Schmierstoff des modernen Kapitalismus
Der Zugriff auf Erdöl hat Wale gerettet, Industriegiganten geschaffen und Kriege entschieden
Von Michael Reckordt
Wohl kein anderer Rohstoff ist so stark mit dem Kapitalismus, der Fortschrittsgläubigkeit und mit massiver Umweltzerstörung und Ausbeutung verbunden wie Erdöl. Schon die Neandertaler sollen ihn vor 50.000 Jahren zur Schäftung von Werkzeugen benutzt haben, vor 12.000 Jahren wurde mit Bitumen, einem klebrigen Mineralölprodukt, in Mesopotamien Boote abgedichtet. Für das 9. Jahrhundert ist die Verwendung sowohl bei den Native Americans als auch bei islamischen Herrschern im heutigen Aserbaidschan als Heilmittel bzw. zur Wunderversorgung dokumentiert.
Der globale Erfolg des Erdöls hing aber mit einer der ersten kapitalistischen Energiekrisen zusammen. Im 19. Jahrhundert wuchsen Industrie und Städte rasant. Beleuchtung wurde immer wichtiger. Dafür verwendete man anfänglich unter anderem ölhaltigen Waltran. Doch die intensive Bejagung der Meeressäuger ließ sie im Atlantik und Pazifik beinahe aussterben. Waltran wurde knapp. In Nordamerika erfanden daher um 1850 verschiedene Personen Prozesse, um Petroleum bzw. Kerosin aus Erdöl herzustellen.
Welt im Rausch
Titusville in Pennsylvania erlebte den ersten Ölrausch der Geschichte. Nach dem Fund einer Ölquelle im Jahr 1859 wurden innerhalb kürzester Zeit 75 Ölbrunnen gebohrt. 1865 endete der amerikanische Bürgerkrieg, die Industrialisierung nahm Fahrt auf und die Nachfrage nach Öl boomte. Ein junger Kaufmann namens John D. Rockefeller stieg in den Ölhandel ein und sollte bald zum reichsten Mann der Welt werden. 1870 gründete er Standard Oil und erschuf ein Monopol über die Erdölverarbeitung. Später investierte er zudem in Ölförderung und Export, vor allem nach Europa. Etwa gleichzeitig »entdeckten« die Brüder Robert und Ludvig Nobel Erdöl in Baku. Die russische Produktion überstieg alsbald die eigene Nachfrage und durch Tankschiffe und Eisenbahnstrecken entstand ein Wettstreit um den europäischen Absatzmarkt.
Eigentlich hätte die Erfindung der Glühbirne den Siegeszug des Erdöls schnell beenden können, denn sie reduzierte die Brandgefahr im Vergleich zu Petroleumlampen. Doch 1886 erfand Carl Benz das Auto mit Verbrennungsmotor; ein neuer Absatzmarkt für Erdöl entstand. Etwa zur gleichen Zeit sprudelte das Öl aus dem Spindletop-Ölfeld in Texas, aus dessen erster Bohrung mehr Öl floss als in allen zuvor erschlossenen Vorkommen.
Aus europäischer Perspektive sind die Anfänge des Erdöls eng mit der Kolonialgeschichte verknüpft. 1907 entstand im fernen Sumatra, Indonesien, die Royal Dutch Shell Group. Sie förderte im damaligen niederländischen Ostindien Erdöl, das bestens für die Benzinherstellung geeignet war. Ab 1908 wurde durch britische Kolonialisten auch in Persien Öl gefördert, von einem Unternehmen, das später zu BP werden sollte. Der damalige britische Marine-Minister Winston Churchill hatte sich ab 1911 dazu entschlossen, neue Großkampfschiffe mit Öl anzutreiben, um seiner Flotte einen Vorteil gegenüber den kaiserlichen, deutschen Schiffen zu verschaffen.
