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|ak 656 | Alltag |Kolumne: Das bisschen Alltag

Familienplanung

Von Andrea Strübe

Süß, ja. Aber es geht auch ohne. Foto: Henry Burrows / Flickr, CC BY-SA 2.0

Seit ich Mitte 20 war, reifte in mir der Wunsch, kein weiteres Kind kriegen zu wollen. Jetzt, zehn Jahre später, habe ich mich sterilisieren lassen. Stets war mein Sexleben begleitet von der Angst, doch schwanger zu werden, sei es durch einen Unfall oder weil ich durch romantische Gefühle doch so eine Art Wunsch entwickle, der völlig an meiner Realität vorbeigeht. Denn ich will kein Kind.

Schließlich war ich so weit, mir endgültig Sicherheit zu verschaffen und mir in einer ambulanten Operation die Eileiter veröden zu lassen. Doch zuerst musste ich herausfinden, welche Folgen der Eingriff haben würde. Werde ich noch einen geregelten Zyklus haben? Wie sieht es mit der sexuellen Lust aus? Ich begann mit den Recherchen und stieß auf Erfahrungsberichte von Frauen, die »es« getan hatten und als eine Art Befreiung empfanden: »Habe es nie bereut… keine Probleme in all den Jahren, die seitdem vergangen sind. Ich würde mich immer wieder so entscheiden.« »Ich hatte keine daraus resultierenden Probleme. Im Gegenteil, der Sex war entspannter, da das Verhütungsproblem gelöst war.« Tatsächlich, Sterilisation kann das bieten, wonach ich suchte: Emanzipation ohne weitere Einbußen.

Was jedoch ebenfalls auffiel: Frauen unter 30 Jahren ohne Kinder haben so gut wie keine Chance, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die bei ihnen eine Sterilisation vornehmen würden. Sie berichten, wie ihnen – auch im persönlichen Umfeld – entgegengehalten wird, dass sie es sich wahrscheinlich noch anders überlegen würden. »Warte du nur mal – mit dem Richtigen kommt dann auch der Wunsch nach Kindern.« Oder ganz direkt: »Sie erfüllen Ihre gesellschaftliche Pflicht nicht.« Eine Frau berichtet in einer Reportage, dass ihr von Ärzten eine Depression unterstellt wurde, die sie zu dieser Entscheidung bewogen habe.

Junge Frauen scheinen nicht zu wissen, was sie wollen. Selbst wenn ihre Entscheidung jahrelang gereift ist, wird ihnen abgesprochen, es ernst meinen zu können. Der Verein »Selbstbestimmt steril« arbeitet daher an einer Karte mit Namen von Ärzt*innen, die den Wunsch nach einer Sterilisation unabhängig von den genannten Faktoren respektieren und den Eingriff durchführen. Denn meistens wird Frauen vermittelt, dass sie nicht diejenigen sind, die diese Entscheidung über ihren Körper selbst fällen dürfen. So geben Ärzt*innen ihnen zu verstehen, dass sie Reproduktionsapparate sind. Ihre Wertigkeit als Frau und ihre Selbstbestimmung werden danach sortiert, ob sie ihre Aufgabe erfüllt haben oder nicht.

Warum ich diese Entscheidung allein und nicht gemeinsam mit meinem Partner treffen würde, fragte mich eine Ärztin. Ob ich das Thema Selbstbestimmung da nicht überstrapazieren würde. Doch beim Vorgespräch im Krankenhaus musste ich niemanden von meiner Entschiedenheit überzeugen. Nur zwei Fragen wurden gestellt: Ist die Familienplanung abgeschlossen? Haben Sie sich das gut überlegt? Keine weiteren Erklärungen, keine Rechtfertigung nötig. Na klar, ich bin 36 Jahre alt und habe bereits ein Kind. Mein Soll ist erfüllt.

Andrea Strübe

Andrea Strübe ist Redakteurin beim Online-Rezensionsmagazin kritisch-lesen.de.