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|ak 663 | Feminismus

»Warum Täter das tun, interessiert mich nicht«

Laura und ihre Unterstützer*innen dokumentieren auf einer Website ihren Aufarbeitungsprozess von sexualisierter Gewalt in der linken Szene Birminghams

Interview: Bilke Schnibbe

Illustration: Anne Meerpohl. Anne schreibt in freudiger Erwartung des Endes des Patriarchats. Sie lebt in Hamburg und beschäftigt sich mit queerfeministischen Themen in Form von Illustrationen, Malerei und Texten. Im Fokus steht dabei eine Utopie von Geschlechtlichkeit, Sexualität und Körpern.

Es ist Anfang September, und ich schwinge mich aufgeregt auf mein Fahrrad, um Laura in Berlin-Kreuzberg zu treffen. Kurz zuvor habe ich mir die gut 100 Textseiten umfassende Website angeschaut, auf der sie und ihre Unterstützer*innen den fünfjährigen Prozess um sexualisierte Gewalt, die Laura in Birmingham widerfahren ist, beschreiben und reflektieren. Der Täter war ein einflussreiches Mitglied linker Strukturen in England, in denen er sich auch heute noch bewegt. Dennoch macht die Seite Hoffnung, dass kollektive Unterstützungsarbeit mit Betroffenen etwas ändern kann. Da ich selbst vor drei Jahren von einem »hohen Tier« der Berliner linken Szene vergewaltigt wurde, erkenne ich mich wieder. Ein Gespräch über geteilte Betroffenheit, Care-Arbeit als politische Strategie und feministische Solidarität.

Warum habt ihr die Seite ins Leben gerufen?

Laura: Die Seite ist eine Auswertung und ein vorläufiger Schlusspunkt für den fünfjährigen Aufarbeitungsprozess, den wir 2015 mit einem offenen Brief an die linke Szene in Birmingham gestartet hatten. In diesem Prozess haben wir uns viel Wissen über sexualisierte Gewalt angeeignet. Das wollen wir anderen zugänglich machen, um sie bei ähnlichen Prozessen zu unterstützen. Davon abgesehen habe ich mit der Website die Möglichkeit, die Deutungshoheit über das, was passiert ist, zu behalten. In England hatten immer wieder Leute Gerüchte über den Prozess gehört, der angeblich die ganze Gruppe gesprengt hätte. Das ist überhaupt nicht mein Blick auf das, was passiert ist. Gerade weil ich jetzt nicht mehr Teil der linken Szene in England bin, war es mir wichtig, dass meine Perspektive der Geschichte weitergegeben wird, nicht nur die des Täters und seines Umfeldes. Ein anderes Anliegen war, Nicht-Betroffene zu ermutigen, sich mit sexualisierter Gewalt zu beschäftigen. Es gibt das Bild, dass Transformative-Justice-Prozesse schrecklich sind und alle Beteiligten enorm belasten und überfordern. Das stimmt in vielen Fällen auch. Aber sexualisierte Gewalt wie eine tickende Zeitbombe zu behandeln, die alles zerstört, wenn man auch nur nachfragt, ist kontraproduktiv. Das macht es Betroffenen sehr schwer zu sprechen. Ich wollte mit der Website ein positives Beispiel zugänglich machen und zeigen, dass der Prozess mir und anderen Betroffenen ermöglicht hat, einen Umgang mit der Gewalt und ihren Konsequenzen zu finden und uns zu empowern, auch wenn sich der Täter und sein Umfeld weiterhin kacke verhalten.

Welche Rolle spielt es, von anderen Betroffenen zu hören und zu lesen?

Ich habe selbst nur deshalb in Erwägung gezogen, einen politischen Prozess aus meiner Gewalterfahrung zu machen, weil es eine Person gab, die vor mir ihren Fall öffentlich gemacht hat. Ich finde es elementar, von anderen Erfahrungen zu hören – deshalb auch die Website. Viele, die sich in meinem Prozess engagiert haben, sind selbst Betroffene von sexualisierter Gewalt. Sie haben durch meinen offenen Brief angefangen, sich mit ihren eigenen Erfahrungen intensiver zu beschäftigen. Ich habe mich deshalb auch nicht als »die eine Unterstützte« gesehen, sondern als Teil einer Gruppe, in der die anderen den Prozess auch für sich nutzen. Das fühlt sich sehr solidarisch an.

Laura

Laura ist in der Interventionistischen Linken aktiv. Die Website über den Aufarbeitungsprozess von sexualisierter Gewalt in Birmingham, die sie mit ihrer Gruppe zusammen erstellt hat, wird grade auf Deutsch übersetzt.

Ich bin sehr berührt, wie viel Solidarität in diesem Mammutprojekt steckt. Sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet. Eine geteilte Erfahrung, die aber selten besprochen wird, weil dann Täter im Nahfeld aufgedeckt werden würden.

