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Explosion in Karantina

Das zerstörte Hafenviertel von Beirut war das Zuhause der Armen und Ausgestoßenen

Von Tarek Shukrallah

Zerstörte Gebäude und Straßen, davor einige Autos, dahinter das Meer
In den Beiruter Hafenvierteln lebten vor allem die, die sonst in der Gesellschaft keinen Platz haben: Queers und Arbeitsmigrant*innen im Kafala-System. Foto: Freimut Bahlo/wikimedia, CC BY-SA 4.0

Am 4. August explodierten im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut über 2.700 Tonnen Ammoniumnitrat. Mindestens 190 Tote, über 6.000 Verletzte und Schwerverletzte und mehr als 300.000 Obdachlose waren die Folge. Die Explosion trifft das Land inmitten seiner wohl schwersten ökonomischen Krise. Jahrzehnte von Korruption und Privatisierung staatlicher Leistungen, auch im Bildungs- und Gesundheitssektor, steigende Arbeitslosigkeit und steigende Lebenshaltungskosten schufen eine zunehmend verarmende Gesellschaft. Der systematische Ausverkauf des Sozialsystems und die massive Ausbeutung prekarisierter Gruppen führten zu einer radikalen Ausdifferenzierung der ökonomischen Schichten in einem auch religiös und kulturell zutiefst gespaltenen Land. Seit Mitte Oktober 2019 kam es daher zu massiven Protestwellen, die jedoch im Zuge des Ausbruchs der COVID-19 Pandemie ein abruptes Ende nahmen.

Von der Explosion besonders betroffen ist unter anderem Karantina. Das Hafenviertel mit dem charakteristischen Namen entstand als Quarantäne-Bereich für Reisende im 19. Jahrhundert, um die Ausbreitung von Krankheiten in Beirut zu verhindern. Heute ist Karantina ein überwiegend armes Wohnviertel. Hier wohnen Hafenarbeiter*innen und Handwerker*innen, migrantisierte Menschen und Ausgestoßene. Es ist die Herberge der entrechteten migrantischen Zwangsarbeiter*innen unter dem Kafala-System. Das Kafala-System ist ein Vertragsverhältnis, in dem das Aufenthaltsrecht ausländischer Arbeitnehmer*innen an Arbeitgeber*innen als Bürgen (arabisch: »Kafil«) geknüpft ist. Es versetzt Arbeitnehmer*innen in eine Situation völliger Abhängigkeit. Sie werden mit Hungerlöhnen vergütet, häufig werden ihnen die Pässe entzogen. Selbst ein Arbeitsplatzwechsel ist nicht ohne die Zustimmung der Arbeitgeber*in möglich. Amnesty International bezeichnete das Kafala-System als eine Form moderner Sklaverei.

Im Hafenviertel leben die Marginalisierten

In Karantina leben außerdem queere Menschen, die sich dort ihre Räume und Strukturen geschaffen haben. Neben Tunesien gilt der Libanon seit langem als ein liberaler Hotspot im Nahen Osten und Nordafrika. Es gibt eine gewachsene Struktur etablierter queerer Lobby-Organisationen, und das Land erfreut sich einer lebendigen Drag-Szene. Einige halböffentliche queere Bars und Anlaufstellen sind zu finden. Dabei ist die Teilhabe an den queeren Strukturen mit der sozioökonomischen Situation der Einzelnen verknüpft. Zugang zu Szene und Subkultur haben auch im Libanon überwiegend jene, die aus Mittel- oder Oberschicht kommen. Für queere Menschen aus den unteren Schichten, insbesondere, wenn sie trans-weiblich oder unter dem Kafala-System migriert sind, bedeutet queer leben Isolation und sozialer Abstieg. Ein Gummi-Artikel im libanesischen Strafrecht stellt »Handlungen wider die Natur« unter Strafe, mit dem LGBTQ-Personen kriminalisiert werden.

Satellitenaufnahme vom Hafen Beirut, die zerstörten Gebiete sind rot markiert.
Fotos der Hafenregion und ein Satellitenbild der NASA zeigen das Ausmaß der Zerstörung in Beirut. Foto: NASA / JPL-Caltech / Earth Observatory of Singapore / ESA

Weil es im Libanon kein verlässliches staatliches Sozialsystem gibt, ist Familie nach wie vor der zentrale Mechanismus sozialer Sicherheit und Fürsorge. Aufgrund der gesellschaftlichen Homo- und Transfeindlichkeit müssen queere Menschen häufig mit ihren Familien brechen. Coming-Out oder geoutet-werden bedeutet für die Mehrheit queerer Menschen im Libanon den Verlust sozialer, familiärer Hilfestrukturen. Aus Angst vor Gewalt und Diskriminierung verlassen sie ihre Heimat. Viele gehen nach Beirut und finden in Karantina und den anderen, ärmeren Vierteln in Hafennähe ein Zuhause, das sie auffängt. Ein Zuhause, das nun in Trümmern liegt. Während viele heterosexuelle, von der Explosion Betroffene mit libanesischen Pässen zu ihren Familien flohen, standen Kafala-Opfer und Queers am Tag der Explosion vor dem Nichts.

