Von Guayaquil bis Hamburg
Drogenlieferketten ähneln in der Struktur legalen Lieferketten – nur sind sie noch gewalttätiger
Von Fabian Grieger
Bananen und Kokain haben mehr miteinander zu tun, als nur in der gleichen Kiste verschickt zu werden. Global betrachtet weisen die Lieferketten des legalen und des illegalen Produkts diverse Parallelen auf. Zum Beispiel: Während der Kokabauer in Kolumbien am Anfang der Lieferkette für die Blattmenge, aus der sich ein Gramm Kokain gewinnen lässt, etwa 70 Cent erhält, wird das Gramm Kokain in Berliner Clubs für Preise zwischen 60 und 80 Euro verkauft. Bei Bananen ist das Verhältnis zwischen Kleinbäuer*innen und Supermarkt ähnlich ungleich.
Auch bei der Verteilung von Umweltschäden oder Überausbeutung von Arbeit folgen Kokain und Banane derselben neokolonialen extraktivistischen Handelsstruktur: Gewalttätige Teile der Wertschöpfungskette liegen im Globalen Süden; Hauptgewinne und Konsum vor allem im Globalen Norden. Sowohl in Anbau- als auch in Konsumländern spiegelt sich eine rassistische Struktur in der ökonomischen wider: Beispielsweise sind von der Gewalt der Drogenkartelle in Ecuador und Kolumbien überproportional indigene und afrokolumbianische Gemeinden betroffen. Auch im Bananenanbau haben diese die schlechtesten Arbeitsbedingungen und erfahren die meiste Gewalt.
Beides hängt auch insofern zusammen, als marginalisierte, durch einen legalen Extraktivismus verarmte oder vertriebene Bevölkerungsgruppen mangels Alternativen oft als Arbeitskräfte in illegalen Ökonomien dienen oder zwangsrekrutiert werden. Teure Maschinen und Technik – im Fall des Kokainhandels beispielsweise die Waffen – werden hingegen ebenso wie Verarbeitungschemikalien in Industrieländern produziert und teuer in Länder wie Kolumbien oder Mexiko importiert.
Waffen kaufen, Söldner rekrutieren
Nun besteht der große Unterschied zwischen legaler und illegaler Ökonomie in der Anwendung von physischer Gewalt. Während diese in der legalen Ökonomie beim Staat monopolisiert ist, konkurrieren innerhalb der illegalen Ökonomie mehrere bewaffnete Akteure und versuchen so, Eigentum zu sichern, Regeln durchzusetzen und zu sanktionieren – also klassische staatliche Aufgaben. Allerdings ist der Einsatz von Gewalt auch teuer: Waffen müssen gekauft, Söldner rekrutiert und bezahlt werden. Und mögliche staatliche Repression in der Folge erhöht ebenfalls die Kosten. Wo Gruppen der organisierten Kriminalität ihre Geschäfte auch ohne physische Gewalt machen können, verzichten sie eher darauf: ökonomisch-rationales Handeln.
Gewalt tritt in globalen Drogenlieferketten vor allem dort auf, wo territoriale Kontrolle notwendig ist. Das gilt zum Beispiel für Anbauflächen von Koka, der Andenpflanze, die nur in speziellen klimatischen Regionen wächst. Auch Labore und Häfen zur Weiterverarbeitung können Fixpunkte von Produktion und Export sein, für deren Kontrolle die Beherrschung einer bestimmten Region notwendig ist. Gleiches gilt für Engpässe auf globalen Routen. So sind die Häfen von Guayaquil in Ecuador oder Buenaventura in Kolumbien strategisch wichtig für den Kokainhandel, weil sie deutlich näher an den Anbaugebieten von Koka liegen als andere regionale Containerhäfen von globaler Bedeutung. Beide Orte sind Hotspots von Bandengewalt. Konsummärkte hingegen sind wesentlich flexibler und weisen eine Vielzahl möglicher Routen auf (in Europa mehr als 300 Häfen, über die Waren abgewickelt werden) – und damit in der Regel auch weniger Gewalt.
