Wer rettet die Fabriken?
In Ostdeutschland schließen vielerorts Traditionsunternehmen, doch Ideen der Vergesellschaftung stoßen hier schnell an Grenzen
Von Sebastian Bähr
Im Februar 2025 ziehen etwa 260 Beschäftigte mit ihren Familien durch Golßen, eine brandenburgische Kleinstadt südlich von Berlin. Einige fahren auf Traktoren durch die Straßen, andere tragen aufblasbare Gurken. Ihr Ziel ist das Unternehmen »Spreewaldkonserve«, das seit 80 Jahren in der Stadt Obst und Gemüse verarbeitet. Ein Zehntel der Einwohner*innen arbeitet dort. Nun will der französische Lebensmittelkonzern Andros, zu dem der Gurkenhersteller seit 2021 gehört, das Werk schließen.
Die Wut ist groß, doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Die Gewerkschaft NGG sammelt Unterschriften, der Betriebsrat sucht nach einem Weg, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Rentner fordert in Lokalmedien sogar die Besetzung des Werks. Die Idee, die »Konserve« selbst zu übernehmen, weist der Betriebsratsvorsitzende Gerrit Hoehne auf Nachfrage zurück: Das könne »realistischerweise nicht funktionieren«. Die Mitarbeiter*innen seien alle keine Großverdiener*innen, man sei immer noch im Osten. »Eine Verwaltung durch die Belegschaft erfordert finanzielle Dimensionen, die wir nicht stemmen können.« Ob man mit Beschäftigten oder Stadtanwohner*innen spricht: Der Rentner wird nicht ernst genommen.
Was wäre, wenn …
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen für die ostdeutsche Linke: In vielen Regionen verschwinden gerade verstärkt jene Orte, an denen Menschen jahrzehntelang gearbeitet haben. Fabriken schließen, Konzerne ziehen weiter und hinterlassen leere Hallen, Kommunen können oder wollen kaum eingreifen. Was bleibt: Arbeitslosigkeit, Resignation und das Gefühl, über die eigene Zukunft nicht bestimmen zu können. In Golßen hatte die AfD nahe dem Gurkenwerk einen »Betriebsfriedhof« eingerichtet. Auch bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern konnte sie von ökonomischen Ängsten profitieren.
Aber was wäre, wenn man bei der nächsten Werksschließung nicht nur um den Erhalt von Arbeitsplätzen kämpfte, sondern um das Eigentum selbst? Was wäre, wenn Beschäftigte, Kommunen und Gewerkschaften Strukturen aufbauten, mit denen sie einen Betrieb übernehmen könnten? In Berlin gibt es mit Deutsche Wohnen & Co enteignen (DWE) ein konkretes Vergesellschaftungsprojekt für den Wohnungsmarkt. Doch wie könnte ein solches Vorhaben im ländlichen Osten aussehen, wo nicht primär Mieten die sozialen Sorgen prägen? Marlen Borchardt, Büroleiterin des linken sächsischen Landtagsabgeordneten Nam Duy Nguyen, forderte jüngst, das DWE des Ostens zu finden: »ein gewinnbares Projekt, das unmittelbar die Lebensrealität der Menschen verändert und sich an zentralen materiellen Konfliktlinien entscheidet«.
In vielen ostdeutschen Orten gab es in den vergangenen Jahren kämpferische Auseinandersetzungen um den Erhalt von Werken; einige toben aktuell. Liegt darin vielleicht eine Chance? Erfolgreich vergesellschaftete Traditionsbetriebe könnten zu Leuchttürmen werden – als Beweis, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist und das Leben verbessern kann. Entscheidend wäre, dass die Zukunft eines Betriebs nicht mehr von der Renditeentscheidung eines privaten Eigentümers abhängig ist, demokratische Kontrolle im Alltag erhöht wird und die Belegschaft eine reale Chance bekommt.
In vielen ostdeutschen Orten gab es in den vergangenen Jahren kämpferische Auseinandersetzungen um den Erhalt von Werken.
Gespräche mit Betriebsräten, Gewerkschafter*innen und Beschäftigten zeigen jedoch zugleich die Begrenzungen. Zu groß scheint letztlich das wahrgenommene finanzielle Risiko, zu fragmentiert das notwendige Wissen, zu gering das Selbstvertrauen und die externe Unterstützung. Bislang fehlt es vor allem jedoch an Strukturen, die eine Alternative zu reinen Abwehrkämpfen überhaupt denkbar machen würden: etwa ein Fonds, der Beschäftigten das Geld und die Beratung für eine Übernahme bereitstellt, oder Kommunen wie Länder, die bereit wären, Beschäftigte auf diesem Weg zu unterstützen.
