analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 730 | International

Hammer, Sichel, Regenbogen und Gewehr

Sie wollen Sicherheit jenseits des Staatsapparates und bewaffnen sich deshalb, sagen Seth und Erica von den Armed Queers aus den USA

Interview: Mine Pleasure Bouvar

Illustration von zwei bewaffneten Menschen mit Gewehren und Ohrschützern. Die vordere Person schießt mit dem Gewehr.
Illustration: Maik Banks

Während linke Pride-Demos von der Polizei angegriffen werden, fordern bürgerliche Queer-Verbände seit dem Angriff auf den Berliner CSD eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei. Angesichts zunehmender Angriffe von Rechten auf Queers, sprach ak mit Seth und Erica von Armed Queers Salt Lake City, einer revolutionär-sozialistischen Organisation in Utah, über alternative Sicherheitskonzepte.

Seit Charlie Kirk was/were-Pronomen benutzt, haben sich Repressionen massiv verstärkt, unter anderem mit Hilfe des Narrativs von »gefährlichen Antifa-trans-Terroristen« – mit Auswirkungen wie dem Debanking der Roten Hilfe in Deutschland. Wie hat sich die Situation für Queers in den USA seitdem entwickelt?

Seth: Neben BIPoC waren trans Leute unter den ersten Sündenböcken. Als Kirk starb, lieferte das einfach einen weiteren Vorwand dafür. Die Regierung sucht nach Möglichkeiten, die Arbeiter*innenklasse zu spalten, um daraus Nutzen zu schlagen. Ziel ist es, missliebige Stimmen als »Antifa« zu brandmarken, die Linke zu dämonisieren, um legal gegen uns vorzugehen. Das passiert bereits – erst kürzlich wurden einige Anti-ICE-Demonstrant*innen zu 100 Jahren Haft verurteilt.

Erica: Ich bin mir sicher, in Deutschland passiert Ähnliches: Doxxing, Entlassungen, digitale Übergriffe – nicht nur gegen Queers und Linke. Aber wir erleben auch viel Solidarität unter denen, die die Auswirkungen dieses reaktionären Moments erkennen. Nicht nur Linksradikale erkennen, was gerade passiert. Es wird viel über digitale Sicherheit gesprochen – wie lassen sich die Auswirkungen von Doxxing und Übergriffen minimieren, um sich und die eigene Community zu schützen?

Seth: Das hängt auch mit der wachsenden Zahl von Rechenzentren in Utah zusammen. In den USA entsteht gerade ein Bündnis aus Umweltbewegung, Liberalen, Queers und Linken gegen Rechenzentren und Massenüberwachung.

Erica: Salt Lake City ist zu einem Brennpunkt zahlreicher Kämpfe innerhalb einer eher kleinen Stadt geworden: Rechenzentren, ICE, Antirassismus, Queer-Aktivismus und mehr. Zu Letzterem: Der queerfeindliche Mormonismus in Utah treibt LGBTQIA+ nach Salt Lake City und schafft unfreiwillig eine starke queere Bewegung hier. Es gibt viel Solidarität zwischen verschiedenen Organisationen, darunter einige Latina-Organisationen mit Anti-ICE-Fokus.

Seth: Im nationalen Maßstab, bezüglich der von ICE vorgenommenen Verhaftungen, ist Utah an neunter Stelle. Die Behörde ist jedoch nicht so auffällig wie in Minnesota und stößt daher auf weniger Widerstand. Die Ausnahme war, als sie ein Lagerhaus kauften, um es als Internierungslager zu nutzen. Aufgrund der folgenden massiven Empörung musste ICE diese Pläne fallen lassen.

Armed Queers Salt Lake City

besteht aus Queers und trans Personen in Utah, die marxistisch-leninistische Prinzipien in Praxis, Agitation und Organisation umsetzen.

Inwiefern hängen die kapitalistische Krise und imperialistische Kriege mit der Zunahme geschlechtsspezifischer, zum Beispiel transmisogyner Gewalt zusammen?

Seth: Krisen machen rassistische und transmisogyne Sündenböcke als einfache Erklärungsmuster attraktiv. Darüber hinaus sind unsere Kriege geschlechts- und altersübergreifende, allzerstörerische Ereignisse. Ein Beispiel ist der Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt rund um US-Stützpunkte, besonders im Ausland. Im Einsatz von US-Soldat*innen eingepreist sind Konsequenzen für die umgebende Bevölkerung, im Rahmen der »Freizeitunterhaltung«. 2014 wurde beispielsweise Jennifer Laude, eine trans Filipina, von einem Marine ermordet, ohne nennenswerte rechtliche Folgen. Selbst Verbündete der USA müssen Opfer bringen. Damit meine ich allen voran die Arbeiter*innen der jeweiligen Nationen.

