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»Gen Z« ist keine Analyse

Der Autor Vincent Bevins erklärt, warum viele Deutungen der neuen Proteste von Nepal bis Marokko zu kurz greifen

Interview: Sebastian Bähr

Menschenmenge mit nepalesischer Fahne, dahinter steigt dunkler Rauch auf, im Hintergrund sind Häuser zu sehen.
Schnell und heftig: Die Proteste in Nepal Anfang September. Demonstration in Bharatpur, der fünftgrößten Stadt des Landes, am 9. September 2025. Foto: हिमाल सुवेदी / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Vincent Bevins hat die Revolten des Vorjahrzehnts – vom sogenannten Arabischen Frühling bis zum Protestjahr 2019 – untersucht. Vieles an den neuen Aufständen, die derzeit in verschiedenen Ländern ausbrechen, erinnert daran. Wie er auf diese Aufstände schaut und warum die Berichterstattung über und Erklärungen der »Gen Z«-Proteste meist nur an der Oberfläche kratzen, erklärt er im Interview.

In Ihrem 2023 erschienenen Buch »If We Burn« haben Sie die globalen Protestbewegungen der 2010er Jahre untersucht und zahlreiche Interviews mit Teilnehmer*innen geführt. In den vergangenen Wochen haben Sie nun in Serbien recherchiert, wo ebenfalls seit einiger Zeit Massenproteste stattfinden. Warum ist es für Sie wichtig, Ihre Recherchen vor Ort fortzusetzen?

Vincent Bevins: In den letzten sechs Monaten habe ich wieder begonnen, genauer hinzuschauen. Zum Teil, weil ich ein Nachwort für die Taschenbuchausgabe von »If We Burn« vorbereitet habe, die Anfang Dezember erschienen ist, aber auch, weil eine neue Welle von »explosiven Mobilisierungen« – scheinbar spontane, führerlose, digital koordinierte, horizontal strukturierte Massenproteste im öffentlichen Raum – in gewisser Weise an die Dynamik der 2010er Jahre erinnert. Wo immer möglich, habe ich versucht, genug über bestimmte Fälle zu erfahren, um mich fundiert äußern zu können. Deshalb habe ich dieses Jahr mehrere Wochen in Serbien verbracht und hole Berichte aus verschiedenen Teilen der Welt, etwa Indonesien, ein. 

Neben Serbien und Indonesien gab es auch Massenproteste in Nepal, auf den Philippinen, in Marokko, Madagaskar, Peru, Ecuador und Paraguay und so weiter. Sie werden meist als Aufstände der Generation Z bezeichnet. Was halten Sie von der Berichterstattung der westlichen Medien über diese Bewegungen?

In der liberalen, englischsprachigen Mainstream-Presse hat sich eine bestimmte Erzählung über diese neue Welle explosionsartiger Mobilisierungen herausgebildet, eine sehr reale Welle, die schwerwiegende Folgen für jedes Land haben wird, in dem sie sich ausbreitet. Die angebotenen Erklärungen sind jedoch erstaunlich dürftig. Sie lassen sich in der Regel auf drei Punkte reduzieren: Die Proteste werden von jungen Menschen angeführt. Diese jungen Menschen nutzen digitale Tools. Die Bedingungen in diesen Ländern sind »schlecht«. Keine dieser Aussagen erklärt tatsächlich etwas. Sie sagen alles, und damit sagen sie nichts.

Die Aufstände finden in Ländern statt, die in den letzten zehn Jahren keine explosiven Massenmobilisierungen erlebt haben.

Wie meinen Sie das?

Seit über einem Jahrhundert sind es junge Menschen, die am ehesten auf die Straße gehen und Risiken eingehen. Die Behauptung, ein Aufstand werde »von der Generation Z angeführt«, läuft auf kaum mehr hinaus, als zu sagen, dass er im Jahr 2025 stattfindet. Wenn die Demonstrierenden bewusst die Identität der Gen Z nutzen oder strategisch Memes und Bilder austauschen, dann ist das Teil der Geschichte. Als Analyse sagt uns das jedoch fast nichts. Stellen Sie sich vor, der gesamte Arabische Frühling, Occupy Wall Street, Euromaidan, 15-M in Spanien und der Gezi-Park in der Türkei würden einfach als »die Proteste der Millennials« bezeichnet. Ich denke, der generationsbezogene Rahmen ist ein Symptom intellektueller Armut. Man verwendet ihn, wenn man nicht viel weiß. Der zweite Punkt – dass Demonstrierende digitale Tools nutzen – ist noch schwächer. Heutzutage nutzt schließlich jede*r digitale Tools für alles Mögliche. Das sagt nichts darüber aus, was die Bewegung will oder wie sie entstanden ist. Dass in Ländern, in denen es zu Aufständen kommt, etwas nicht stimmt, dass es zu viel Korruption oder zu wenige Chancen gibt, ist ebenfalls tautologisch. Im Nachhinein kann man immer irgendwelche materiellen Erklärungsfaktoren finden, wenn man danach sucht. Denn mindestens 99 Prozent der Weltbevölkerung haben sehr legitime materielle Gründe, sich über ihr Leben zu beschweren.