Genau, das war auch ein Grund, warum wir am Ende den Namen des Täters veröffentlicht haben. Damit das nicht mehr einfach irgendwer ist, sondern die Leute in den Konflikt geraten, dass jemand, den sie mögen oder bewundern, ein Täter ist.

Es ist immer wieder ein Thema, ob Namen von Tätern veröffentlicht werden sollten. Da gibt es die Fantasie, das würde Selbstjustiz fördern. Andererseits gibt es Leute, die sagen, man darf als linksradikale Person auf keinen Fall zur Polizei gehen…

Also, ich bin nicht zur Polizei gegangen, aber um mich zu schützen – nicht den Täter. Ich habe kein Vertrauen in die Institution, finde es aber legitim, wenn Leute das machen. Ich hatte damals mehr Vertrauen, dass die linke Szene dafür Verantwortung übernimmt. Das ist aber zumindest beim jetzigen Umfeld des Täters nicht der Fall. Zuerst haben wir den Namen nicht veröffentlicht, weil ich Angst um meine Identität hatte und weil von Leuten, die schon informiert waren, starker Gegenwind kam. Im Nachhinein würde ich sagen, da haben wir uns auch kleinreden lassen. Nun haben wir uns doch entschieden, den Namen zu veröffentlichen, auch um andere vor ihm zu schützen, da er selbst und sein Umfeld diese Verantwortung nicht wahrgenommen haben.

Was sind die Mechanismen, die sexuelle Gewalt in linken Kontexten fördern?

Zum einen die allgemeinen patriarchalen Faktoren, die Männern suggerieren, dass Frauen für ihre Befriedigung zur Verfügung stehen. Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich aber sagen, dass die sexualisierte Gewalt keine Lustbefriedigung des Täters war, sondern ein Weg, mich zu kontrollieren und mich dafür zu erniedrigen. Ein Machtspiel. In Bezug auf linke Strukturen sind das konkret informelle Hierarchien. Wenn Täter wichtige Positionen besetzen, sind sie schwer zur Verantwortung zu ziehen. Vor allem, wenn geleugnet wird, dass es überhaupt Hierarchien in linken Zusammenhängen gibt. Außerdem ist die Trennung von Politischem und Privatem problematisch: Wenn man dann mit einem vermeintlich privaten Thema wie Gewalt in einer Beziehung kommt, bedroht das die politische Struktur. Die Orientierung auf das Politische führt dazu, dass Konflikte kleingehalten werden. Dabei ist sexualisierte Gewalt ein hochpolitisches Thema. Das andere ist eine, nicht mal böse gemeinte, Unfähigkeit, über Gewalt zu sprechen. Es fehlt ein Modus, das vermeintlich Private in einem kollektiven Rahmen zu verhandeln. Es steht auch die Frage im Raum, wie sehr man Leute auf ihr Privatleben ansprechen darf und ab wann das übergriffig ist. Wenn Leute mich gefragt hätten: »Laura, missbraucht der dich eigentlich?«, dann wären sie nach dieser Logik in meinen Privatbereich eingedrungen.

Was hätte dir in der Situation konkret geholfen?

Nach einem Unfall war ich monatelang auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Hätte es eine Option gegeben, meine Selbstbestimmung aufrecht zu erhalten, ohne eine Abhängigkeit von meinem Nahumfeld zu kreieren, wäre ich dem Täter nicht so ausgeliefert gewesen. Es braucht eine Infrastruktur, dass körperlich eingeschränkte Menschen selbstbestimmt sein können, ohne auf Hilfe in Form von Freundschaftsdiensten angewiesen zu sein. Leute müssen mir helfen, ich habe ein schlechtes Gewissen, mein Selbstbewusstsein ist eh auf dem Nullpunkt. All das hat dazu beigetragen, dass ich keinen Ausweg aus der Gewaltbeziehung gesehen habe. Eine Kultur des Darüber-Redens hinsichtlich sexualisierter Gewalt wäre hilfreich gewesen. Die Unsicherheit anderer im Umgang mit sexualisierter Gewalt merke ich auch noch heute, wenn Genoss*innen meine Geschichte hören. Teilweise wurde ich gemieden, Menschen haben verschämt auf den Boden geschaut. Das ist extrem kontraproduktiv, selbst wenn es nur aus Überforderung entsteht. Hilfreich wäre es auch gewesen, wenn ich mehr bestärkt worden wäre im ganzen Aufarbeitungsprozess.

Eure Seite ist eine Mischung aus persönlichen Texten der Beteiligten über ihre Erfahrungen und sachlicher Wissensvermittlung. Warum habt ihr das so gemacht?

