We are many, you are few
Bristol gilt als linke Hochburg in Großbritannien – woher kommt der radikale Ruf?
Von Amira Klute
Bristol is…?« ruft jemand in ein Megafon. »Antifascist!« antworten Hunderte. Es ist ein kalter Samstag im Januar. Seit Stunden stehen rund 300 Antifaschist*innen am Cenotaph, einem Kriegerdenkmal mitten in der Innenstadt von Bristol. Ihnen gegenüber, hinter einer Reihe Polizist*innen: eine Handvoll Leute mit Union Jacks um den Schultern, Schlauchschals, Selfiesticks. Es sind Überreste einer Kundgebung der extrem rechten Kleingruppe Bristol Patriots.
Nazis, in Bristol? Die Küstenstadt im Südwesten Englands gilt eigentlich als No-Go-Area für Faschist*innen. Bristol ist, das erzählen viele Menschen in der Stadt, anders, linker, als der Rest von Großbritannien. Aber auch hier merkt man, dass das Land zunehmend nach rechts driftet. Seit rund anderthalb Jahren stehen die lokalen »Patriots« regelmäßig in der Innenstadt, tauchen vor linken Orten auf. Aber dieses neue Maß an extrem rechter Organisierung bleibt nicht unwidersprochen.
Bewegung nach 125 Jahren
Wenn man mit Linken in Bristol über ihre Stadt spricht, nennen alle diesen einen Moment, auf den sie stolz sind. Er spielte sich nur wenige Meter von der Faschokundgebung entfernt ab. Da steht heute ein leerer Sockel. Von ihm stürtzten Demonstrierende im Juni 2020 das Denkmal des sogenannten Philantropen und Sklavenhändlers Edward Colston. Es hatte da für 125 Jahre gestanden. Spontan rollten sie es zum Hafen und versenkten es. Die Bilder gingen um die Welt. Es war der Startschuss der Black Lives Matter Bewegung in Europa.
Priyanka Raval war dabei. Sie berichtete für den Bristol Cable, eine genossenschaftlich geführte linke Lokalzeitung. Wenn sie über den Denkmalsturz spricht, muss sie grinsen. »Ich glaube, weil struktureller Rassismus manchmal so unbeweglich wirkt, hatte es etwas sehr Symbolisches, diese Statue buchstäblich einfach umstürzen zu sehen.«
Der Sturz kam nicht aus dem Nichts. Antirassistische Gruppen hatten die Stadt jahrelang immer wieder aufgefordert, das Denkmal zu entfernen. Irgendwann einigte man sich auf eine Plakette. Sie kam aber nie, weil die Stadt bestimmen wollte, was genau drauf steht. So nahm Bristols linke Szene die Sache selbst in die Hand. »Bristol’s radikaler Ruf kommt nicht von irgendwo«, schrieb Priyanka Raval über ihre Stadt.
Das Colston-Denkmal liegt heute im Museum. Es ist Teil einer neuen Dauerausstellung über die Beteiligung der Hafenstadt am transatlantischen Handel mit versklavten Afrikaner*innen – das Geschäft, mit dem besagter Edward Colston den Großteil seines Vermögens gemacht hatte. Er war nicht der einzige, der profitierte. Viele Einwohner*innen von Bristol verdienten direkt und indirekt an Sklaverei – und zwar nicht schlecht. Das sieht man der Stadt bis heute an. Es gibt Alleen, Prachtbauten, mit Ornamenten verzierte Villen, die an großzügig geschnittenen Plätzen stehen.
Im Jahr 1788 war Bristol die erste Stadt außerhalb von London, die ein Komitee zur Abschaffung des Sklavenhandels gründete.
Aber die Bristolians engagierten sich auch dafür, die Sklaverei abzuschaffen. Die Stadt gilt als Hotspot des Abolitionismus. Schon im 11. Jahrhundert verjagte ein Mob einen Sklavenhändler aus der Stadt. Im Jahr 1788 war Bristol die erste Stadt außerhalb von London, die ein Komitee zur Abschaffung des Sklavenhandels gründete. Es gibt eine ganze Reihe mehr Momente von antirassistischem Aktivismus in der Stadtgeschichte. Im Jahr 1963 boykottierten Menschen Busse, weil Busunternehmen keine Schwarzen Menschen und People of Colour anstellten – die erste von Schwarzen geführte Kampagne im Land. Sie führte dazu, dass rassistische Diskriminierung 1965 verboten wurde.
