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Generation Nachwendekind

Ein Sammelband lässt Autor*innen sprechen, die um den Mauerfall herum geboren wurden – dabei entsteht leider ein unvollständiges Bild

Von Magda Albrecht

Eine Person spricht durch Mikrofon, drumherum stehen Menschen im Kreis und hören zu im Hintergrund repräsentative Gebäude
Viele hatten auf ein besseres Leben gehofft: Proteste im November 1989 in Potsdam. Foto: Andreas Lippold / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Vor einigen Jahren wurde ich von einer Universität einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg zu einem Vortrag über Körpernormen eingeladen. Zu der Zeit referierte ich in vielen westdeutschen Städten und erhielt hin und wieder ein paar Tipps, zum Beispiel von einer Gleichstellungsbeauftragten einer Kleinstadt, die fast empört meinte, dass ich zu wenig Geld verlange. Ich nahm es mir zu Herzen, erhöhte meine Forderungen und brachte einige Zeit später einen Verein einer sächsischen Großstadt ins Schwitzen, der meinte, dass er einer Referentin noch nie so viel gezahlt hätte. Jedenfalls saß ich in der Uni besagter Stadt in BaWü und sollte gleich meinen Vortrag halten, vorher aber übernahm ein Professor meine Vorstellung. Er berichtete, wie spannend es für ihn war, Ostdeutsche kennenzulernen, und wie schön es doch sei, dass nun eine Ostdeutsche hier referieren würde. Die Ostdeutsche? Ich! Ich konnte mir ein Prusten nicht verkneifen. Seine einleitenden Worte hatten wirklich gar nichts mit meinem Vortrag zu tun. Ich wollte ja über Feminismus und Körperideale sprechen. Der Professor aber fand mein Ossi-sein spannend. Eigentümlich, dachte ich. Immerhin hatte ich bereits dazu gelernt: Auf mein Honorar addiere ich seitdem immer einen inoffiziellen Westzuschlag, wenn ich »nach drüben fahre«.

Ähnliche Beobachtungen sind der Ausgangspunkt eines aktuell erschienenen Buches, das seinen Titel zum Programm macht: Es sprechen die »Postwendekinder«, also jene, die in der Regel um oder nach der Wende in einem ostdeutschen Bundesland geboren wurden oder mit mindestens einem ostdeutschen Elternteil aufgewachsen sind. Die drei Herausgeberinnen Alma-Emilia Jahn, Marlene Mähler und Angelique Pershon versammeln fast drei Dutzend von ihnen, die sich essayistisch, lyrisch, historisch, künstlerisch und gleichzeitig immer biografisch »mit dem Leben im postsozialistischen Deutschland und Fragen nach Zugehörigkeit, Aufarbeitung und Bewältigung auseinandersetzen.« Sie sagen: »Unser Ostdeutsch-Sein fußt nicht nur auf unserer familiären DDR-Prägung, sondern auch auf den Erfahrungen, die wir heute im wiedervereinten Deutschland als junge Ostdeutsche machen.«

Die Ossis und die Wessis

Ich teile diese Erinnerung über den Professor öfter, weil sie zeigt, wie relevant Herkunft und Ost/West-Geschichte noch immer sind. Auch wenn die Wende schon mehr als 35 Jahre her ist, scheint es sie noch immer zu geben: die Ossis und die Wessis. Meistens aber geht es um handfestere Dinge als die obige Anekdote, die eher zum Schmunzeln einlädt. Es geht um ostdeutsche Entwertungs- und Umbrucherfahrungen, die bis in heutige Generationen Auswirkungen haben, um Einkommensunterschiede, Erbe und auch um Stigmatisierung (letztere eigentlich immer in Kombination mit klassistischen Abwertungen). Ostdeutschland wird medial oft als Monolith gezeichnet, ein brauner Schandfleck auf der Karte Gesamtdeutschlands. Westdeutschland hingegen ist eine Ansammlung verschiedener Bundesländer mit diversen Traditionen, Dialekten, Eigenarten und Rezepten. Da überrascht es kaum, dass nach den letzten Landtagswahlen in diesem Jahr, bei denen die AfD in Baden-Württemberg knapp 19 Prozent und in Rheinland-Pfalz knapp 20 Prozent erhielt, kein Brennpunkt mit der Frage gesendet wurde, warum »der Westen« so rechts wählt.

Ostdeutschland wird oft als Monolith gezeichnet, ein brauner Schandfleck auf der Karte Gesamtdeutschlands.

Gleichzeitig sind unterschiedliche historische Entwicklungen, kulturelle und soziale Unterschiede und auch regionales Wahlverhalten nicht einfach nur konstruiert, sondern manchmal sogar messbar. Ob jemand in der DDR bzw. nach der Wende in den ost- oder in den westdeutschen Bundesländern geboren und aufgewachsen ist, beeinflusst und formt unsere Erfahrungen, Lebenswege und auch die gesellschaftliche Teilhabe.