Leute sprechen viel über Prinzipien: Schutzräume hier, Definitionsmacht da. Wenn es zu einem Fall kommt, sind aber die konkreten Fragen die schwierigen. Deswegen wollten wir ein konkretes Beispiel aufschreiben, ohne zu sagen, dass das der goldene Weg ist. Darüber hinaus sind natürlich Menschen beteiligt mit eigenen Erfahrungen, Emotionen und Aufarbeitung von Gewalt. Deshalb kann man wiederum keine allgemeingültige Anleitung schreiben, wie man mit sexualisierter Gewalt umgehen muss. Viele Leute haben selbst erstmal psychische Reaktionen, wenn man bei denen mit der eigenen Gewalterfahrung ankommt. Um eine herum brechen dann erstmal Leute weg. Das muss man den ganzen Prozess lang auf dem Schirm haben.

Ich fand es faszinierend zu lesen, wie die Beteiligten ihre eigene Widersprüchlichkeit reflektieren. Eine Person schreibt, wie sie dir erst Steine in den Weg gelegt hat und mit der aber Zeit verstanden hat, dass sie das aus der eigenen Betroffenheit von Gewalt tut. Sie hat den Täter in deinem Fall verteidigt, um den Täter in ihrem eigenen Fall als nicht so bedrohlich wahrnehmen zu müssen.

Ja, das war eine Person, die am Anfang extrem geschossen hat in einer Situation, in der ich das nicht so abwehren konnte. Das war schlimm. Aber man sieht daran, dass es möglich ist, dass sich Leute eingestehen, wenn sie Scheiße bauen. Es hat mir auch für meine politische Arbeit insgesamt Mut gemacht zu sehen, wie einige Leute durch die Debatten und kontinuierlichen Gespräche was dazugelernt haben. Und es klingt vielleicht blöd, aber eine Entschuldigung tut auch nach fünf Jahren noch gut.

Ich habe mich beim Lesen der Seite gefragt, wie ich als Betroffene mit dem Dilemma umgehen kann, dass ich einerseits eine offene Auseinandersetzung will und andererseits Abstand zum Thema brauche. Ich bin vorerst aus meinem Aufarbeitungsprozess ausgestiegen, weil es mir psychisch zu schlecht dadurch ging. Müssten Betroffene für einen erfolgreichen politischen Kampf viel mehr mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen und für Prozesse zur Verfügung stehen?

Betroffene müssen gar nichts. Wenn man für sich einen Weg findet, damit anders klar zu kommen, gibt es aus meiner Sicht keine Notwendigkeit, eine Konfrontation zu suchen. Ich glaube aber, dass es genug Betroffene gibt, die mehr Unterstützung in ihren Fällen gebrauchen könnten, ob öffentlich oder nicht. Der Ansatzpunkt ist also, Nicht-Betroffene dazu zu ermutigen, Betroffene zu unterstützen. Auch, wenn sie den Täter kennen. Auch, wenn sie Angst haben, dass ihre politische Gruppe zusammenfällt. Mir hat es viel Selbstbewusstsein gegeben, meinen Prozess als kollektive, politische Strategie gegen sexualisierte Gewalt zu verstehen und die Solidarität der anderen nicht als privaten Freundschaftsdienst, sondern als politischen Aktivismus zu begreifen.

Das passt ja auch zum Thema Care-Arbeit als politische Praxis zu verstehen, die nicht individualisiert werden sollte…

Ja, absolut. Sexualisierte Gewalt ist ein riesiges Problem. Die Frage, wie wir Betroffene kollektiv unterstützen können, ist eine elementare Frage, um das Problem auf der gesellschaftlichen Ebene anzugehen.

Ein Thema, das viel diskutiert wird, ist Täterarbeit. Was denkst du darüber?

Bei Täterarbeit ist es wichtig, dem Täter nicht die Verantwortung abzunehmen. Der soll sich mal selber seine professionelle Täterarbeit raussuchen. Es gibt derzeit einen zu großen Fokus auf die Täter. Was deren Motive und Beweggründe sind. Das interessiert mich überhaupt nicht. Als politische Strategie ist es zentral, betroffenenzentriert zu arbeiten und sich nicht die Frage zu stellen: Wie ändern wir den Täter? Stattdessen sollte geguckt werden, wer die Betroffenen sind und was die eigentlich grade brauchen. Mein politisches Ziel ist nicht, Täter zu läutern oder zu Feministen zu machen. Das ist für mich eine politische Entscheidung: Ja, es gibt Arschlöcher da draußen, aber mein Lebensinhalt soll nicht sein, diese Leute zu besseren Menschen zu machen, sondern die Gesellschaft zu befähigen, diesen Menschen ihre Macht zu nehmen.

Bilke Schnibbe

Bilke Schnibbe ist Redakteur*in bei ak.