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Vom Widerstand zur Utopie

In Krisenzeiten braucht es einen Plan zur radikalen Veränderung der Welt

Von Bini Adamczak

Es reicht nicht aus, Superheldin zu sein. Foto: Michelle Cassar/ Unsplash

Superheldinnenfilme folgen einer bekannten Dramaturgie. Auf dem Höhepunkt des Films, mitten im Showdown, nimmt sich die Superschurkin Zeit, ausführlich ihren Plan zu erläutern. Ein Plan, der wahlweise darin besteht, die Welt zu zerstören oder die Herrschaft über sie an sich zu reißen. Der Superheld, eben noch gefesselt, nutzt die Zeit des Rumlaberns, befreit sich und vereitelt – in letzter Minute – den Schurkinnenplan. Die vorletzte Einstellung zeigt die unendliche Frustration der Superschurkin, deren Lebensplan gerade zerstört wurde, die letzte Einstellung den Superhelden, der glücklich nach Hause geht. Nichts hat sich verändert. Die Welt ist gerettet, und sie ist noch genau so beschissen wie zuvor.

Ein Großteil des progressiven Widerstands heute gehorcht diesem konservativen Skript. Es ist ein Widerstand gegen Mietsteigerung wie gegen die Zwangsräumung bestehender Projekte. Gegen die Schließung von Betrieben und die Entlassung der Arbeiterinnen. Gegen die Rückkehr des Faschismus wie gegen die Verschlechterung des Klimas. Es ist ein Kampf, der auf die Ausdehnung der Ehe zielt wie auf die Diversifizierung des staatlichen Geschlechtseintrags. Der die Ergebnisse vorheriger Kämpfe zu verteidigen sucht und das bereits Erreichte zu erhalten. Aber unter Bedingungen der Krise kann es keine Verteidigung des Status quo geben. So lange Widerstand sich auf seinen Wortsinn beschränkt, auf das Aufhalten und Stoppen, Verteidigen und Zurückdrängen, bleibt er im besten Fall stehen. Wo die Linke verliert, gewinnt die Rechte an Macht. Deswegen reicht es nicht, Superheldin zu sein bzw. Superbulle, deswegen lässt sich die Welt nicht retten ohne einen Plan, sie zu verändern, deswegen braucht es Utopie. Aber wie?

Kritische Fragen und anti-utopische Einwände

Die Utopie zielt auf die Zukunft, auf eine andere Welt, doch sie nimmt ihren Ausgang in der Gegenwart, in der bestehenden Welt. Sie zielt auf Befriedigung, auf Glück, ihr Ausgangspunkt jedoch ist die Frustration, das Unglück. Tatsächlich besteht die Aufgabe einer emanzipatorischen Utopie nicht darin, eine Welt zu entwerfen, in der »alles anders« ist. Es reicht, dass sich die Utopie von der Realität in einer einzigen Hinsicht unterscheidet: Etwas fehlt in dieser zukünftigen Welt – nämlich das Unglück. Die erste kritische Frage, die sich an Utopien richten lässt, lautet somit, ob es ihnen gelingt, eine Zukunft ohne das Unglück von Vergangenheit und Gegenwart überhaupt nur vorzustellen. Weisen sie wirklich einen Ausweg, oder tragen sie mit den Materialien, Werkzeugen und Bildern, die sie den existierenden Epochen entlehnen, auch den Ärger der bisherigen Zeit in die kommende? Die Frage gibt bereits eine recht gute Orientierung im Diskurs der Utopie: Wie viel gewonnen wäre mit einer Tobin-Tax, wie viel glücklicher lebten wir mit einem bedingungslosen, aber monetären, vom Staat gewährten Grundeinkommen? Welche Probleme wären wir los, wenn sich Menschen aller Geschlechter und Herkünfte gleichmäßig auf Vorgesetzte und Untergebene verteilten, wenn alle Staaten gleich mächtig wären? Und welche Probleme nicht?

Diese Bestimmung reicht aber noch nicht aus. Erstens muss die Utopie nicht nur darauf achten, nicht die »ganze alte Scheiße« (Marx/Engels) zu reproduzieren, sie muss auch dafür sorgen, nicht ganz neue Scheiße zu produzieren. Was nützt es, den autoritären Kapitalismus abzusetzen, ihn aber durch einen autoritären Staatssozialismus zu ersetzen? Zweitens ist der Ausgangspunkt des Unglücks zu sehr im Negativen verhaftet. Die utopische Fantasie ist nicht mechanisch darauf reduziert, das Gegenteil der Gegenwart zu konstruieren oder schlicht alles Schlechte von dieser zu subtrahieren. Die Frage der Utopie lautet nicht nur: Wie wollen wir nicht leben, sondern vor allem auch: Wie wollen wir leben? Was würden wir machen, wären wir frei?

Die Frage der Utopie zu stellen, heißt, nicht länger für den Erhalt des Status quo zu kämpfen.