Welche Betrachtungsweise führt denn zu einem besseren Verständnis?

Um die spezifische Dynamik zu verstehen, halte ich es für sinnvoll, die chronologische Abfolge der Ereignisse zu betrachten. Wir müssen uns ansehen, was eine bestimmte Straßenmobilisierung ausgelöst und was zu ihrem Wachstum geführt hat. Anschließend müssen wir die mühsame Arbeit leisten, die Gedanken und Wünsche der Teilnehmenden zu untersuchen. Darüber hinaus müssen wir die noch schwierigere Frage stellen, was passieren würde, wenn ihre Protestbewegung gewinnen würde. 

Gibt es ein internationales, geteiltes Verständnis unter den Demonstrant*innen, das sich in gegenseitigen Verweisen wie der One-Piece-Flagge zeigt?

In dieser Phase der Revolten – ich konzentriere mich auf Mexiko, da ich dieses Land gut kenne und es als eines der jüngsten Beispiele für einen »Aufstand der Generation Z« gilt – hat sich die Bedeutung dieser Flagge verändert. Unabhängig von ihrer ursprünglichen Bedeutung signalisiert das Schwenken heute im Wesentlichen: »Ich möchte mit den anderen Protesten in Verbindung gebracht werden, die dieses Symbol verwendet haben.« In Mexiko hat dies jedoch zu einer ungewöhnlichen Dynamik geführt. Die Proteste wurden von denselben konservativen, oft mittelalten bürgerlichen Kreisen organisiert, die seit Jahren gegen Claudia Sheinbaum und vor ihr gegen Obrador und Morena demonstrieren. Es genügte jedoch, dass ein paar Leute die One-Piece-Flagge mitbrachten und sich selbst als Gen Z bezeichneten, damit die globalen Medien den gesamten Protest als »Aufstand der Generation Z« bezeichneten. Die konservativen Eliten in Mexiko konnten sich dieses Symbol mit bemerkenswerter Leichtigkeit zu eigen machen – und damit zumindest für ein paar Tage profitieren.

Vincent Bevins

ist Journalist und Autor. Er wuchs in den USA auf. Von 2010 bis 2016 arbeitete er als Auslandskorrespondent in Brasilien und schrieb u. a. für die Los Angeles Times, die Financial Times und die Washington Post. 2020 veröffentlichte er das Buch »The Jakarta Method: Washington’s Anticommunist Crusade and the Mass Murder Program that Shaped Our World«. 2023 folgte »If We Burn: The Mass Protest Decade and the Missing Revolution«, für das er mit 200 Personen sprach, u. a. aus Chile, China, Brasilien, Ägypten, der Ukraine, der Türkei, Bahrain und Tunesien.

Foto: privat

Was verbindet die Bewegungen tatsächlich?

Es gibt einen internationalen Austausch von Memes, Symbolen und Sprache. Und die Tatsache, dass sich Bewegungen gegenseitig inspiriert haben, erklärt, warum sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt konzentrierten – wie es seit mindestens 1848 bei ungeplanten Aufständen der Fall war. Wenn wir uns jedoch nur auf die Oberfläche konzentrieren, laufen wir Gefahr, die zugrunde liegenden Dynamiken zu übersehen. Wenn ich die Frage bewusst pessimistisch beantworte, liegt die Antwort möglicherweise nicht in der Beziehung zur globalen Produktion oder in Wirtschaftsindikatoren – die materiellen Bedingungen dieser Aufstände sind äußerst vielfältig. Eine andere Sichtweise ist vielmehr, dass es sich in der Regel um Länder handelt, die in den letzten zehn Jahren keine explosiven Massenmobilisierungen erlebt haben. Die meisten Länder, in denen dies der Fall war, haben noch immer mit den langfristigen Folgen zu kämpfen. Dort, wo es in den 2010er Jahren zu großen Aufständen kam, ist oft eine anhaltende Erschöpfung oder ein Trauma zu spüren, verbunden mit der Angst, wieder auf die Straße zu gehen, und dem Bewusstsein, wie schlimm die Dinge laufen können. Wenn man also nach einer Gemeinsamkeit zwischen der aktuellen Welle von Aufständen in Ländern wie Indonesien, Nepal, den Philippinen, Marokko, Madagaskar, Ecuador und Kenia sucht – wobei Ecuador eine teilweise Ausnahme darstellt –, dann ist es diese: Keines dieser Länder hat in den 2010er Jahren Massenmobilisierungen erlebt, die Regierungen gestürzt oder ernsthaft destabilisiert hätten. Diejenigen Länder, in denen dies der Fall war – Ägypten ist hier das paradigmatische Beispiel –, sind Orte, an denen die Menschen realistisch gesehen keinen erneuten Versuch wagen können oder sich davor fürchten, wie etwa seit vielen Jahren in Brasilien.

