Erinnerungskultur als Gegengift
In Kroatien wird um das antifaschistische Erbe Jugoslawiens gerungen, denn es ist Voraussetzung für emanzipatorische Politik im Hier und Jetzt

Als ich Hrvoje Klasić von der Universität in Zagreb in seinem Büro treffe, hat er gerade eine Todesdrohung erhalten. Doch für ihn ist das kein besonderes Ereignis: »Ich habe viele Briefe bekommen, man konnte so viel Hass sehen. Es ist wirklich erstaunlich.« Klasić gilt als der führende Historiker zum Widerstand antifaschistischer Partisan*innen im Zweiten Weltkrieg in Kroatien. Ein Widerstand, dem es gelang, sich selbst von der deutschen Besatzung und dem faschistischen Kollaborationsregime der Ustaša zu befreien. Außer in Griechenland gelang dies in keinem anderen Land. Der Hass entfaltet sich, weil in Kroatien, wo zur Zeit Jugoslawiens der Antifaschismus 57 Jahre lang staatlich verankert war, das Erbe der Partisan*innen heute umkämpft ist. Hrvoje Klasić beschreibt dies als eine Gesellschaft, die »vergiftet« sei von der eigenen Geschichte.
Man konnte so viel Hass sehen. Es ist wirklich erstaunlich.
Ein Gift, das im Alltag für Antifaschist*innen sehr präsent ist. Die Queerfeministinnen Elmo und Sol berichten mir in Zagreb von einer wachsenden klerikal-faschistischen Bewegung, die die Istanbul-Konvention, das Recht auf Abtreibung und queere und transsexuelle Menschen angreife. Der Anarchist Nikola erzählt von Fußball- und Basketballfans, die in Zadar immer wieder Menschen angreifen, die sich positiv zu Serbien oder den Partisan*innen äußern. Jan vom Antifaschistischen Netzwerk Zagreb, dem Mreža antifašistkinja Zagreb (MAZ), berichtet von regelmäßigen Angriffen auf migrantische Personen durch junge weiße Kroaten.
Auffällig ist, dass extrem Rechte in Kroatien sich dabei häufig positiv auf das Ustaša-Regime beziehen, dem faschistischen Kollaborationsregime, das während des Zweiten Weltkriegs in Kroatien hunderttausende Serb*innen, Jüdinnen, Juden, Sinti*zze und Rom*nja abschlachtete. Die Ustaša war dabei so brutal, dass sie als einziges Kollaborationsregime von den Nazis die Erlaubnis bekam, die kroatischen Konzentrationslager selbst zu betreiben. Ihr Gruß wird heute immer wieder bei Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Jugoslawienkriegs in den 1990er-Jahren offen gezeigt. Im Zerfallsprozess Jugoslawiens gelang es den Nationalist*innen und rechten Kräften, den positiven Bezug auf die Partisan*innen, der bis dahin vorherrschte, zu untergraben.
Ein gefährlicher Geschichtsrevisionismus
Als zwischen Kroatien und Serbien der Krieg ausbrach, versuchte die neue kroatische Regierung unter dem ehemaligen Partisanen Franjo Tuđman mit nationalistischer Rhetorik alle Kroat*innen für den Krieg zu mobilisieren. So kehrten viele der Söhne und Enkel der am Ende des Zweiten Weltkriegs emigrierten Ustaša-Unterstützer zurück nach Kroatien. Sie wurden in der Politik, der Wirtschaft und der Armee einflussreich und verbreiteten ihre eigene Geschichtsschreibung: Die Massenexekutionen an den Unterstützer*innen der Ustaša im Mai 1945 durch die Partisan*innen, die in Vergeltung für die Grausamkeiten des Regimes verübt wurden, verbanden sie mit den Massakern, die nun von serbischen Soldaten – zum Beispiel in Vukovar – verübt wurden. Die Partisan*innen, so die Logik, hätten damals Terror gegen die patriotische Ustaša verübt. Diesen Terror würde nun die daraus hervorgegangene jugoslawische Armee unter serbischer Führung fortsetzen. Dass es sich 57 Jahre später aber nicht mehr um dieselben Akteure handelt und von der antifaschistischen Überzeugung wenig übriggeblieben war, wurde geflissentlich ignoriert.
