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|ak 662 | Geschichte |Reihe: Planwirtschaft

Dezentrale vs. zentrale Planung

Wie Räte und Commons den Widerspruch aufheben könnten

Von Simon Sutterlütti

Ein Widerspruch in der Utopiediskussion trieb die Arbeiterbewegung von Anbeginn an: Verfügen die Betriebe selbst über hergestellte Produkte und Produktionsmittel oder bestimmt darüber eine zentrale Institution? Planen die Betriebe oder ein Staat? Dieser Text versucht, die Aufhebung des Widerspruchs zwischen zentraler und dezentraler Planung anzudeuten – unter Rückgriff auf zwei Theoriestränge: dem Rätekommunismus/-anarchismus und Commonismus. Zentrale Fragen dabei sind: Was ersetzt in der gesellschaftlichen Koordination Staat und Markt? Wie werden staatliche Funktionen in die Gesellschaft aufgelöst? Was bedeutet die Vergesellschaftung der Re/Produktionsmittel konkret?

Rätekommunist*innen sind die Anarchist*innen des Kommunismus. Als getrennte Institution, die von oben die Gesellschaft plant, soll der Staat beendet werden. »Die Räteidee intendierte nichts anderes als die Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft.« (1) Aber wie der Staat folgt auch die Räteinstitution der Aggregationslogik: Eine zentrale Institution bündelt Informationen, diskutiert Konflikte und trifft schlussendlich allgemeingültige Entscheidungen. Eine einzelne Institution stellt gesellschaftliche Allgemeinheit her und repräsentiert sie.

Um die Staatswerdung zu verhindern, besitzt die Räteinstitution das nicht, was Staatlichkeit auszeichnet: Durchsetzungsgewalt. »Die Räte sind keine Regierung; nicht einmal die zentralen Räte haben regierungsartigen Charakter, denn sie verfügen über kein Organ, den Massen ihren Willen aufzuerlegen; sie besitzen keine Gewaltmittel«, schrieb der niederländische Rätekommunist Anton Pannekoek. Trotzdem sollen die Re-/Produzent*innen den Vorschlägen folgen: »Was hier die Durchführung der von den Räten getroffenen Entscheidungen sichert, ist ihre moralische Autorität. Aber in einer solchen Gesellschaft hat moralische Autorität eine zwingendere Gewalt, als ihn irgendein von einer Regierung ausgehender Zwangsbefehl haben könnte.« Die Räteidee lebt von einer ähnlichen Hoffnung wie die bürgerliche Demokratie: die Utopie der Repräsentation.

Entschieden wird nicht mehr zentral, sondern polyzentral an vielen Orten.

Demokratie war von jeher getragen von der Hoffnung, dass die Regierenden tatsächlich den Willen der Regierten ausdrücken. Auf Basis davon entwarfen Staatskritiker*innen eine nicht-staatliche Demokratie: Repräsentiert eine Regierung in ihrem Willen den Willen aller, muss sie ihre Entscheidungen nicht durchsetzen. Die Regierung wäre so legitim, dass sie keiner Gewalt bedarf und somit keine Regierung mehr wäre. Oder umgekehrt: Gerade, weil diese Institution ihre Entscheidungen nicht durchsetzen kann, muss sie besonders überzeugende, bedürfnisorientierte Vorschläge machen.

So schön diese Idee ist: Zu befürchten bleibt, dass die Räteinstitution staatsähnlicher ist, als sie entworfen wird. Folgende Dynamiken könnten dazu beitragen: Erstens soziale Regierungsbildung. In der Räteinstitution entsteht ein Milieu aus Planer*innen und Delegierten, die keine Zeit mehr haben, mit den Re-/Produzent*innen in Krankenhaus oder Fabrik tätig zu sein. Solche Milieus entwickeln eigene Werte, Kulturen und Bedürfnisse, die in Widerspruch zum Rest der Gesellschaft treten können.