In den USA wurde die Macht der Ölkartelle derweil so groß, dass ein Gericht im Jahr 1911 Standard Oil in 34 Unternehmen aufteilte. Viele heutige Unternehmen, wie Exxon Mobile, BP, Shell oder Unilever, gehen teilweise auf Unternehmen aus dieser Zerschlagung zurück. John D. Rockefeller wurde dennoch im Jahr 1916 der erste US-Dollar-Milliardär der Neuzeit.
Im Zweiten Weltkrieg scheiterte das Dritte Reich daran, die Ölfelder von Baku zu erreichen.
Im Deutschen Kaiserreich blieb das zunehmend begehrte Erdöl dagegen Mangelware. Ab 1912 versuchte man am Kaiser-Wilhelm-Institut in Mülheim a.d. Ruhr, aus Kohle Schmiermittel herzustellen. Zwei Jahre später, am 28. Juli 1914, begann mit dem Ersten Weltkrieg der erste motorisierte Krieg der Geschichte. Das kohlereiche Deutschland verlor diesen auch deshalb, weil die kaiserlichen Truppen keine Ölquellen in Europa einnehmen oder sichern konnten. Im Jahr 1926 begann die I.G. Farben deshalb mit der Produktion von Treibstoff aus Kohle, doch das »Leunabenzin« genannte Kohlegemisch war deutlich teurer als Erdöl. Auch im Zweiten Weltkrieg scheiterte das Dritte Reich daran, die Ölfelder von Baku zu erreichen. Weder die Stalingrad-Route noch der Weg über Nordafrika waren erfolgreich. Derweil hatten die Briten und Amerikaner ihre Ölversorgung schon vor dem Kriegsausbruch strategisch ausgerichtet, zum Teil auch durch Verstaatlichungen.
Autos, Tupperware, Schallplatten
Schon in den 1920er Jahren hatte sich der globale Ölmarkt stärker diversifiziert. Es wurde Öl im Irak, Venezuela und Mexiko gefunden, in den 1930er Jahren folgten Bahrain, Saudi-Arabien und Kuwait. Der Hauptmarkt blieben die USA. Wurde 1920 Benzin dort noch in normalen Geschäften verkauft, gab es Ende des Jahrzehnts schon 140.000 Tankstellen in den USA, häufig betrieben von den Ölgesellschaften selbst.
Erdöl erlebte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Boom, vor allem weil sich das Verbrennerauto endgültig durchsetzte. 1950 waren schon 40 Millionen Autos in den USA zugelassen. Aber auch mit Erdöl produziertes Plastik war zunehmend begehrt: 1946 brachte die Firma Tupperware ihre ersten Aufbewahrungsprodukte für die private Nutzung auf den Markt, 1948 wurde die Vinyl-Schallplatte erfunden. Erstmals überstieg der Verbrauch von Erdöl die Eigenproduktion und die USA wurden 1948 zum Netto-Importeur von Öl.
Ab den 1950er Jahren wurde auch die Frage, wem das Öl eigentlich gehört, immer wichtiger. Mexiko hatte 1917 seine Ölvorkommen verstaatlicht, Venezuela wollte ab 1943 mindestens die Hälfte der Einnahmen aus heimischen Ölvorkommen. Auch die Ölstaaten im Nahen Osten wollten so viel verdienen wie die westlichen Ölgesellschaften. Saudi-Arabien, Kuwait und der Irak akzeptierten eine gleichmäßige Aufteilung zwischen Staat und privaten Unternehmen, während im Iran die Ölfelder und -anlagen 1951 verstaatlicht wurden. Es kam zu einer ersten Krise, als Ägypten 1956 den Suezkanal verstaatlichte, durch den immerhin zwei Drittel des europäischen Öls geliefert wurden. Nach dem »Verlust« der Kolonien hatten die Briten nun auch keine Kontrolle mehr über den wichtigsten Transportweg. 1960 gründeten Saudi-Arabien, Kuwait, Irak, Iran und Venezuela die OPEC (Organisation erdölexportierender Länder), um eine Gegenmacht zu den Ölkonzernen zu schaffen.