So entstand eine neue kroatische Identität, die sich darüber definierte, nicht serbisch oder jugoslawisch zu sein, wie es Jan vom MAZ ausdrückt. Die HDZ, die aktuell regierende Partei in Kroatien, verbreitet diese Position bis heute – mit gravierenden Folgen. Kann ein Kandidat, eine Partei oder ein Vorschlag mit »den Serben«, also auch »den Partisan*innen«, aber vor allem »dem Feind« assoziiert werden, wird dieser in der politischen Debatte diskreditiert. Mit drastischen Konsequenzen, wie Jan klarstellt: »Damit kann alles an progressiver linker Politik sofort abgeräumt werden. Das kann das Thema Abtreibung oder die Rechte von Homosexuellen sein, das kann aber auch ganz normale liberale Politik sein, die in Europa nicht einmal besonders radikal ist.«
Diskursräume schaffen
Für Jan und das MAZ ist es deswegen essenziell, eine andere Erinnerung an die Geschichte zu erwirken, um Diskussionsräume zu weiten: »Das ist Teil eines umfassenderen Prozesses, der hoffentlich irgendwann ein Ende hat, der Entgiftung der allgemeinen Wahrnehmung linker Politik in dieser Region.« Dabei zeigt die Arbeit von MAZ auf, was es dafür braucht: Vor 18 Jahren von Anarchist*innen aus der ehemaligen autonomen Antikriegsbewegung ins Leben gerufen, ist MAZ heute ein Zusammenschluss verschiedenster politischer Gruppen. Sie haben über die Jahre unzählige Projekte der Erinnerungsarbeit umgesetzt, wie antifaschistische Stadtführungen, mehrere Buchprojekte oder eine digitale Karte des Widerstands in Zagreb. Durch diese antifaschistische Erinnerungsarbeit und der Arbeit von Historikern wie Hrovje Klasić ist überhaupt möglich, dass heutzutage zwischen den Partisan*innen und dem späten Jugoslawien differenziert wird.
Anlässlich des Tages der Befreiung kommen nun mehrere Tausend Menschen beim Trnjan-Feuer in Zagreb zusammen, um den Sieg über die Nazis und die Ustaša zu feiern. Attraktiv ist ihre Gedenkarbeit auch, weil sie sich trauen, die Fehler, wie Repression gegen Andersdenkende und die wirtschaftlichen Probleme Jugoslawiens anzusprechen. All jene Faktoren, die den Zerfall Jugoslawiens befeuerten und zu dem Krieg führten, der so viele Familiengeschichten in Kroatien prägt.
Dadurch, dass bei MAZ diverse linke Strömungen im dauernden Austausch bleiben und sich auf die gemeinsame antifaschistische Grundlage fortlaufend verständigen, bleibt diese kritische Reflexion der Realität des antifaschistischen Kampfes und die Perspektive auf ein Leben in Freiheit im Vordergrund. Sie bieten eine Alternative zu den Nationalismen der 1990er-Jahre, deren Scheitern in der von Korruption geprägten Gesellschaft Kroatiens offensichtlich wird. Und so war auch antifaschistische Erinnerungsarbeit ein kleiner, aber wichtiger Faktor darin, dass Zagreb selbst die letzten vier Jahre von einer links-grünen Mehrheit regiert wurde, die tatsächlich progressive Politik umsetzen konnte.
Die Entgiftung der Geschichte schreitet also voran. Zu langsam für Jan vom MAZ, aber unaufhaltsam laut Hrovje Klasić, der aufzeigt, dass anders als in Deutschland die extrem rechte Partei mit klaren faschistischen Bezügen marginalisiert, und die antifaschistische Perspektive auf Geschichte im medialen Mainstream dominierend sei. So kommt er zum Fazit: »Wir haben die Trendwende geschafft, das ist ein Erfolg. Für die politischen Eliten wird es noch eine Zeit lang Thema sein, aber für die jungen Generationen immer weniger. Ist es aber so, wie ich es mir vorstelle? Nein, das ist es nicht.«