz zum Motto der zentralen Gedenkstätte der BRD, der Neuen Wache Unter den Linden in Berlin, wo jetzt Steinmeier an seinen Vorredner anknüpfte. Dabei würdigte er neben der militärischen Befreiung durch die Armeen der Anti-Hitler-Koalition auch die »innere Befreiung« der Deutschen, die nach 1945 ungebrochen weitergegangen sei – »bis hin zum glücklichsten Moment der Befreiung: der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung«.

Aber auch mit diesem höchsten aller Glücksmomente ist die deutsche Befreiungsgeschichte für Steinmeier noch längst nicht an ihr Ende gekommen. Denn es gibt viel zu tun in Europa und der Welt, die nur darauf warte, dass Deutschland noch mehr – auch militärische? – »Verantwortung« zur Bewahrung der internationalen »Friedensordnung« übernimmt.

Die Rahmenbedingungen dafür sind günstig. Denn längst gibt es für Deutschland wieder das, was Alexander Gauland »Gestaltungsmöglichkeit« nennt. Dass er deren vorübergehenden Verlust durch die »absolute Niederlage« 1945 ausgerechnet anlässlich des Gedenktages beklagte, war eine kalkulierte Provokation, die den staatstragenden Parteien einen willkommenen Anlass zur Abgrenzung bot. Auch die Medien hatten wenigstens ihren kleinen Skandal. In den meisten Zeitzeugenberichten über die »Stunde Null« der Kapitulation, die rund um den Jahrestag von den Öffentlich-Rechtlichen gesendet wurden, stand allerdings das Leiden der Besiegten im Vordergrund: Man hatte überlebt, aber nichts zu beißen, und das Land lag in Trümmern.

Derweil blieb die volkspädagogisch bedeutsame Großproduktion im Jubiläumsjahr aus. Auf diesem Gebiet bleibt der ZDF-Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter« aus dem Jahr 2013 unerreicht – ein mit riesigem Aufwand produzierter, drei Mal 90 Minuten langer und leider sehr erfolgreicher Aufruf zur Aussöhnung mit der Generation der Nazitäter. (ak 582) Er erreichte bei der Erstausstrahlung Einschaltquoten von bis zu 25 Prozent und wurde danach in 80 Länder verkauft. Verglichen damit ist Steinmeiers Rede ein fast schon harmloses Ärgernis.

Jens Renner

schrieb seinen ersten Artikel für den Arbeiterkampf im November 1976. Von 1991 bis 2020 war er Mitglied der ak-Redaktion.