Erica: Als Queers im Herzen der Bestie erleben wir das andere Ende desselben Machtapparats. ICE stützt sich auf Unterdrückungstaktiken, die im Ausland trainiert werden. Die Massenüberwachung wurde seit 9/11 perfektioniert.

Seth: Militär, Außenpolitik und unsere Polizei sind alle daran beteiligt. In den USA gibt es viele rechtsradikale Milizen, und das Militär rekrutiert deren Mitglieder bereitwillig, bildet sie aus, damit sie Gewalt zu seinen Bedingungen ausüben, und schickt sie anschließend wieder nach Hause. Ebenso die Polizei. Wäre unsere Polizei eine Armee, sie wäre global die viertgrößte. Wir haben eine Menge Pipelines für Leute, die unserem Imperialismus im Ausland dienen und ihn dann nach Hause zurückholen. Queere Bewegungen waren dagegen schon immer Teil des Antikriegslagers. Natürlich sind Queers kein Monolith, aber die große queere Beteiligung in der Palästina-Soli-Bewegung ist eines der effektivsten Mittel gegen das Propagandanarrativ vom »queerfeindlichen Araber«. Es waren Queers, die das und damit unsere Innenpolitik als Lüge entlarvten. Vor 25 Jahren hätten wir Iran nuklear bombardiert, und die US-Bevölkerung wäre so tief im Propagandaloch gewesen, sie hätte applaudiert. Die Regierung hat sich immer auf die Innenpolitik verlassen, um ihre Außenpolitik zu verschleiern. Das funktioniert heute quasi nicht mehr.

Als Queers im Herzen der Bestie erleben wir das andere Ende desselben Machtapparats.

Erica

Nach dem Anschlag auf den CSD Berlin forderten bürgerliche LGBTQIA+-Verbände und liberale Queerpolitiker*innen eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei. Wie sieht die Situation in den USA aus in Sachen Kooperation zwischen NGOs und Staatsapparat, aber auch bezogen darauf, dass sich immer mehr Democrats transfeindlicher Rhetorik bedienen?

Erica: Queerpolitik in Utah heißt vor allem Kooperation von NGOs und politischen Repräsentant*innen. Außerdem haben wir besonders im Zusammenhang mit dem Genozid in Gaza in den letzten Jahren mehr Stände von Rüstungsunternehmen wie Northrop Grumman auf der Utah Pride beobachtet.

Seth: Utah beheimatet den fünftgrößten Luftwaffenstützpunkt, einen Army-Stützpunkt und ein Testgelände. Das Militär hat einen enormen wirtschaftlichen Einfluss hier. Ich war hier auf dem College im Tech Bereich – jede Jobanzeige war vom Airforce-Stützpunkt.

Erica: Wir stellen uns entschieden gegen die Verstrickung von NGOs und Rüstungsindustrie. Gegen die Utah Pride organisieren wir deshalb eine Alternative namens Salt Lake Pride. Immer mehr Queers erkennen das langsam und radikalisieren sich – geht es bei Pride wirklich darum, einen Regenbogen-Jutebeutel des lokalen Militärdienstleisters zu bekommen? Was bewirkt Utah Pride, wenn die Bedingungen für Queers gleichbleibend beschissen sind, wenn es Arbeiter*innen dreckig geht, Mieter*innen rechtlos bleiben und so weiter?

Seth: Unsere Anti-trans-Landesgesetze sind mittlerweile echt übel. Wir haben Sportbetätigungsverbote, eingeschränkte Transitionsversorgung, und Lehrpersonal ist verpflichtet, Kinder zu outen, die wünschen, mit anderem Namen angesprochen zu werden. Wenn also Organisationen auf politischen Dialog »mit allen Lagern« setzen und im Sinne des kleineren Übels auch transfeindliche Politiker*innen unterstützen, diskreditiert sie das. Zusätzlich gibt es viele Unternehmen, die von queerer Arbeits- und Kaufkraft profitieren, die ebenfalls den Weg des geringsten Widerstands gehen. Pride war schon immer nur Kulisse, um steuerlich absetzbares Geld in Marketing zu stecken, das fallen gelassen werden kann, wenn es unbequem wird.

Erica: Wenn Unternehmensspenden ausbleiben, schrauben NGOs ihre Aktivitäten runter, um nicht ins Visier zu geraten und ihre Gemeinnützigkeit nicht zu verlieren. Einige werden auch von der Bildfläche verschwinden.

Quelle: Armed Queers Salt Lake City

Das hinterlässt eine Lücke, die ihr füllen könnt. Lasst uns über eure Organisation sprechen. Was macht ihr und wie lange gibt es euch?

Seth: Wir haben 2020 angefangen. Als queere Marxist*innen ist uns wichtig, uns in verschiedenen Kämpfen zu engagieren, da sie alle miteinander verbunden sind. Wir machen Demos, Bildungsangebote, arbeiten mit Gewerkschaften, helfen bei Streikposten und machen Trainings auf dem Schießstand. Außerdem wollen wir mehr sein als nur Aktivist*innen, indem wir als Organizer*innen tätig werden. Jüngst haben wir deshalb mit Mieter*innen-Organisierung begonnen.