Inwiefern gibt es Veränderungen im Bewusstsein innerhalb der Protestakteure?  

Seit den 2010er Jahren hat sich ein ideologischer Wandel vollzogen. Die Menschen neigen heute weniger dazu, Spontaneität, Horizontalität und Strukturlosigkeit als grundlegend gut oder erstrebenswert anzusehen. Bei der jüngsten Pro-Palästina-Bewegung in den USA beispielsweise wurde großer Wert auf Struktur gelegt. Generell sehe ich eine Veränderung in der Art und Weise, wie Bewegungen heute im Vergleich zum letzten Jahrzehnt über Organisation denken. Doch trotz dieser Entwicklung haben sich die materiellen Bedingungen kaum verändert. In den Ländern, die derzeit eine Mobilisierung erleben, können wir ähnliche Muster beobachten: schwache Zivilgesellschaften, prekäre Arbeitsverhältnisse und fragmentierte soziale Bindungen. Spontane, horizontal strukturierte Proteste, die über soziale Medien koordiniert werden, sind da nach wie vor die mit Abstand einfachste Form des Handelns. Ein solcher Aufstand ist immer noch viel einfacher zu organisieren als die Arten des organisierten Widerstands, die im 20. Jahrhundert üblich waren. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir Indonesien, das ich gut kenne. Der Aufstand dort konzentrierte sich auf Gig-Arbeiter*innen, insbesondere auf Motorradtaxifahrer*innen, die über App-basierte Plattformen Essen ausliefern oder Leute befördern. Wir leben in einer Welt, in der zwar alle online sind, aber zunehmend atomisiert und von Gewerkschaften, Organisationen, politischen Parteien und den Formen des kollektiven Lebens, die die Menschen einst verbunden haben, abgekoppelt sind. Unter solchen Bedingungen bleibt diese Art von Protest die zugänglichste und möglichste Form der Revolte. Er fungiert weiterhin als Ventil für die weitverbreitete und legitime Unzufriedenheit mit dem System. Das Problem ist jedoch, dass diese Form fast jeden Inhalt transportieren kann.

Es gibt keine automatische emanzipatorische Richtung …

Eine spontane Explosion kann subjektiv links oder rechts, antikapitalistisch oder prokapitalistisch, anarcho-liberal oder autoritär sein. Sie kann auch ein Machtvakuum schaffen, von dem Personen oder Gruppen profitieren, die mit den ursprünglichen Motiven der Demonstrant*innen nichts zu tun haben, was bedeutet, dass das endgültige Ergebnis wenig mit den Motiven der Teilnehmenden zu tun hat. Madagaskar ist ein aktuelles Beispiel: Die Proteste endeten mit einem Militärputsch. Und aus Nepal habe ich Berichte, denen zufolge viele Demonstrierende glauben, dass sie nicht erreicht haben, was sie sich erhofft hatten. Das ist nicht überraschend. In den 2010er Jahren gipfelten viele solcher explosiven Ereignisse in Putschen der einen oder anderen Art. Selbst die symbolträchtigen Proteste auf dem Tahrir-Platz im Jahr 2011 führten unterm Strich zu einer Machtübernahme durch das Militär.

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus der aktuellen historischen Situation?

Ich habe noch keine vollkommen neuen Formen des Widerstands gesehen. Das Wissen um die Vergangenheit sollte uns jedoch nicht davon abhalten, die Möglichkeit von etwas wirklich Neuem in der Zukunft anzuerkennen oder dafür offen zu bleiben. Grundsätzlich gilt: Transformativer Wandel und eine Neuordnung der Beziehungen von unten sind überall im globalen System möglich. Akteure können und werden für grundlegend andere Ansätze kämpfen. Was natürlich ungewiss bleibt, sind die konkreten Ergebnisse.

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