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|ak 657 | Geschichte

»Für einen Augenblick waren wir Teil einer unglaublich breiten Bewegung«

Die Rolle der Linken im Herbst 1989 aufzuarbeiten, heißt anzuerkennen, dass es ganz unterschiedliche Ansätze gab

Von Renate Hürtgen

Dreißig Jahre nach den revolutionären Umbrüchen im Herbst 1989 interessiert sich eine neue Generation aus den linken Bewegungen in einem bisher unbekannten Ausmaß für alles, was damals passierte. Naturgemäß steht im Mittelpunkt ihres Interesses die Rolle der Linken: Was haben sie gewollt, und warum haben sie ihre Programmatik nicht durchsetzen können? Was lässt sich daraus für die gegenwärtigen Kämpfe lernen? Mit einer solchen hohen Erwartung ist nicht oberflächlich umzugehen, sie verpflichtet zu einer ehrlichen historisch-kritischen Aufarbeitung der eigenen politischen Vergangenheit.

Mit Bernd Gehrke hat einer der fünf Initiatoren eines Aufrufs zur Gründung der Initiative für eine Vereinigte Linke (IVL) vom September 1989 in der SoZ ein Interview zum Thema gegeben, das – so würde ich es nennen – den Auftakt geben könnte, die Geschichte der Linken in der DDR, im Herbst 1989 und zu Beginn der 1990er Jahre zu schreiben. (1) Dass die Vereinigte Linke derart im Zentrum aktueller Aufarbeitung steht, erklärt sich mit ihrem besonderen Politikverständnis. Denn, was die Initiatoren der VL von anderen Linken unterschied und was sie für heutige Linke besonders interessant macht, ist, dass sie eine Sammlungsbewegung, eine »organisierte politische Bewegung einer breiten Linken« schaffen wollten. 

Vom Schulterschluss zur Differenz

Im September 1989, noch bevor die Böhlener Plattform (2) das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte, wurde ich von einem der Initiatoren gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, diese Initiative zu unterstützen und ihrem Gründerkreis beizutreten. Ich entschied mich damals aber dafür, die Initiative für unabhängige Gewerkschaften (IUG) zu gründen und meine Energie dort hinein zu legen, den erhofften »Sozialismus von unten« auf diese Weise zu stärken. Ich wollte meine Fähigkeiten in eine praktische Bewegung einbringen, von der ich annahm, sie müsste auch in den Betrieben stattfinden, wenn ein Sturz des herrschenden Parteiregimes erfolgreich sein sollte. Das besagte Gespräch darüber, an welcher Stelle jeder und jede seinen Platz findet, wenn es endlich losgehen würde, verlief sachlich und achtungsvoll. 

Am 4. November hat Heiner Müller den Aufruf der IUG verlesen, und wenige Tage später begann die Arbeit. Neben uns gab es nicht nur die Vereinigte Linke, sondern auch das Neue Forum, die SDP/SPD, Umweltgruppen oder den Unabhängigen Frauenverband der DDR; in all diesen Gruppen oder neuen Initiativen waren auch linke Freund*innen von mir aktiv. Für einen historisch sehr kurzen Augenblick waren wir alle Teil einer großen Bewegung, einer unglaublich breit aufgestellten DDR-Linken, die das gemeinsame Ziel verband, eine demokratische und sozialistische DDR zu schaffen. Sie war sich zudem noch mit den Massen auf den Straßen und Plätzen einig darin, was jetzt zu tun sei: Die herrschenden Strukturen müssen weg, um einer ganz neuen, sozialistischen DDR »von unten« Platz zu machen. Dieser Moment war so kurz, dass sich kaum noch daran erinnert wird. Denn nicht nur in der Vereinigten Linken, sondern in allen Gruppen, namentlich wenn dort ein breites politisches Spektrum tätig war, zerstob die Gemeinsamkeit sehr rasch in alle Winde; dieselben Erfahrungen mussten auch die Gründer*innen des Neuen Forums machen, wo sich zu ihrem Entsetzen ganze Landesverbände plötzlich einer marktwirtschaftlichen Perspektive verschrieben.

Als ich im Interview mit Bernd geschildert bekam, wie sich auf dem ersten großen Treffen der VL Ende November 1989 – gerade so, als würden Zentrifugalkräfte gewirkt haben – die unterschiedlichsten Interessensgruppen von »der Mitte« weg bewegten, die »Anarchos« in die eine, die potenziellen Parteigründer in die andere Richtung und dazwischen noch diverse Sonderbedürfnisse sich artikulierten, da fiel mir der Satz aus Heiner Müllers Artikel ein, den er nach seiner Rede am 4. November im Neuen Deutschland veröffentlichte: »Was jetzt gebraucht wird, ist nicht Einheit, sondern die Ausformulierung der vorhandenen Differenzen, nicht Disziplin, sondern Widerspruch, nicht Schulterschluss, sondern Offenheit für die Bewegung der Widersprüche.« (3) Warum sollte, was hier allgemein auf die Situation im Land bezogen ist, nicht auch für eine Linke gegolten haben? Eine Linke, die ja tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte der DDR ihre unterschiedlichen Positionen politisch leben konnte?!