Zweitens Machthierarchie: Die Räteinstitution benötigt (sehr) viel Menschen und Ressourcen, um ihre Planaufgabe zu realisieren. Dadurch entsteht eine enorme Machthierarchie. Macht muss nicht zu Herrschaft werden, aber das ist eher wahrscheinlich. So könnten die zentralen Räte eine eigene Agenda verfolgen, überzeugende Pressearbeit leisten oder gar Informationen verfälschen. Die Hierarchie legt den Delegierten ein politisch-instrumentelles Verhalten nahe: Real haben diese mehr Überblick und Konflikterfahrung und könnten ihre Delegierenden als Stimmvieh behandeln. Aufgrund der Informationsasymmetrie und eingeschränkten Zeitkapazitäten wäre dies teilweise schwer aufzudecken.

Drittens werden Bedürfnisunterschiede zu Bedürfnisgegensätzen: Eine Zentralinstitution legt Konfliktparteien nicht nahe, eine gemeinsame Lösung zu finden, sondern eröffnet die vielversprechende Möglichkeit, Macht in der Institution aufzubauen und die eigenen Bedürfnisse gegen die der anderen durchzusetzen. Und schließlich viertens die Gefahr der Verstaatlichung: Eine Zentralinstitution vereinfacht Verstaatlichung – Gruppen innerhalb der Institution könnten die Durchsetzungsgewalt ergreifen (vielleicht als staatssozialistischer Putsch »Arbeit soll sich wieder lohnen«) und früher oder später die staatsangemessenen Mechanismen von Lohnarbeit und Eigentum einführen.

Commonistische Dezentralität

Bei diesen Gefahren ist verständlich, weshalb viele Anarchist*innen die autonome Planung der Re-/Produzent*innen verteidigen. Aber gerade eine »Institution der Allgemeinheit« verspricht kohärente Planung und gesellschaftliche Reflexion. Wie entsteht aus autonom planenden Betrieben eine kohärente gesamtgesellschaftliche Planung, die komplexe Produkte wie Traktoren herstellen kann, deren Produktion indes scheitert, wenn nur einige Schrauben zu wenig produziert werden? Manche übertragen die Aufgabe dem Markt, entwickeln genossenschaftskapitalistische oder marktsozialistische Modelle, ignorieren dabei aber die strukturelle Gewalt des Marktes. Andere wenden sich von globaler Koordination ab und stattdessen kommunaler Selbstversorgung und regionaler Autonomie zu – eine globale Tätigkeitsteilung geschieht nur durch lose Föderation. Auch bei dezentraler Planung bestehen gefährliche Dynamiken: mangelnde Entscheidungs- und Reflexionsprozesse, wenig Absprache, fehlende gemeinsame Planung, Isolation, Trennung und Unabhängigkeitsideologie.

In der Auseinandersetzung mit dezentral-vereinzelnder und zentral-unterwerfender Planung mag sich eine dritte Alternative ergeben. Diese steht in ihrer Absage an eine zentrale Planungsinstitution eher auf Seiten der Dezentralität. Aber indem sie Aggregation als notwendig erachtet und flexibel erzeugt, changiert sie zwischen den beiden. Diese dritte Alternative könnte Commonismus heißen oder auch Anarchismus, Kommunismus oder libertärer Sozialismus. Der Name ist zweitrangig und unterliegt einer strategischen Entscheidung. Wichtig ist eine gemeinsame linke Diskussion über Utopie.

Dezentrale Planung betont zu Recht Freiwilligkeit und Selbstorganisation, zentrale Planung zu Recht Abhängigkeit und Absprachenotwendigkeit. Die beiden Elemente lassen sich verbinden zu einer Art »Freiheit in Abhängigkeit«. Ist Lohnarbeit abgeschafft, koordiniert nicht mehr Geld, Wert, Markt und Staat quasi »von oben« Betriebe und Produktion, sondern Betriebe ordnen sich nach ihren Bedürfnissen (re-)produktiven Plänen und Aufgaben zu. Sie entscheiden selbst, wie sie ihre Produkte verteilen und wo sie Dienstleistungen einbringen, aber nicht getrennt-isoliert von anderen. Die Betriebe sind voneinander abhängig. Ignorieren sie bei ihren Entscheidungen die Bedürfnisse ihrer Zulieferer, üben diese Druck aus oder stellen die Kooperation ein. Verteilt zum Beispiel ein Schraubenbetrieb seine Schrauben nach partikularen Bedürfnissen und exkludiert andere, werden seine Partner*innen, die ihn mit Putzdiensten, Metall, Logistik oder ähnlichem unterstützen, Sanktionen ins Spiel bringen.

