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|ak 722 | Kultur

40 Jahre Schwules Museum

Das Berliner SMU zeigt aktuell eine Ausstellung über seine Gründung – wunderbar ergänzt durch zwei weitere über queere und lesbische Geschichte

Von Caspar Shaller

Die vier »Gründermütter« des Schwulen Museums Manfred Baumgart, Wolfgang Theis, Andreas Sternweiler und Manfred Herzer-Wigglesworth stehen in den Räumlichkeiten der AHA vor einem Bücherregal. Hinter ihnen ein Schrank, auf dem "Gay Love" gesprayt ist.
Die »Gründermütter« des Schwulen Museums: Manfred Baumgart, Wolfgang Theis, Andreas Sternweiler und Manfred Herzer-Wigglesworth (v.l.n.r.) vor dem Grundstock von Bibliothek und Archiv in den Räumen der AHA im Juni 1986. Foto: Archiv SMU, Fotograf*in unbekannt

Im Schwulen Museum in Berlin laufen zurzeit drei Ausstellungen zu verschiedenen Aspekten queerer Geschichte. »… und damit fingen die Probleme an«, die sich der Gründung des Museums vor 40 Jahren widmet, die Wanderausstellung »Love at First Fight!« über queere Bewegungen in der BRD und der DDR seit Stonewall und »Feuer+Flamme dem Patriarchat«, die ausgehend von Bildern der Fotografin Petra Gall die radikale und punkige Berliner FrauenLesben-Szene der Achtziger und Neunziger dokumentiert.

»Love at First Fight!« stellt einen Raum mit Ikea-Kleiderstangen voll. An ihnen hängen Bilder, Erklärtexte – und T-Shirts mit politischen Slogans wie »I can’t believe I still need to protest this shit«. Man wünschte fast, man könnte sie überstreifen, denn es gibt noch viel zu tun. Die Ausstellung dokumentiert ein radikales Erbe diverser queerer politischer Bewegungen, jenseits der Versuche, in die bürgerliche Gesellschaft mitaufgenommen zu werden. Hier geht es um materialistischen und marxistischen Feminismus, den »Homoarbeiter*innenkampf«, oder darum, wie das leidige Thema Nebenwidersprüche immer wieder gegen die Emanzipationskämpfe von Frauen und sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten eingesetzt wurde.

Die Ausstellung dokumentiert ein radikales Erbe queerer politischer Bewegungen, jenseits der Versuche, in die bürgerliche Gesellschaft mitaufgenommen zu werden.

Selbst Geopolitik kommt vor, etwa auf dem Demoschild: »Lieber warmer Bruder als kalter Krieger.« Und es gibt hier auch viel Raum für die Bewegungen in der DDR, was leider selten ist. Heute weiß kaum jemand, dass die BRD erst 1994 im Zuge der Wiedervereinigung die rechtliche Gleichstellung homo- und heterosexueller Beziehungen einführte – auf Verlangen grauer DDR-Bürokrat*innen. Ostdeutsche Queers mussten jedoch trotz einer in vielen sozialen Fragen fortschrittlicheren Einstellung der Behörden für vieles kämpfen, etwa um die Anerkennung, dass Schwule, Lesben und trans Menschen Opfer des Faschismus waren. Die Ausstellung dokumentiert wichtige Wegmarken der Bewegung, etwa den »Tuntenstreit« 1973, den »Hexenprozess« 1974 oder den transgenialen CSD, der (unter wechselnden Namen) seit 1998 als radikale Alternative zur kommerziellen Pride in Kreuzberg und Neukölln stattfindet.

Prekäre Anfänge

Gleich nebenan beginnt die Jubiläums-Ausstellung. Sie ist erstaunlich klein gehalten, man könnte jedoch stundenlang den Interviews mit den »Gründermüttern« Manfred Baumgart, Wolfgang Theis, Andreas Sternweiler und Manfred Herzer-Wigglesworth zuhören, die in jedem Abschnitt auf Bildschirmen laufen. Entstanden ist das Schwule Museum aus einer Ausstellung im damaligen Berlin Museum (1995 ins Märkische Museum eingegliedert): »Eldorado« widmete sich queeren Subkulturen zwischen 1850 und 1950. Eldorado hießen damals viele Bars nach dem »Land der Verheißung«. (Warum ausgerechnet eine Kolonialfantasie Namensgeber sein musste, damit setzte sich 2017 die Ausstellung »Odarodle: Sittengeschichte eines Naturmysteriums 1535–2017« auseinander, in der auch die Sammlung unter eine dekoloniale Lupe genommen wurde. Dazu ist auch ein lesenswerter Sammelband erschienen.) Der Erfolg war so groß (40.000 Besucher*innen!), dass sich vier schwule Kuratoren im Dezember 1985 entschieden, ein richtiges Museum zu gründen.