Das Buch vereint eine Vielzahl an Beiträgen. Manche sind sprachlich etwas hölzern wie bei einer Hausarbeit, andere kommen durchaus als kleine lyrische Perlen oder analytische Essays daher, die das Lesen zum Vergnügen machen – wie zum Beispiel der Text von Alma Dewerny, die das Scheitern der Friedlichen Revolution anhand der Biografie ihrer Mutter und den politischen Theorien Hannah Arendts analysiert. Dewernys Mutter machte während der Umbruchszeit gerade ihr Abitur, hatte große Träume, rief die Parolen auf den Demos und spürte dann relativ schnell die Ernüchterung, als der Kapitalismus Ostberlin in Form von Werbungen für Autos und Zigaretten eroberte.

In vielen Texten schimmert der Wunsch nach Gehörtwerden durch. Die meisten Autor*innen haben ihr Zugehörigkeitsgefühl oder eine ausgeprägte Ost-Identität erst nach konkreten Erfahrungen mit Klischees oder einer westdeutschen Ignoranz gegenüber der DDR-Geschichte entwickelt. Einige bauen in ihren Texten oder Zeichnungen erstmalig eine Form von Beziehung zur Vergangenheit ihrer Eltern auf und arbeiten damit gegen eine gesamtdeutsche Tendenz an, DDR-Geschichte als etwas Abgeschnittenes oder Partikulares zu betrachten, während die Geschichte der BRD als universell gilt. Und trotzdem: »Im Ganzen bleibt der Osten eine Nische«, stellt die Autorin und Redakteurin Marie-Luise Eberhardt fest. Der vermehrte Verweis auf die Unsichtbarkeit ostdeutscher Perspektiven hat mich beim Lesen manchmal irritiert, immerhin schreiben in dem Buch viele junge Menschen, die einen sozialen Aufstieg im Vergleich zu ihrer Elterngeneration hingelegt haben und somit über Diskursmacht verfügen, die genutzt werden kann.

Beständiger Rassismus

Die Biografien der Schreibenden bilden durchaus vielfältige Ost-Erfahrungen ab, was einer »glatt polierten gesamtdeutschen Einheitsidentität«, die die Herausgeberinnen infrage stellen, produktiv entgegenarbeitet. Das ist die Stärke des Buches und wirft gleichermaßen Fragen nach Auslassungen auf. Es gibt aber eine große Leerstelle: In einigen Beiträgen werden Erfahrungen mit Antislawismus und dem Aufwachsen in Familien beschrieben, die aus den ehemaligen Sowjetstaaten kommen. Eine große Leerstelle sind aber eigene biografische Verbindungen oder zumindest eine tiefere Auseinandersetzung mit der Situation von Vertragsarbeiter*innen sowie mit der rechten Gewalt um die Wendezeit und den darauffolgenden »Baseballschlägerjahren«. Sie sind fast gänzlich abwesend. Für mich, 1986 in Stralsund geboren und in Ostberlin aufgewachsen, gehörten diese zu den eindrücklichsten Erfahrungen, auch wenn ich als weiße Person nicht im Visier der Nazis stand. Die Gewalt der Nachwendezeit war allerdings so deutlich und aggressiv, dass sie auch mein Aufwachsen prägte. Wir erleben sie heute wieder sichtbarer erstarken in Form von völkisch-nationalistischen und auch dezidiert queerfeindlichen Aufmärschen rechter, teils gewaltbereiter Jugendgruppen gegen queere Demos, besonders in Sachsen.

Der Sammelband vereint lesenswerte Erfahrungsberichte und Analysen, die Klasse und Klassenaufstieg sowie Geschlechterverhältnisse thematisieren. Die AfD verkommt aber an einigen Stellen eher zu einer diffusen Gefahr »für die Demokratie«, wird allerdings nicht ansatzweise als parlamentarischer Arm der gewaltbereiten Rechten analysiert, die in den ostdeutschen Bundesländern – frei nach Bertolt Brecht – aus einem »fruchtbaren Schoße kroch«. Damals wie heute ist die Rechte eine konkrete, leibliche Gefahr für von Rassismus Betroffene, Jüdinnen und Juden, Queers, aber auch Obdachlose und organisierte Linke. Auch das ist unser »Ost-Erbe«, wenn auch ein bitteres. Dieser völkische Rassismus, der bereits in der DDR den gesellschaftlichen Umgang mit vietnamesischen Vertragsarbeitenden oder Studierenden z.B. aus Angola oder Mosambik prägte, gehört historisch eingeordnet, um die Kontinuität aufzuarbeiten. Für eine »solidarische und gleichberechtigte Zukunft«, so der wegweisende Titel des Buches, braucht es diesen schmerzhaften Blick zurück in die Geschichte, um gemeinsam voranzugehen.

Magda Albrecht

ist Autorin und Öffentlichkeitsarbeiterin. Sie befasst sich mit linker und queerer Politik und aktuell mit Familiengeschichte und (familiärer) Erinnerungskultur.


Alma-Emilia Jahn, Marlene Mähler, Angelique Pershon (Hg.): Postwendekinder. Für eine solidarische und gleichberechtigte deutsch-deutsche Zukunft. Neofelis Verlag, Berlin 2026. 304 Seiten, 22 EUR.


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