Für regionale Verschiebungen wie die starke Zunahme von Gewalt durch Organisierte Kriminalität in Ecuador spielen weitere Faktoren eine Rolle: die Neuorganisierung von illegalen bewaffneten Gruppen im Nachbarland Kolumbien nach der Entwaffnung der Guerilla-Gruppe FARC sowie deren Expansion nach Ecuador, die dollarisierte Wirtschaft in Ecuador, die Geldwäsche erleichtert, oder Stellvertreterkonflikte von mächtigen internationalen Kartellen aus Mexiko oder Albanien auf ecuadorianischem Territorium.
Pullfaktor EU
Für die entscheidenden Veränderungen auf dem globalen Drogenmarkt sorgt aber die Nachfrage. Die EU ist der am stärksten wachsende Kokainmarkt der Welt und schließt zu den USA auf, was auch so manchen Rekordfund im Hamburger Hafen erklärt.
Die EU ist der am stärksten wachsende Kokainmarkt der Welt.
Aktuell konkurriert eine Vielzahl von kriminellen Gruppen um Anteile auf diesem lukrativen, expandierenden europäischen Markt, was in erster Linie über den Preis geschieht und zu fallenden oder zumindest stagnierenden Kokainpreisen führt. Verstärkt wird dieser Prozess durch technische Weiterentwicklungen im Kokaanbau, die höhere Erträge ermöglichen. Außerdem kann reineres Kokain stärker gestreckt werden, was ebenfalls die Gesamtmenge der verfügbaren Drogen erhöht. Dazu kommen zerfallende Monopole und stärkere Konkurrenz in wichtigen Anbau- und Produzentenländern, wodurch die Preise weiter gedrückt werden. Längst ist Koks in Europa keine exklusive Reichen-Droge mehr: Deutlich günstiger geworden, kann sich diese auch die Mittelschicht leisten, was wiederum die Nachfrage nach billigem Koks anheizt. Auf der Produzent*innenenseite sorgen höhere Umsätze wiederum für frisches Kapital für weitere Investitionen, wie Bestechungsgelder.
Das Verhältnis zwischen Staat und illegalen Akteuren ist komplex, widersprüchlich und je nach Staat unterschiedlich ausgeprägt. Die hegemoniale Darstellung des Staates als Gegenspieler von illegalen Gruppen, die entweder die »Abwesenheit des Staates« ausnutzen oder diesen ersetzen, ist zu kurz gegriffen. Korruption unterhöhlt dieses Verhältnis, teilweise agieren Staaten und illegale Gruppen gemeinsam statt gegeneinander, oder der Drogenhandel wird zu einem staatlichen Projekt, um wegfallende Einnahmen durch internationale Sanktionen auszugleichen.
In jedem Fall hat staatliches Handeln massive Auswirkungen auf illegale Märkte – genauso wie staatliches Nicht-Handeln. Wie verstärkte Kontrollen die Drogenrouten beeinflussen, zeigt sich am Beispiel Hamburger Hafen. Nach dem jahrelangen Anstieg der festgestellten Kokainmenge brach diese zuletzt um 50 Prozent ein, ähnlich wie in den anderen großen Containerhäfen Antwerpen oder Rotterdam. Vorausgegangen waren stärkere Kontrollen durch Polizei und Zoll.
An der importierten Menge Kokain ändert das aber nichts. Wie Statistiken aus den Produzentenländern über Exporte oder Abwasseruntersuchungen in Deutschland zeigen, ist der Konsum nicht gesunken. Stattdessen weichen die Kartelle auf kleinere Häfen aus. Parallel zum Rückgang in Hamburg gab es einige große Kokainfunde im Weserhafen Brake. Oder das Kokain wird in der Nordsee abgeworfen, bevor die Frachter in die Häfen gelangen, und dann von kleineren Booten aufgesammelt und verteilt. Geschmuggelt wird dort, wo es den geringsten Widerstand gibt. Kontrollen verändern nur die Routen, der sogenannte Wasserbett-Effekt: Drückt man an einer Stelle, kommt das Wasser an anderer wieder raus.
Geldwäscheparadies Deutschland
Staatliches »Wegsehen« zeigt Deutschland besonders bei der ausbleibenden Kontrolle von Finanzströmen. Die Deregulierung und Intransparenz der Finanzmärkte sowie von unternehmerischen Eigentumsverhältnissen macht Deutschland zum Geldwäscheparadies, in dem die großen Player auf dem Drogenmarkt eigene Niederlassungen haben.
