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|Thema in ak 715: Im Unruhestand

Die Rentner *innen von Reinickendorf

Mehr als 4.500 Tage haben die größtenteils betagten Mieter*innen am Steinberg in Berlin gegen Verdrängung protestiert – und damit einiges erreicht

Von Nelli Tügel

Man sieht einen roten Pavillon, in dem zwei ältere Menschen sitzen, umgeben von Transparenten.
Der Protestpavillon in Kleinkleckersdorf. Foto: Nelli Tügel

In Sachen Ausdauer kann ihnen niemand etwas vormachen. Jahrelang haben die Altmieter*innen aus der Steinberg-Siedlung im Berliner Bezirk Reinickendorf gegen Verdrängung demonstriert – von 10 bis 18 Uhr, an sieben Tagen in der Woche. Die meisten von ihnen waren dabei nicht nur Altmieter*innen, sondern auch alte Mieter*innen. Bekannt wurde etwa die in der Siedlung lebende Anni Lenz, die bis zu ihrem Tod im Dezember 2016 kämpfte und auf Plakaten der Linkspartei als »Oma Anni« Berliner Mieter*innen ein Gesicht gab. Ihr Sohn, Hartmut Lenz, ist Sprecher der Mieter*inneninitiative am Steinberg und mit über 70 Jahren noch einer der Jüngeren dort. Am bekanntesten ist inzwischen der Fall von Manfred Moslehner, dem mit 84 Jahren die Zwangsräumung drohte. 

Aber der Reihe nach: Als vor 15 Jahren die Am Steinberg Entwicklungsgesellschaft mbh in ihr Leben trat und sie Stück für Stück aus den, Anfang des letzten Jahrhunderts für Arbeiter*innen zu erschwinglichen Mieten gebauten Kleinhäusern zu vertreiben begann, haben die Alteingesessenen zunächst nur dann protestiert, wenn mal wieder ein Brief reinflatterte mit einer Modernisierungsankündigung oder ähnlichem. Als klar wurde, dass die neuen Eigentümer nicht so schnell aufgeben würden, haben auch die Mieter*innen aufgerüstet: Ein Protestpavillon wurde angeschafft und an der Straßenkreuzung »Kehrwieder« und »An der Heide« aufgestellt sowie ein Schichtplansystem eingeführt. Die Ecke in »Kleinkleckersdorf«, wie die Alten ihre Siedlung nennen, wurde auch zum sozialen Hotspot – hier haben sie gemeinsam Feste gefeiert, Polizeieinsätzen beigewohnt, gelacht und getrauert.

Manfred Moslehner drohte mit 84 Jahren die Zwangsräumung. 

Auf mehr als 4.500 Protesttage haben sie es gebracht – und auch dutzende Gerichtsprozesse geführt, ein Fall ging sogar bis vor den Bundesgerichtshof. Letztes Jahr dann eskalierte die Auseinandersetzung am Fall Manfred Moslehners. Im September 2021 war ihm letztinstanzlich die Duldung von Modernisierungsarbeiten in seinem Mietshäuschen auferlegt worden. Weil die Entwicklungsgesellschaft ihm vorwarf, dies nicht getan zu haben, erhielt er 2023 eine Kündigung und schließlich, kurz vor Weihnachten 2023, flatterte eine Räumungsklage rein. Ein Novum: Kündigungen gab es am Steinberg zwar schon viele im Laufe der Jahre, eine Räumung aber noch nie. Im April 2024 urteilte das Amtsgericht Wedding in der Räumungsklage zugunsten der Entwicklungsgesellschaft. Einen Härtegrund wollte es nicht gelten lassen. Erst in der Berufungsentscheidung entschied das Berliner Landgericht dann im Oktober 2024 – Moslehner war inzwischen 85 Jahre alt geworden – zu seinen Gunsten. Er darf dort wohnen bleiben, wo er geboren wurde, sein ganzes Leben verbracht hat und sich überdies die Miete mit der kleinen Rente, die er nach einem Leben als Arbeiter bezieht, auch leisten kann. 

Die Mehrheit der 38 Kleinhäuser in der Siedlung ist inzwischen entmietet, die Bestandsmieter sterben nach und nach, einige haben den Druck der Entwicklungsgesellschaft auch nicht mehr ausgehalten und sind weggezogen. In den sanierten, verkauften und neu vermieteten Kleinhäusern werden Kaltmieten von mehr als 4.000 Euro verlangt.

Die Verbliebenen aber zahlen nach Berliner Mietspiegel – in ihrem von viel Grün umgebenen Kleinodium am Rand der Stadt. Auch in Sachen Hartnäckigkeit kann ihnen echt niemand etwas vormachen. 

Nelli Tügel

ist Redakteurin bei ak.