Sport frei
Keine Nationalfahnen, keine Nationalhymnen, stattdessen die Internationale – 1925 fand in Frankfurt am Main die 1. Internationale Arbeiterolympiade statt
Von Jan Tölva
Die Welt ist heute eine andere als vor hundert Jahren. Das Motto jedoch, unter dem im Juli 1925 in Frankfurt am Main die 1. Internationale Arbeiterolympiade stattfand, wirkt auch dieser Tage wieder erschreckend aktuell: »Nie wieder Krieg!«
Aus elf Staaten sowie dem damals von Großbritannien verwalteten Mandatsgebiet Palästina waren die 3.000 Teilnehmenden im Waldstadion zusammengekommen. Deutsche und Österreicher*innen waren genauso vor Ort wie Sportler*innen aus Großbritannien und Frankreich. Selbstverständlich war das nicht. Immerhin war der Weltkrieg, von dem noch niemand ahnte, dass er später einmal der Erste genannt werden würde, noch keine sieben Jahre vorüber. Zu den Olympischen Spielen in Paris nur ein Jahr zuvor waren Athlet*innen aus Deutschland nicht eingeladen gewesen.
»Das war für mich also das größte Erlebnis, dass 40.000 Menschen dem Todfeind oder dem Erzfeind Frankreich so viel Sympathie entgegenbrachten, als diese Franzosen einmarschierten«, zitiert die taz den Arbeitersportler Paul Schuster, der damals als gerade 20-Jähriger auf der Tribüne saß.
Es muss ein eindrückliches Erlebnis gewesen sein und so ganz anders als bei den bürgerlichen Olympischen Spielen in Paris und anderswo. Keine Nationalfahnen, keine Nationalhymnen. Stattdessen die Internationale und ein »Festzug der Nationen« durch die Frankfurter Innenstadt mit mehr als 100.000 Teilnehmenden.
Ebenso viele sollen das Weihespiel »Kampf um die Erde« gesehen und an den sogenannten Freiübungen teilgenommen haben. Allein beim Turnen sollen es 17.000 gewesen sein. Auch ein »Massenfahrradreigen«, eine Art Critical Mass avant la lettre, und ein Schachspiel mit echten Personen als Figuren standen auf dem Programm.
Partizipation statt Unterhaltung
Die Arbeiterolympiade war mehr als eine bloße Alternative zum bürgerlichen Sport. Sie repräsentierte einen ganzheitlichen Gegenentwurf. Es sollte nicht nur um reinen Wettkampf gehen, sondern auch um gemeinsames Sporttreiben. Partizipation statt Unterhaltung. Kultur nicht nur als Rahmen, sondern als fester Bestandteil des großen Ganzen.
Selbstverständlich war die Veranstaltung auch eine Art Machtdemonstration. »Die neue Großmacht« heißt nicht umsonst ein Dokumentarfilm von Wilhelm Prager, der die vier Julitage in Frankfurt dokumentiert. Zum einen waren die Spiele ein Zeichen an die bürgerliche Welt, dass mit der Arbeiter*innenbewegung zu rechnen war. Zum anderen waren sie aber auch ein Signal in die Bewegung hinein, in der noch immer viele Sport als sinnlose Ablenkung vom revolutionären Kampf betrachteten.
Die Spiele waren auch ein Signal in die Bewegung hinein, in der viele Sport als sinnlose Ablenkung vom revolutionären Kampf betrachteten.
Organisiert wurde die Arbeiterolympiade von der Sozialistischen Arbeiter-Sport-Internationale (SASI), die 1920 im Schweizer Luzern gegründet worden war und daher auch Luzerner Sport-Internationale genannt wurde. Rund 1,3 Millionen Menschen trieben Mitte der 1920er unter ihrem Dach Sport, mit Abstand die meisten von ihnen im Arbeiter-Turn- und Sport-Bund (ATSB) in Deutschland.
Die Luzerner Internationale war jedoch nicht der einzige internationale Dachverband im Arbeiter*innensport. Bereits 1921 hatte sich mit der Roten Sportinternationale (RSI) ein moskautreuer Gegenverband gegründet. Rein formal standen beide Dachverbände allen Arbeitersportler*innen offen, ganz gleich, welches Parteibuch sie hatten. In der Praxis jedoch war die SASI mehrheitlich sozialdemokratisch und die RSI mehrheitlich kommunistisch.
So kam es auch, dass an der Arbeiterolympiade in Frankfurt keine Sportler*innen aus der Sowjetunion teilnahmen. Der norwegische Arbeitersport fehlte ebenfalls, weil der dortige Verband Teil der RSI war. Spaltungen innerhalb der Linken – noch so eine Sache, die erschreckend aktuell wirkt.
Arbeiterwettkampf
Bei all der Politik ließe sich leicht vergessen, dass in Frankfurt auch Wettbewerbe ausgetragen wurden. Rund 100 waren es alles in allem, davon etwa ein Fünftel bei den Frauen. Mit Fußball und Wasserball waren zwei bis heute populäre Teamsportarten vertreten, dazu der heute beinahe ausgestorbene Feldhandball. Hinzu kamen Schwimmen, Boxen, Ringen, Turnen und Radrennen.
Etwa die Hälfte aller Wettkämpfe entfiel auf die Leichtathletik. Die meisten vertretenen Disziplinen gehören bis heute zum Standardrepertoire bei Olympischen Sommerspielen. Schleuderballwurf, Gewichtweitwurf und die sogenannte Schwedenstaffel sind hingegen etwas aus der Mode gekommen. Und auch Tauziehen, das von 1900 bis 1920 sogar olympisch war, gehört heute leider zu den Randsportarten.