Queers und Migrant*innen haben kein Sicherheitsnetz

Es sind Menschen wie die Drag-Queen Andrea, die am Tag der Explosion ihr Zuhause verloren. Sie wohnte keinen Kilometer entfernt von der Explosionsstelle. Auf ihrem Instagram-Account postet sie Bilder von der Verwüstung ihrer Wohnräume, die nun vom Einsturz bedroht sind. Sie selbst ist verletzt, hat Wunden und Frakturen am ganzen Körper. In einem Videointerview beschreibt sie ihre Erfahrungen. Sie war zum Zeitpunkt der Explosion zu Hause und erlebte, wie Wände und Decken über ihr einbrachen. Verletzt rannte sie zum nächstgelegenen Krankenhaus, dort wurde sie aus Mangel an Narkosemitteln ohne Betäubung notoperiert. Ihrer Wahlfamilie, Menschen aus der LGBT-Community, gelang es, einige wenige Habseligkeiten aus den Trümmern zu retten.

Wie Andrea standen viele queere Menschen am Tag der Explosion ohne Obdach und Zuflucht auf der Straße. Infolgedessen startete die Aktivistin gemeinsam mit anderen eine Fundraising-Aktion. Der Queer-Relief-Fund ist ein peer-to-peer-Hilfsprojekt, das Unterkunft und Versorgung mit Lebensmitteln und Hygieneprodukten für marginalisierte Opfer der Explosion sicherstellen will. Die libanesische Regierung behindert die Arbeit des Projektes. Nachdem die Politik zunächst überhaupt nicht tätig wurde, illegalisierte sie schließlich die freiwillig organisierte Notversorgung und den Wiederaufbau von Häusern ohne staatliche Lizenzen. Die Arbeit von Akteur*innen, wie dem Queer-Relief-Fund, muss deshalb überwiegend klandestin organisiert werden. Initiativen, wie die von Ginan Osman, unterstützen sie dabei. Die deutsch-libanesische Studentin und Aktivistin startete am 6. August gemeinsam mit Anna Fleischer eine Spendenkampagne für marginalisierte Opfer der Explosion. Die Kampagne richtete sich gezielt an Spender*innen in Europa und brachte über 30.000 Euro in kurzer Zeit ein. Fleischer und Osman verteilen das Geld an verschiedene Organisationen und betroffene Einzelpersonen. Neben dem Queer-Relief-Fund gehen Mittel unter anderem an Egna Legna, eine Initiative äthiopischer Aktivist*innen, die unter dem Kafala-System als Hausangestellte arbeiten müssen.

Die Regierung behindert selbstorganisierte Hilfe

Egna Legna betreibt Nothilfe für Betroffene der Explosion. Sie versorgt Opfer mit Covid-19-Tests, Lebensmitteln und Hygieneprodukten. Außerdem sammelt das Projekt Geld, um Menschen eine sichere Rückreise nach Äthiopien und Nigeria zu ermöglichen. Auch der offen schwule Frontmann der libanesischen Band Mashrou‘ Leila, Hamed Sinno, hat zu Spendenaktionen aufgerufen und eigene Aktionen entwickelt. So veranstaltete er etwa gemeinsam mit der jordanischen Musikerin Farah Siraj am 19. August eine Livestream-Fundraising-Veranstaltung zugunsten eines migrantischen Community Centers und der Gruppe Anti-Racism-Movement. In einem Facebook-Beitrag erklärt Sinno seine Motivation: »In Krisenzeiten verschärfen sich Ungleichheitsverhältnisse. Zugleich erfahren jene von uns, die die Krise am meisten trifft, am wenigsten Hilfe.« Sinno selbst lebt aufgrund seiner offenen Queerness nicht mehr im Libanon. Am 8. August kommentierte er die Explosion: »Die libanesische Bevölkerung befindet sich in der Geiselhaft einer Klasse von Warlords, die sich als Politiker tarnen. Ihre einzige politische Legitimation ist, dass sie vor 45 Jahren die Speerspitze eines der längsten und blutigsten Bürgerkriege der Geschichte waren. Diese Leute sind Anführer von Milizen und Diebe. Sie wissen nichts über Regierungsarbeit. Während die Welt den Horror betrauert, der die Hauptstadt überkam, täuschen diese Warlords das ganze Land. Sie spielen das Leid der Menschen herunter und waschen ihre Hände in Unschuld.« (Zitate im Original auf Englisch, Übersetzung T. Shukrallah)

Das Nicht-Eingreifen der libanesischen Regierung, ihre offensive Behinderung von schneller Hilfe für die eh schon marginalisierten Betroffenen der Explosion und die offensichtliche Korruption im Land führten zu neuerlichen Protestwellen, trotz der Pandemie. Migrantische Hausangestellte, syrische und palästinensische Geflüchtete, Frauen und Queers bilden erneut eine Speerspitze der revolutionären Kämpfe. Sie streiten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit, für Teilhabe und ein Leben, in dem ohne Angst Verschiedenheit gelebt werden kann.

Tarek Shukrallah

Tarek Shukrallah ist Politikwissenschaftler*in, politische*r Referent*in und Aktivist*in in sozialen, migrantischen bzw. antirassistischen sowie queeren Bewegungen und betreibt die digitale Skill-sharing-Plattform mit Blog partizipieren.org. Auf Instagram und Twitter ist Tarek unter @tarekshuk aktiv.