Was haben die Linken 1989 gewollt und warum haben sie ihre Programmatik nicht durchsetzen können? Was lässt sich daraus für die gegenwärtigen Kämpfe lernen?

Im Interview von Bernd Gehrke gibt es eine Reihe von Anregungen, endlich aus der Binnenperspektive linker Erinnerungskultur auszusteigen und sich der eigenen Geschichte in der Art einer Draufsicht zu nähern; darunter der aus meiner Sicht wichtigste Gedanke, dass die Vereinigte Linke 1989 Teil einer sehr viel breiteren linken oppositionellen Bewegung gewesen war und sich unter ihrem Dach lediglich ein kleine Gruppe von Linken gesammelt hatte. Das »Gros der DDR-Linken stand außerhalb der sich gründenden Vereinigten Linken«, wie Bernd Gehrke im Interview formuliert. (4) Das kommt einer »kopernikanischen Wende« des bisher gängigen linken Verständnisses gleich, welches sich dadurch auszeichnet, die jeweils eigene Richtung als das Non plus ultra linken Denkens und Handelns zu begreifen. Mit diesem Vorschlag von Bernd, der in seiner Konsequenz darauf hinausläuft, dass es auch außerhalb der Vereinigten Linken Antistalinist*innen in der DDR gab, solche, die in der DDR vielleicht kein »politbürokratisches System« gesehen haben, sondern eine Herrschaftsgesellschaft anderen Typs; und dass es auch sehr viele Linke gegeben hat, die im Fernziel einer Räterepublik keine Alternative für die DDR angenommen haben, ist der Weg zu einer undogmatischen Aufarbeitung der eigenen linken Geschichte geöffnet. 

»Das Gros der DDR-Linken stand außerhalb der VL«

Ich habe diesen Gedanken darum so hervorgehoben, weil es meine feste Überzeugung ist, dass wir die Rolle der Linken im Herbst 1989 nur aufarbeiten und für die Gegenwart produktiv machen können, wenn wir begreifen, dass es unterschiedliche linke Ansätze gab und dass die Gründer*innen der VL eine von diesen Varianten personifizierten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nicht um neue Mythen geht es, sondern um eine historisch-kritische Einschätzung auch der jeweiligen Linkenpolitik. So ist im Interview für die Leser*innen gut nachvollziehbar beschrieben, warum mit der VL der Versuch unternommen worden ist, eine Plattform gemeinsam mit Reformern aus der SED zu gründen. Immerhin war das im Herbst 1989 eine mehr als ungewöhnliche Allianz, für die Bernd aber, wie ich finde, ein paar interessante Begründungen liefert. (5) Und wenn Bernd die Betriebspolitik der VL erläutert, dann ordnet er sie zum einen in die gesellschaftliche und betriebliche Dynamik von 1989/90 ein, zum anderen in das Spektrum der anderen »Angebote«, wie sie im Neuen Forum, in der SDP/SPD und in der IUG entwickelt worden sind. (6)

Ich hätte einiges am Interview mit Bernd anzumerken, manches scheint mir wenig überzeugend, gerne würde ich die berühmte »Machtfrage«, wie sie in seinem Interview »gelöst« wird, hinterfragen wollen, auch ist mir zu oft vom »Scheitern« und »Versagen« die Rede, wo m.E. eine Analyse der Gründe angebrachter wäre. Doch darüber ließe sich trefflich streiten, vorausgesetzt, die Vereinigte Linke wird – so wie in Bernd Gehrkes Interview – als gleichberechtigter Teil einer vielfältigen linken Bewegung im Herbst 1989 gesehen und nicht a priori über alle anderen gestellt. 

Nicht das »radikal antikapitalistische Programm« entscheidet über die Bedeutung einer linken Strömung, sondern ihre Praxis. Das gilt damals wie heute.

Renate Hürtgen

Renate Hürtgen beschäftigt sich als Historikerin unter anderem mit dem Wirken der Staatssicherheit im Alltag, vor allem auch in Betrieben der DDR. In ak 646 schrieb sie über die Voraussetzungen für eine fruchbare linke Beschäftigung mit 1989.

Anmerkungen:
1) Bernd Gehrke: Als politische Führung mit einer Perspektive für eine neue DDR hat die Opposition versagt, in: SoZ, Januar 2020.
2) Die Böhlener Plattform war das Gründungsdokument der IVL.
3) Heiner Müller: Plädoyer für den Widerspruch, in: Bernd Gehrke/Renate Hürtgen (Hg.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989: Die unbekannte Seite der DDR-Revolution. Berlin 2001. Seite 167-169, hier: Seite 169. 
4) Gehrke, SoZ.