Aber lassen sich diese Fragen überhaupt beantworten? Kann eine andere Zukunft gedacht, kann sie vorgestellt werden, wenn dieses Ausdenken und Vorstellen doch immer in der Gegenwart stattfindet? Handelt es sich bei utopischen Produktionen nicht notwendig um Projektionen? Verlängern die beschädigten Subjekte von heute in ihren Träumen nicht bloß die Beschädigungen ins Morgen? Bedeutet, das anvisierte Ziel zu beschreiben, nicht in Wahrheit, dieses Ziel vorzuschreiben?

Diese Sorgen offenbaren eine Selbstüberschätzung von Theoretikerinnen. Als bräuchten sie nur einen Plan zu entwerfen, um die Massen zu zwingen, ihn umzusetzen. Als könnten sie nicht lediglich Vorschläge für die Zukunft unterbreiten, die, falls sie zu überzeugen vermögen und das Glück des Zufalls auf ihrer Seite haben, vielleicht angenommen werden. Die oft beschworene Gefahr einer Diktatur der utopischen Fantasie über die zukünftige Wirklichkeit ist begrenzt. Tatsächlich hilft ein breiter Diskurs über erwünschte Ziele und erfolgversprechende Wege dabei, Autorität abzubauen. Zum einen, weil er es ermöglicht, einen Entwurf von mehreren Seiten zu prüfen, zum anderen, weil er einen Maßstab bereitstellt, an dem sich die folgende Praxis messen lassen muss.

Die Angst, das utopische Auspinseln führe automatisch in den Autoritarismus, verfehlt bereits die historische Wirklichkeit – schließlich waren es die Erben des wissenschaftlichen, das heißt anti-utopischen Sozialismus, die den autoritären Sozialismus zu verantworten haben. Und gerade die misslungenen Versuche, eine sozialistische Welt zu realisieren, werden im Nachhinein zum stärksten Argument gegen das Bilderverbot. Nach einem Jahrhundert Staatssozialismus kann sich die Linke schlechterdings nicht mehr darauf herausreden, von der anvisierten Welt ließen sich aus Prinzip keine Bilder anfertigen. Vielmehr steht sie vor der Aufgabe anzugeben, wie sich ihre Bilder der Zukunft von den bekannten Bildern der Vergangenheit unterscheiden. Wie sich verhindert lässt, dass sich ihr Traum ein weiteres Mal in einen Albtraum verwandelt. Wer immer eine radikale Kritik am Bestehenden formuliert, muss sich diesem Einwand stellen. Wer wirklich für eine andere Welt, für eine wirklich andere Welt kämpft, wird mit den Toten des Stalinismus konfrontiert werden.

Das Erbe des Stalinismus

Und zwar zu Recht. Der Stalinismus bildet objektiv ein Erbe aller Bewegungen, die heute gegen Ungleichheit, Unterdrückung und kapitalistische Konkurrenz kämpfen. Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ist das Misstrauen gegen »utopische Experimente« berechtigt. Und es hält an. Die Mehrheit der Menschen ist nicht gegen eine gleichere, freiere und solidarischere Welt – nennen wir sie Kommunismus –, weil sie die Idee schlecht finden, sondern weil sie sie für unrealisierbar halten. Und sie sind nicht für die Aufrechterhaltung der herrschenden Welt – nennen wir sie Kapitalismus –, weil sie die so gut finden, sondern weil sie sie für alternativlos halten.

Wenn das stimmt (und Umfragen zeigen es immer wieder), dann ist Kritik an Ausbeutung und Entfremdung, Zerstörung und Einsperrung zwar notwendig, aber in ihren Wirkungen begrenzt. Darin liegt der wahre Kern des bekannten Mantras, die Linke solle doch nicht immer nur nörgeln und kritisieren, sondern auch mal – konstruktive – Vorschläge machen. Das ist, mit anderen Worten, die Frage der Utopie. Sie lässt sich nach vier Dimensionen hin aufschlüsseln: Vorstellbarkeit – ist eine andere Welt, die von den Schädigungen der gegenwärtigen Welt geheilt wäre, überhaupt denkbar? Machbarkeit – kann diese Gesellschaft tatsächlich funktionieren oder müsste sie an inneren Widersprüchen oder äußeren Bedingungen scheitern? Erreichbarkeit – gibt es einen Weg, der zu dem angestrebten Ziel führt, durch Reform oder Subversion, durch Evolution oder Revolution? Und schließlich Wünschbarkeit – ist diese Welt für die heutigen Menschen überhaupt begehrenswert? Gerade die letzte Frage wurde lange vernachlässigt. Dabei beinhaltet sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Nicht die Gefahr, dass die utopische Welt mit den Mängeln der bestehenden Welt behaftet bleibt, sondern umgekehrt, dass sie von diesen Mängeln zu gründlich gesäubert wird. So gründlich nämlich, dass die mit den Mängeln der Gegenwart behafteten Menschen in ihr keinen Platz mehr finden.