Erica: Wir wurden von trans Frauen of Color gegründet, deren Erfahrungen mit rassifizierter Transmisogynie und Imperialismus ein Verständnis von Internationalismus zu einem Kernelement von AQ machen. Das unterscheidet uns auch von anderen lokalen Gruppen.

Ein anderes Kernelement, selbstorganisierte Sicherheit, tragt ihr im Namen. Wie arbeitet ihr dazu?

Seth: Unser Name kommt vom Sprichwort »armed queers don’t get bashed.« (»Bewaffnete Queers bekommen nicht auf’s Maul«, Red.) Wir propagieren nicht einfach, 24/7 bewaffnet und paranoid unterwegs zu sein. Aber ja, mit Waffen umgehen lernen ist Teil dessen, was wir tun. Es geht uns aber mehr um Deeskalation. Wir haben es meist mit einzelnen Störer*innen zu tun, die auf Eskalation und Provokation setzen, weniger mit direkter staatlicher Gewalt. Wir stellen eine störungsfreie Demoteilnahme sicher, sodass Leute ihren Forderungen Gehör verschaffen können, ohne von Schwurbler*innen unterbrochen zu werden. Dafür trainieren wir Erste Hilfe und Deeskalation und vor allem treten wir nur in Kontexten auf, in denen wir explizit erwünscht sind.

Unser Name kommt vom Sprichwort »Bewaffnete Queers bekommen nicht auf’s Maul«.

Seth

Erica: Das ist, was die meisten Leute von uns mitbekommen, aber wir bewaffnen uns auch mit Wissen. Wir legen Wert darauf, uns als effektive politische Organisator*innen auszubilden, die die Welt aus marxistisch-leninistischer Perspektive analysieren. Wir lesen marxistische Klassiker, bilden uns zu Organizing fort, befassen uns mit Befreiungstheologie und so weiter. Der Kampf findet nicht nur auf der Straße statt, sondern auch am Esstisch und er zeigt sich in der Fähigkeit, korrekte Positionen auch im Alltag zu vertreten und zugänglich zu machen. Wir arbeiten vielschichtig – Deeskalation, Schießausbildung, öffentliche und interne politische Bildung.

Sollte es AQ gelingen, eine Partei der standhaftesten trans Leninist*innen zu organisieren, sind Queers im Vergleich zur Gesamtbevölkerung trotzdem nicht gerade die Massen. Im Sinne proletarischer Klassenmacht: Wie verbreitert ihr eure Kämpfe?

Erica: Die kubanische Revolution stellte populäre Bedürfnisse nach Alphabetisierung und Bildung voran, noch vor ideologischer und politischer Aufklärung. Das ist unser Vorbild, zum Beispiel bei der Mieter*innen-Organisierung. Wir bringen Menschen zusammen, um ihre aktuellen Bedingungen zu verbessern, kämpfen mit anderen Organisationen gegen ICE oder unterstützen Gewerkschaften. Als Basis für Vertrauen und langfristige Zusammenarbeit müssen wir uns als Marxist*innen fragen, mit wem wir zusammenarbeiten und wie wir von ihnen etwas über ihre Lebensumstände lernen können, um uns adäquat darauf einzustellen und gemeinsam kollektive Strategien zu erarbeiten. Unser Ziel ist das Zusammenwachsen mit größeren proletarischen Bewegungen auf Grundlage gemeinsamer Praxis.

Seth: Eines der besten Mittel dagegen, dass verschiedene Communities gegeneinander aufgehetzt werden, ist, konkret mit Menschen zusammenzuarbeiten. Propaganda lässt sich durch kollektive Zusammenarbeit entkräften. Wenn Queers sich an anderen Kämpfen beteiligen, bewirkt das mehr als ein Buch zu schreiben, in dem steht »trans Menschen sind Menschen« und das auszudiskutieren. Ein Buch, das du nicht gelesen hast, wird dich nicht überzeugen, aber die Zusammenarbeit mit einer*m proletarischen, queeren Kommunist*in, die*der an deiner Seite steht, wirkt Wunder für einen Perspektivwechsel und Entstigmatisierung.

Mine Pleasure Bouvar

ist prekär freischaffende politische Bildner*in. Sie* schreibt, denkt, workshopt und konspiriert für die transsexuelle Befreiung und den queeren Kommunismus.

Wir brauchen 1.000 neue Abos!

Unabhängige linke Medien sind so wichtig wie selten zuvor! Hilf mit deinem Abo und deiner Spende, dass wir weitermachen und noch besser streiten können. Wieso, weshalb, warum wir glauben, dass die Linke besser streiten kann, erfährst du hier.