Gerade Abhängigkeit legt nahe, die Bedürfnisse der Partner*innen einzubeziehen. Sie erzeugt Inklusionslogik: Zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ist es ratsam, andere einzubeziehen. Die Utopie bedarf nicht mehr der guten Menschen, sondern regt Menschen an, andere einzubeziehen. Dagegen herrscht im Kapitalismus Exklusionslogik: Ein Leben und Produzieren auf Kosten anderer ist hier durch Konkurrenz, Patriarchat, Markt, Staat etc. vorgegeben – und eben nicht Resultat des bösen Willens egoistischer Menschen, sondern Ergebnis einer gesellschaftlichen Struktur.

Die Frage stellt sich, wie die Betriebe wissen, wer was benötigt. Nun, alle Gesellschaften sind hinweisbasiert. Der Kapitalismus koordiniert sich vor allem über den Hinweis Preis, und auch im Staatssozialismus ist Wertrechnung zentral. Im Commonismus sind die Hinweise Bedürfnissignale. Kindergärten signalisieren, wie viele Beitragende sie brauchen, Phosphorcommons, wie viel Phosphor sie nächstes Jahr wahrscheinlich fördern werden, etc.

Flexible Aggregation und Quasi-Verträge

Diese komplexe Signalwelt erlaubt die dezentrale Selbstorganisation der Betriebe und feste Absprachen und Planung zwischen ihnen. Verbindliche Absprachen – Quasi-Verträge – ermöglichen komplexe Re-/Produktionsketten. Dies sind Quasi-Verträge, da kein Staat sie mehr garantiert, vielmehr die Betriebe selbst sanktionieren: Bricht ein Commons-Betrieb öfter die Verträge, versuchen die Partnerbetriebe, Fehler zu finden, zu unterstützen, oder sie werden vorsichtiger und meiden die Kooperation. Vorstellbar wären Verträge etwa, wenn sich einige Stahl- und Maschinenbetriebe einigten, einen Teil ihrer Güter für einen gemeinsamen Sechsjahresplan für Traktoren zur Verfügung zu stellen. Auch große sektorale Verbünde können entstehen, wenn sich viele Aluminiumbetriebe in zwei global agierende Verbünde zusammenschließen.

Diese Verträge und Verbünde sind der Ort der Aggregation und der bewusst-kollektiven Planung im Commonismus. Verbünde selbst entscheiden kollektiv-demokratisch und nutzen dazu verschiedene Aggregationsmethoden wie Rätestrukturen, oder sie wählen jene, die entscheiden, oder losen sie aus oder überlassen die Entscheidung dazu motivierten Personen. Für alle Formen aggregierter Entscheidung gilt: Sie bleiben so lange bestehen, wie die Bedürfnisse der verbundenen Re-/Produzent*innen ausreichend gut einbezogen sind. Schafft der Verbund dies nicht, wird er reorganisiert oder Betriebe verlassen ihn. So bleiben jene Verbünde und Methoden bestehen und weiten sich aus, die die Bedürfnisse vieler besonders effizient einbeziehen und vermitteln. Die Profis der Inklusion sind quasi die Stars der Kooperation.