Lokalzeitung, Küfas, Infoläden
Heute gibt es in Bristol eine linke Lokalzeitung, Küfas, anarchistische Infoläden, eine aktive Mieter*innengewerkschaft, einen Haufen queerer Orte und Parties. Es ist eine progressive Stadt.
Aber sie ist nicht unberührt von dem, was im Rest von Großbritannien abgeht. Nach Jahren der Austeritätspolitik leben immer mehr Menschen in Armut. Mit der Cost of Living Crisis ab 2021 sind Preise für Lebenserhaltungskosten stark gestiegen, während die meisten Einkommen unverändert blieben. Bristol gehört heute zu den teuersten Städten im Land. Das betrifft vor allem die Mieten. Menschen geben im Schnitt 44 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. Zwischen 2015 und 2024 stiegen sie um 35 Prozent. Und es ist kein Ende in Sicht: Im Januar 2026 zahlten Menschen 7,4 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.
Viele können sich das nicht (mehr) leisten. In Bristol wohnen rund 600 Menschen in Autos oder Wohnwägen am Straßenrand und in Parks. Nirgendwo im Vereinigten Königreich gibt es so viele sogenannte »van-dwellers« wie hier. Die meisten leben in den Downs, einem großen Park in Clifton. Das ist ein Villenviertel mit einem der höchsten Durchschnittseinkommen in der Stadt. Das gefällt da natürlich nicht allen. In der Gruppe Protect the Downs organisieren sich Anwohner*innen, um die Menschen, die im Wagen wohnen, aus dem Park zu vertreiben.
Auch nicht unberührt ist Bristol von einer zunehmend rassistischen Stimmung im Land. Im Sommer 2024 gipfelte sie in heftigen rassistischen Ausschreitungen. Über das ganze Land verteilt, vor allem in den ärmeren deindustrialisierten Gegenden in Nordengland, und in Nordirland, griffen Menschen Moscheen an und demonstrierten vor Hotels, in denen Geflüchtete untergebracht waren. Das wohlhabendere Südengland war etwas weniger betroffen – Bristol aber schon.
Für viele in der Stadt war das Ausmaß der rassistischen Mobilisierung ein Schock. Aber sie reagierten schnell. Marcus Smith vom Community Radio Bcfm hat einen Podcast über die Ausschreitungen gemacht. »Ich wollte Bristols Version der Geschichte erzählen«, sagt er, »weil hier – im Vergleich zum Rest des Landes – der Gegenprotest riesig war.«
Während andernorts Asylsuchende angegriffen und Unterkünfte in Brand gesetzt wurden, stellten sich in Bristol tausende antifaschistische Demonstrierende den Angreifer*innen entgegen. Rund 40 Menschen verteidigten ein Hotel, in dem geflüchtete Familien untergebracht waren. Sie ließen sich von rassistischen Angreifer*innen mit Glasflaschen bewerfen und beschützten so die Menschen im Hotel. Jim von der Gruppe Bristol Antifascists war dabei. »Ich bin wirklich überzeugt, dass das in ein Lynching ausgeartet wäre, wenn wir nicht dort gewesen wären», sagt er. Die Polizei, die sich, statt das Hotel zu schützen, darauf konzentriert hatte, die Demos zu trennen, kam erst 20 Minuten nach den Antifas.
Noch besser, noch schneller
Was vom Sommer 2024 geblieben ist? Marcus Smith glaubt, es hat die antifaschistische und antirassischte Bewegung in Bristol gestärtkt. »Ich denke, nach diesen Ereignissen sind sie jetzt besser organisiert, besser finanziert und können schneller reagieren.«
Was das heißt, zeigte sich Mitte Februar, ein paar Wochen nach der Kundgebung am Kriegerdenkmal. Mitglieder der Bristol Patriots tauchten überraschend vor einem linken Pub im Osten von Bristol, in einem diversen und antifaschistisch geprägten Stadtteil auf – sowas war jahrelang undenkbar gewesen, sagen Menschen, die da waren. Bristol reagierte: Innerhalb weniger Minuten mobilisierten die Kneipenbesucher*innen hunderte Menschen aus der Nachbarschaft, die die Neonazis vertrieben. »We are many, you are few« riefen sie, »We are Bristol, who are you?«