Die Fragen der Vielen

Wenn die harmonische Einrichtung der neuen Welt auch Neue Menschen erfordert – frei von Habsucht und Neid, kooperativ und rücksichtsvoll, sanftmütig und altruistisch –, was passiert dann eigentlich mit den alten Menschen? Tatsächlich haben verschiedene Theoretikerinnen – Marx ähnlich wie Bakunin oder Lenin – den Schluss gezogen, dass die erste Generation der Revolutionärinnen zwar die alten Verhältnisse stürzen, nicht aber die neuen aufbauen kann. Erst die nächste, schon nach der Revolution geborene Generation wird die Arbeit vollenden und den Kommunismus erreichen. Die Revolutionärinnen mit Kapitalismushintergrund hingegen müssen vor den Außengrenzen der neuen Welt stranden, ohne je wirklich Zutritt zu erhalten. Diese Konzeption der Zukunft wirkt seltsam bekannt. Eine weitere kritische Frage, die sich die Utopie stellen lassen muss, lautet deshalb, ob sie eine ideale Welt für ideale Menschen schaffen will oder eine, die auch den versehrten und verkorksten Menschen (also uns) ein Zuhause bietet.

Und welchen von ihnen? Denn es gibt viele, und nicht alle haben dieselben Sorgen und Wünsche. Eine der entscheidenden Anforderungen an einen emanzipatorischen Entwurf von Zukunft ist, dass er ein gemeinsamer, ein geteilter Entwurf sein muss. Wenn er Antworten geben soll auf die drängenden Fragen der Gegenwart, dann kann es sich dabei nicht um die Fragen von Einigen, sondern um die Fragen der Vielen handeln. Doch woran lassen sich die Vielen erkennen? Die aktuellen Repräsentationsdiskurse beantworten diese Fragen vor allem entlang den Achsen Geschlecht und »Race«, Sexualität und Alter, vielleicht auch Klasse. Für den Diskurs der Utopie lässt es sich noch anders formulieren: Welcher Anteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nimmt daran teil? Wie viele Pflegekräfte oder Mechanisatorinnen, wie viele Agrochemiker und Abdichterinnen, Bäckerinnen oder Landwirte? Wer von denen, die Utopien entwerfen, kann eine Solarzelle installieren oder eine Drainage legen, wer weiß, wie ein Halbleiter aufgebaut ist, wer kann ein Abwassersystem warten?

Leipziger Utopiekongress


»Zukunft für Alle – ökologisch, gerecht, machbar« lautete der Titel eines Kongresses, der Ende August in Leipzig (und online) stattfand. Die Idee hinter der sechstägigen Veranstaltung war, über Utopien (wieder) nachzudenken – bewegungsübergreifend und international. In über 300 Workshops, teils parallelen Livestreams in unterschiedlichen Sprachen wurde über konkrete Utopien und vor allem die Frage des Wegs dahin, die Frage der Transformation diskutiert. Die Ausgangsfragen waren: Wie wollen wir 2048 leben? Wie grenzenlos kann die Welt dann sein, wie solidarisch können wir wirtschaften und welche Fähigkeiten werden benötigt? Bini Adamczak hielt online einen der Eröffnungsvorträge, den ak überarbeitet hier zur Verfügung stellt. Die Philosophin fragt, wie der Weg vom Widerstand zur Utopie gelingen kann. Simon Sutterlütti beteiligte sich an mehreren Diskussionen. Seine Kritik auch gegenüber Mitdiskutierenden: Wir analysieren radikal, aber die Konzepte, die wir dann als Alternativen umsetzen wollen, sind meist reformistisch. Seine Gedanken zum Verhältnis von Reform, Revolution und Konstruktion dokumentieren wir ebenfalls.

Der Kampf für eine andere Welt erfordert ein anderes Modell von Superheldinnen. Vielköpfige Hyperheldinnen, die nicht gegen Mietsteigerung kämpfen, sondern für Mietsenkung, nicht nur gegen die Zwangsräumungen bestehender Projekte, sondern auch für die massenhafte Besetzung neuer Projekte. Polylokale Postheldinnen, die nicht nur gegen die Verschlechterung des Klimas kämpfen, sondern mehr noch für ein besseres Klima, nicht nur gegen Nazis, sondern auch gegen die Bedingungen, denen diese entstammen. Polysoziale Postheldinnen, die nicht gegen die Schließung von Betrieben streiken, sondern für deren Übernahme durch die Belegschaften, nicht gegen die Entlassung von Arbeiterinnen, sondern für die Entlassung der Chefetagen, des Kapitals. Kollektive Antiheldinnen also, die sich nicht für die Diversifizierung des staatlichen Geschlechtseintrags einsetzen, sondern für dessen Streichung, die nicht für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf streiten, sondern für die Aufhebung von Hausarbeit und Lohnarbeit, solche, die nicht für die Ausdehnung der Ehe kämpfen, sondern für deren Abschaffung. Die Frage der Utopie zu stellen, heißt, nicht länger für den Erhalt des Status quo zu kämpfen. Wer die Welt retten will, braucht einen teuflischen Plan zu ihrer radikalen Veränderung.

Bini Adamczak

ist Autorin mehrerer Bücher zu Kommunismus und seiner stalinistischen Verformung. Zuletzt erschienen von ihr »Beziehungsweise – Revolution. 1917, 1968 und kommende« im Suhrkamp Verlag und »Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman« bei edition assemblage.