Kritik des (demokratischen Staatssozialismus)

Die Staatshoffnung lebt – dank fehlender utopischer Diskussionen häufig unbewusst – in demokratisiertem Anstrich fort. »Lohnarbeit ist nicht schön, aber ohne die Kopplung von Konsum an Leistung wird zu wenig produziert.« Aber aufgrund der Lohnarbeit teilt Staatswirtschaft ein zentrales Merkmal mit Marktwirtschaft: den Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert. In einer Arbeitsgesellschaft mag Arbeiterinnen und Betrieben der Gebrauchswert ihrer Produkte am Herz liegen, aber sie müssen sich am Tauschwert orientieren. Arbeit dient vorrangig der individuellen Existenzsicherung. Dies schafft einen Widerspruch: Der Planstaat fordert gute Produkte, ehrliche Zahlen und Produktivitätssteigerung. Die zur Arbeit genötigten Betriebe interessieren hohe Zuwendungen, Minimierung des Aufwands und steigende Boni. Der Widerspruch von Tausch- und Gebrauchswert erscheint im Staatssozialismus als Widerspruch von (demokratischem) Staat und Betrieb, wobei der Staat keineswegs vollständig Gebrauchswert-/Bedürfnisstandpunkte vertritt. Unter einer bürokratischen Lenkung wollen die Herstellerinnen ihre Produktion loswerden und weiter nicht mehr daran denken. Wie kapitalistische Betriebe externalisieren sozialistische Kosten, zerstören die Umwelt (falls nötig), erhöhen die Ausbeutung (falls möglich), steigern Preise und verschleiern Realkosten. Nur ist die Gewalt des Tauschwerts nicht so durchschlagend, da die Konkurrenz fehlt. Dies führt aber auch zur fehlenden Konsumentenorientierung. Eine Demokratisierung beseitigt den Grundwiderspruch nicht und zusätzlich ist sie prekär: In einer Staatswirtschaft verfügt der Staat über so viel Ressourcen, dass seine historisch autoritäre Form eher wahrscheinlich denn Zufall ist.

Die Inklusionsnahelegung gilt sogar im Konfliktfall: Wahrscheinlich erarbeiten Interessierte oder spezialisierte Konflikt-Commons Lösungsvorschläge, keine Institution kann diese jedoch durchsetzen. Auch hier entscheiden die Re-/Produzent*innen selbstbestimmt, ebenfalls aber in Abhängigkeit von ihren Partner*innen. Deshalb setzen sich die Vorschläge, die viele Bedürfnisse einbeziehen und gut vermitteln, eher durch: Sie motivieren schlicht mehr Menschen und Betriebe.

Durch die freie Kooperation hoch-tätigkeitsteiliger Betriebe entsteht also kein flaches Netzwerk, sondern es entstehen komplexe Absprachen und aggregierende Knoten. Die Betriebe sind keiner Räteinstitution auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sondern erschaffen durch gemeinsame Absprachen eine komplexe Tätigkeitsteilung von unten, die aber auch immer wieder Aggregation und damit oben erzeugt. Wäre ein Verbund sehr inklusiv und besonders konfliktfähig, könnte er ein Großteil der gesellschaftlichen Planung vereinen – eine Zentralinstitution von unten wäre entstanden. Die Räteinstitution existiert als Möglichkeit, bleibt aber unwahrscheinlich. Eher verbleibt die Koordination in dem flexiblen Wechselspiel von Aggregation und Dezentralität. Entschieden wird nicht mehr zentral, sondern polyzentral an vielen Orten. Die Commonsforscherin Elinor Ostrom spricht deshalb von »polyzentrischer Selbstorganisation« jenseits von Markt und Staat. Allgemeinheit wird nicht von einer Institution als getrennte Allgemeinheit hergestellt, sondern entsteht als eingebettete Allgemeinheit aus den Entscheidungen der vielen – der Versuch der realen Auflösung des Staates in die Gesellschaft.

Anmerkungen:
1) Christian Oswald: Jenseits des Arbeitszwangs. Münster 2018. Thesen online unter https://ueber-die-mauer.de/thesen/
2) Anton Pannekoek: Über Arbeiterräte. Fernwald 2008. Englisch online unter: www.marxists.org.

Simon Sutterlütti

Simon Sutterlütti ist aktiv beim Commons-Institut und bloggt auf keimform.de.