Die Anfänge waren prekär. Wenn mal Fördermittel für eine Ausstellung zusammenkamen, hat man mit diesen gleich die Materialien für fünf weitere gekauft, »Resteverwertung« sei das gewesen. Erst kam man bei der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft (AHA) unter, 1989 bezog das Museum eigene Räume – »da haben wir auch mal drei Monate keine Miete gezahlt«, verrät einer der Gründer. 2013 zog es dann zum aktuellen Standort um. Mittlerweile hat das Museum auch eine Sammlung und ein allen offenstehendes Archiv. Der ersten Ausstellung »Igitt – 90 Jahre Homopresse« folgten über die Jahre über 150 weitere, von Ausstellungen über historische Figuren wie Oscar Wilde, Künstler wie Rosa von Praunheim, und zur Geschichte wichtiger Institutionen wie dem Tuntenhaus, mit detailgetreuem Nachbau der WG-Küche, voller Aschenbecher inklusive. Spaß scheint auch nicht zu kurz gekommen sein, »natürlich hat man auch rumgehurt«, sagt ein ergrauter Gründer und kichert.

Doch es gab auch immer wieder Konflikte und Spaltungen. Schon bei Eldorado waren Schwule und Lesben räumlich getrennt, auch der Katalog war zweigeteilt. Lesben kommen in der Gründungsschau viel zu kurz. Zum Glück läuft gleich im nächsten Raum »Feuer+Flamme dem Patriarchat« über lesbischen und feministischen Aktivismus. Fotos von Petra Gall zeigen Demos und Aktionen wie die Walpurgisnacht, Take Back the Night oder Hausbesetzungen durch Frauenkollektive. Sie dokumentieren auch, wie kreativ der feministische und lesbische Underground in Kunst und Musik war. Eine Reihe von Videos zeigt Konzerte, ergänzt durch eine Liste von Bands wie Außerhalb, damit man zu Hause weiterhören kann. Das Neonschild des nichtkommerziellen Kulturraums Pelze ist ausgestellt, wo auch Dokumente und Objekte, die für lesbische Geschichte in Berlin wichtig waren, gesammelt wurden. Pelze musste nach Budgetkürzungen des Senats geschlossen werden, eines der vielen Themen der Ausstellung, die heute noch immer aktuell sind. Sie zeigt auch, wie viel damals für uns heute erkämpft wurde.

Danke, liebe Gründermütter

Es ist nicht immer einfach, die Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. 2008 wurde der Name durch ein Satzzeichen inklusiver gestaltet: Schwules* Museum hieß es dann. Mittlerweile ist man wieder davon abgerückt. Vorausgegangen waren den Veränderungen jeweils teilweise hitzige Debatten, ein Gründer etwa sagt: »Wenn die das in queeres Museum umbenennen, dann trete ich aus!« Andere zeigen Verständnis für sich verändernde Zeiten, schließlich waren »die alten Schwulen aus den Fünfzigern von uns auch schockiert, die wollten keine Weltrevolution, auch keine schwule.« So radikal waren Schwule mal.

Trotzdem findet die Gründergeneration großteils die Anwendung von modernen Begrifflichkeiten auf die Vergangenheit problematisch. Sie seien immer davon ausgegangen, dass man Menschen, die vor der Prägung des Begriffes homosexuell in den 1860ern gelebt hätten, nicht als Homosexuelle bezeichnen könne, da ja das Konzept gar nicht existiert habe, und sich Menschen daher nicht als solche selbst identifizieren konnten. Den Begriff queer in die Vergangenheit zu projizieren, sei ebenso unmöglich. Man könnte einwenden, dass das Konzept der Queerness ja viel breiter angelegt ist, eine Vielzahl verschiedener sexueller oder geschlechtlicher Identitäten, aber auch Praktiken – nicht nur was Menschen sind, sondern auch was sie tun – beinhaltet, die sich außerhalb der moralisch als »normal« definierten Normen der jeweiligen Gesellschaft befinden.

Aber statt die Älteren dafür zu tadeln, dass sie nicht den heutigen Theoriekonzepten anhängen, könnte man auch anerkennen, dass sich Diskurse rasend schnell wandeln und man selbst vielleicht eines Tages nicht mehr mitkommt. Politisches Engagement sollte sich nicht darin erschöpfen, die Worte zu wählen, die eine Szene gerade als richtig empfindet, es besteht vor allem im Kampf für die Ausweitung von Rechten, der Sichtbarmachung bisher Ignorierter und dem Aufbau von Strukturen, die weitere Kämpfe unterstützen. Und all das hat die Gründergeneration des Schwulen Museums geschafft und den neu im Regenbogen hinzukommenden Farben eine Institution hinterlassen, die noch lange Wichtiges für den Erhalt und die Bekanntmachung queerer Geschichte und Gegenwart leisten wird. Danke, liebe Gründermütter.

Caspar Shaller

ist freier Journalist.

Die Ausstellung »…und damit fingen die Probleme an« über die Gründung des Schwulen Museums läuft bis zum 16. März, die Wanderausstellung »Love at First Fight!« über queere Bewegungen in der BRD und der DDR bis zum 29. Juni und »Feuer+Flamme dem Patriarchat« über die Berliner FrauenLesben-Szene der Achtziger und Neunziger bis zum 23. Februar im Schwulen Museum in Berlin.

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