Deutlich mehr Eifer zeigen europäische Staaten, ebenso wie die USA, bei der Bekämpfung des Anfangs der Lieferkette. Ob Bombardierung von kleinen Booten in der Karibik, Vergiftung von Kokapflanzen und Kokabäuer*innen mit Glyphosat-Besprühungen aus der Luft oder Aufrüstung von Polizei und Militär, was wiederum eine Aufrüstungsspirale bei Kartellen in Gang setzt: Der Kampf gegen die Drogen wird am wenigsten dort geführt, wo der Drogenhandel am Leben gehalten wird: in den Konsumländern.
In den letzten Jahren lässt sich allerdings eine Verschiebung der Lieferketten beobachten. Das liegt vor allem an der zunehmenden Bedeutung von synthetischen Drogen wie MDMA oder Crystal Meth, die in Chemielaboren in Europa erzeugt und beispielsweise nach Australien exportiert werden. Die Lieferkette ist weniger standortgebunden und flexibler. Ebenso agiert – statt der großen Monopole – zunehmend eine Vielzahl von kriminellen Organisationen auf dem Weltmarkt. Mexikanische Kartelle, italienische Mafia, irische oder niederländische Organisationen, Kartelle vom Westbalkan, deutsche Rocker und Co formen dabei eher ein Netzwerk als eine hierarchische Struktur.
Die Funktion im globalen Kapitalismus ließe sich als Verlängerung legaler Akkumulation in der Illegalität beschreiben: Dort, wo staatliche Regeln, zum Beispiel durch Umweltvorschriften, Arbeitsschutzgesetze oder Prohibition, der Akkumulation des Kapitals Grenzen setzen, überschreitet diese die Grenze zur Organisierten Kriminalität. Immer wichtiger werden Umweltverbrechen wie der illegale Goldabbau im Amazonasgebiet.
Anti-Drogen-Diskurse greifen zu kurz
Das Gewaltpotenzial machen sich auch scheinbar legal agierende Akteure zunutze, wie bei der Ermordung von Gewerkschafter*innen im kolumbianischen oder ecuadorianischen Bananensektor oder dem Steinkohlebergbau, beauftragt von Großkonzernen wie Chiquita oder Drummond, durchgeführt von Drogenbanden – eine äußerst brutale Form des Kapitalismus. In Ecuador gilt es als offenes Geheimnis, dass der Präsident Daniel Noboa, der zugleich Bananenunternehmer und reichster Mann des Landes ist, Verbindungen zu Drogenbanden unterhält.
Aus der Debatte um Organisierte Kriminalität ließen sich diverse linke Perspektiven entlang der gesamten Lieferkette ableiten, die über die Forderung nach Legalisierung hinausgehen, vom Aufbau selbstorganisierter Communities gegen die Gewalt, wie in Cheran in Mexiko oder im Cauca in Kolumbien, über die Forderung nach mehr Transparenz im globalen Finanzsystem, was auch eine Besteuerung erleichtern würde, bis hin zur Transparenz von Unternehmensstrukturen allgemein, was nicht zuletzt das undurchsichtige Subunternehmensgeflecht im Hamburger Hafen beträfe.
Zentral ist auch die Forderung nach höheren Löhnen, die Resilienz gegen die Infiltration durch kriminelle Strukturen schaffen können. Kolumbiens linker Präsident Gustavo Petro erhöhte auch deshalb die Gehälter von Soldaten. Und schließlich verweisen auch Bewegungen auf den globalen Märkten darauf, dass sich über Lohnerhöhungen schnelle Veränderungen bewirken ließen: Als der globale Kakaopreis explodierte, stiegen in Kolumbien viele Kleinbäuer*innen von Koka auf Kakao um, weil der eher ihren Lebensunterhalt sicherte. Anders ausgedrückt: Nur das Zusammendenken von legalen und illegalen Lieferketten eröffnet emanzipatorische Perspektiven abseits der hegemonialen Anti-Drogen-Diskurse.