Dominiert wurden die Leichtathletikwettbewerbe von den Finn*innen, die bei den Männern alle Wettbewerbe bis auf drei gewannen und insgesamt mehr als die Hälfte der Medaillen holten. Kein Wunder, denn die finnische Leichtathletik – egal, ob bürgerlich oder bei den Arbeiter*innen – war schlicht auf einem anderen Niveau. Einzig die USA waren in den 1920ern bei den Olympischen Spielen noch erfolgreicher.
Auch im Ringen und Turnen war Finnland das Maß aller Dinge. Im Schwimmen hingegen, das in Finnland weniger Tradition hatte, dominierten die Deutschen. Auch in allen drei Teamsportarten siegten die Mannschaften des ATSB. Im Radsport lagen dagegen Französ*innen, Brit*innen und Österreicher*innen vorn.
Zumindest ein Teil der Athlet*innen konnte durchaus mit dem Leistungsniveau des bürgerlichen Sports mithalten. Zwei finnische Athleten, der Läufer Eino Purje und der Ringer Väinö Kokkinen, der 1918 im finnischen Bürgerkrieg auf der Seite der Roten gekämpft hatte, holten später auch bei Olympischen Spielen Medaillen. Iivari Rötkö, ebenfalls aus Finnland, lief 1926 die Weltjahresbestleistung im Marathon.
Die deutsche 4×100-Meter-Staffel, bestehend aus Anni Hippler (Magdeburg), Lotte Rau (Berlin), Anna Babette Hochholzer (Nürnberg) und Wilma Dittmar (Hannover), lief in Frankfurt mit 51,3 Sekunden sogar einen neuen Weltrekord – der jedoch vom bürgerlichen Leichtathletikverband nie offiziell anerkannt wurde. In Paris im Jahr zuvor wäre das nicht möglich gewesen, denn Leichtathletikwettbewerbe für Frauen gab es bei den Olympischen Spielen erstmals 1928. Hier war der Arbeiter*innensport dem bürgerlichen Sport also um Jahre voraus.
Überrollt vom Zug der Geschichte
Die Arbeiterolympiade in Frankfurt hätte der Anfang von etwas Großem sein können. Der Enthusiasmus der Teilnehmenden ist in den Bildern und Berichten unübersehbar. Doch der Zug der Geschichte raste 1925 bereits mit voller Fahrt auf die Katastrophe zu. In Italien regierte Mussolini, in Ungarn Miklós Horthy. Auch in Spanien, Griechenland und Bulgarien hatten sich autoritäre Regime an die Macht geputscht. In Deutschland hatte sich im Februar die zwei Jahre zuvor verbotene NSDAP wiedergegründet und nur eine Woche vor der Eröffnungsfeier im Waldstadion erschien der erste Band von Adolf Hitlers »Mein Kampf«.
Zwar waren die Spiele im Roten Wien 1931 mit Athlet*innen aus 26 Nationen noch einmal ein ordentlicher Paukenschlag. Doch schon 1937 mussten sie aufgrund des Spanischen Bürgerkriegs kurzfristig von Barcelona nach Antwerpen verlegt werden. Die für Helsinki geplanten Spiele 1943 fanden gar nicht erst statt, weil die Deutschen bereits den gesamten Kontinent in einen neuen Krieg gestürzt hatten.
Die Austragungsorte der Winterspiele von 1931 und 1937, das österreichische Mürzzuschlag und das tschechoslowakische Janské Lázně, waren jeweils 1938 von den Deutschen besetzt worden. In der Nähe des schlesischen Schreiberhau (heute Szklarska Poręba), wo 1925 die wintersportlichen Wettkämpfe der Arbeiterolympiade stattgefunden hatten, befand sich während des Krieges ein Zwangsarbeitslager für sowjetische Kriegsgefangene.
Der Arbeiter*innensport sollte sich nie wieder erholen. Im Westen setzte sich der bürgerliche Sport durch, im Realsozialismus entschieden nicht die Arbeiter*innen, sondern die Parteiaristokratien. Und doch ist er nicht tot. Zumindest zwei der 1925 in Frankfurt vertretenen Verbände, der finnische Suomen Työväen Urheiluliitto und die Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur in Österreich, existieren bis heute.
Organisiert sind sie im Weltverband der Arbeiter- und Amateursportverbände CSIT, der sich als Nachfolger der Luzerner Sport-Internationale versteht und auch wieder internationale Wettbewerbe austrägt. Die achte Auflage der World Sports Games fand im Sommer im griechischen Loutraki statt. 4.500 Athlet*innen aus 56 Nationen nahmen daran teil, darunter auch Mali, Indien und die Philippinen. So gesehen ist der Arbeiter*innensport heute größer und globaler denn je.
Doch er ist auch unpolitischer geworden. Im Judo waren in Loutraki politische Handlungen sogar explizit untersagt, »weil es sich um eine Sportveranstaltung handelt«. Auch Nationalfahnen wehen inzwischen überall und Hymnen werden gespielt. Die Welt ist eine andere als vor hundert Jahren. Aber ein bisschen mehr Frankfurt könnte man schon wagen.
Anmerkung
Der Titel dieses Textes (Sport frei) bezieht sich auf einen Gruß, der seinen Ursprung in der Arbeitersportbewegung hat und nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR bei Sportwettkämpfen sowie zur Eröffnung des Sportunterrichts an Schulen verwendet wurde. Heute wird er auch von Rechten, etwa von Nazis im Hooligan-Milieu, missbraucht.