Mit dem Wirtschaftswunder in Deutschland stieg die Anzahl der Autos, der Ölheizungen und der Plastikprodukte. Im Jahr 1972 wurde der Stapelstuhl erfunden, der wohl weltweit am meisten verbreitete Stuhl aus Plastik. Im selben Jahr veröffentlichte der Club of Rome seinen berühmten Bericht »Die Grenzen des Wachstums« und schätzte, dass in den 2020er Jahren »Peak Oil« erreicht sei, also der Moment, ab dem die globale Ölförderung ihr Maximum erreicht hat und im Anschluss unumkehrbar abfällt.
Allerdings hatte die US-amerikanische Ölproduktion schon 1971 ihren danach nie wieder erlangten Förderhöhepunkt erreicht. Der Preis lag stabil bei etwa drei US-Dollar pro Barrel (159 Liter), zog aber an, als Ägypten und Syrien am 6. Oktober 1973 Israel angriffen und die USA das Land mit Waffen unterstützten. Ein Embargo wurde gegen alle Israel unterstützenden Staaten, darunter die USA und die Niederlande, ausgesprochen und zehn Prozent des Öls vom Markt genommen. Der Preis stieg bis auf zwölf Dollar pro Barrel. In Deutschland gab es autofreie Sonntage und temporäre Tempolimits auf Autobahnen. Es wurde intensiv nach neuen Ölquellen gesucht, unter anderem in der Nordsee wurde man fündig. Frankreich setzte derweil verstärkt auf Atomkraft, während Japan zum Vorreiter der Energieeinsparung wurde.
Die zweite Ölkrise nach der islamischen Revolution im Iran und dem Krieg zwischen dem Irak und dem Iran ließ Ende der 1970er den Preis auf Rekordhöhen von bis zu 40 Dollar pro Barrel schnellen. Doch weitere Effizienzsteigerungen und die Beendigung von Kriegen ließen die Preise bis 1985 wieder auf etwa zehn Dollar pro Barrel sinken.
Mächtig wie selten zuvor
Neue Rekordhöhen waren weiterhin mit Konflikten und Krisen verbunden, wie dem Kuwait-Krieg oder der Asienkrise in den 1990er Jahren. Doch seit den islamistischen Anschlägen unter anderem auf das World Trade Center am 11. September 2001 stieg der Ölpreis deutlich, 2004 erstmals auf über 50 Dollar. 2008 überschritt er 100 Dollar und im Juli 2008 kostete das Barrel Öl 147 Dollar. Inflationsbereinigt waren dies 50 Prozent mehr als zum Höhepunkt der Ölkrise 1979.
Die steigende Nachfrage Chinas und die mangelnde Weiterentwicklung der Energieeffizienz in Europa und Nordamerika trieben den Preis an. Obwohl Peak Oil wahrscheinlich zwischen 2008 und 2010 eintrat, verlängerte Fracking, also die Gewinnung von unkonventionellem Öl und Gas, die Geschichte des Erdöls. Beim Fracking wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in Gestein gepresst, um bis dato nicht zu förderndes Öl und Gas zu gewinnen. Vor allem in den USA ist diese Methode von hoher Relevanz und brachte das Land als Ölproduzenten zurück.
Unter Donald Trump hat die Ölindustrie aktuell so viel Macht wie selten zuvor. Die Entführung des venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro, der Krieg im Iran und selbst die Erpressung Europas – unter anderem um das europäische Lieferkettengesetz massiv abzuschwächen – scheinen im Einklang mit der Erdöl-Industrie zu stehen. Daran haben weder Ölkatastrophen wie durch die Exxon Valdez (1989) oder Deepwater Horizon (2010) noch die Zerstörung von Lebensgrundlagen der Menschen in den USA (Cancer Alley in Louisiana) oder Nigeria (Ermordung von Ken Saro Wiwa und die Zerstörung des Niger-Deltas) oder die Kollaboration der Ölindustrie mit brutalen Diktaturen bis hin zum IS etwas geändert. Erdöl und seine Produkte sind bis heute der zentrale Schmierstoff des Kapitalismus.