Große Wut, wenig Hebel
Sprung ins brandenburgische Nauen, Herbst 2025. Die Bosch-Tochter BSH Hausgeräte verkündet, die letzte Waschmaschinenfabrik Ostdeutschlands schließen zu wollen. Für 450 Beschäftigte soll bis Sommer 2027 Schluss sein, nur die Logistik bleibt. Rund 30 Jahre Produktion gehen damit zu Ende. »Ich hatte mal Friseurin gelernt, nach 30 Jahren kann ich mir höchstens noch selbst die Haare schneiden«, sagt die Betriebsratsvorsitzende Jeannette Luschnat. Insbesondere für die Fließbandarbeiter*innen droht die Erwerbslosigkeit, denn die Jobmöglichkeiten in der Region sind begrenzt. Im Gegensatz zu BSH-Standorten in Westdeutschland waren die Beschäftigten in Nauen deutlich schlechter gestellt und hatten keinen Tarifvertrag.
Stadtgesellschaft und Belegschaft sind wütend. Es kommt zu politischen Gesprächen, Laternenumzügen, Warnstreiks. »Wir gehen in die Schlacht, wenn ihr mit uns Faxen macht«, steht auf einem Schild, das IG-Metaller*innen tragen. Als Teil der Auseinandersetzungen erarbeitet der Betriebsrat ein alternatives Zukunftskonzept, an das sich viele Hoffnungen knüpfen. Die Betriebsratsvorsitzende besucht außerdem den Bundestag und spricht mit Politiker*innen. Es nützt alles nichts: Die Geschäftsführung bleibt hart. Eine Übernahme des Werks durch die Beschäftigten stand derweil nie zur Debatte. »Unsere Mitarbeiter wurden noch nie in irgendeiner Form mit Anteilen eingebunden«, sagt die BR-Vorsitzende auf Nachfrage. »Wir hatten das vor Jahren ein paar Mal angefragt, das wurde aber immer wieder abgewiesen.«
Blick auf die Eberswalder Wurstwerke im brandenburgischen Britz, Januar 2026. Das seit einigen Jahren zu Tönnies gehörende Traditionsunternehmen wird dichtgemacht, rund 500 Beschäftigte verlieren ihren Job. Die Gewerkschaft NGG spricht von »Marktbereinigung« – Tönnies habe die Wettbewerberin aufgekauft, um sie ausbluten zu lassen. Selbst bei der Schließung versucht der Konzern noch, Abfindungen durch Schlupflöcher zu umgehen. Auch hier ist die Nachricht für Region und Beschäftigte ein Schock. Das Werk aber in kommunaler oder selbstverwalteter Eigenregie fortführen? »Das Werk hat einen gigantischen Investitionsrückstand – der Milliardenkonzern von Tönnies hätte diesen heben können, aber ich habe den Eindruck, dass es ihm eigentlich nur um die Marke ging«, sagt NGG-Gewerkschafter Veit Groß. »Die Chancen für den Erhalt des Betriebs sind nun leider verschwindend gering.« Wenn riesige Investitionen notwendig sind, reicht eine Eigentumsänderung nicht aus.
2023 wiederum hatte die Supermarktkette Real Insolvenz angemeldet, Tausende Beschäftigte verloren ihren Job. Ein sächsischer Beschäftigter hielt auf Nachfrage eine Fortführung seines Marktes durch die Belegschaft für völlig realitätsfremd: »Da würde doch keiner mehr zum Arbeiten kommen, wir wüssten auch gar nicht, wie das geht.« Dabei hatte die Belegschaft zuvor immer mehr Verantwortung in der Arbeitsorganisation übernommen.
Spontane Übernahmen unwahrscheinlich
Unter den aktuellen Bedingungen ist es unwahrscheinlich, dass von ostdeutschen Belegschaften selbst die Initiative für Werksübernahmen ausgeht. Wer trägt die Verluste? Wer finanziert notwendige Investitionen? Ohne klare Antworten auf diese Fragen ist jeder weitere Schritt undenkbar. Ebenso scheinen kommunale Entscheider*innen oder die Landespolitik nicht willens oder in der Lage, bedrohte Werke in die öffentliche Hand zu überführen. Was außerdem häufig fehlt, so der zur wirtschaftlichen Struktur Ostdeutschlands forschende Dominik Intelmann, sind Beschäftigte oder Gewerkschafter*innen, die selbst radikalere Vorschläge einbringen. »Es bräuchte in den Kämpfen Personen, die ernst genommen werden, die Worte finden für die Erfahrungen der Beschäftigten – und die Konflikte politisieren und zuspitzen können.«
Wie könnte man trotzdem einer Vergesellschaftung näherkommen? In den 1990er Jahren gab es in Ostdeutschland tatsächlich alternative Ideen zur Treuhand. Die IG Metall schlug damals vor, eine Industrieholding zu schaffen. Statt Ausverkauf und Zerschlagung hätte so vielleicht ein Großteil der kriselnden Betriebe gerettet werden können. Parlamentarische Mehrheiten dafür gab es jedoch nicht, zu schwach waren die Gegner*innen der Treuhand. Wäre es heute möglich, dass Gewerkschaften, linke Parteien sowie regionale Akteure eine Art Solifonds aufbauen, der Belegschaften im Krisenmoment nicht nur juristisches Wissen und politische Rückendeckung, sondern auch Startkapital und Sicherheiten für eine Werksübernahme anbieten könnte?
Ein anderer Weg könnte eine Beteiligung der Ost-Länder an kriselnden Unternehmen sein. Die Grünen hatten letztes Jahr etwa vorgeschlagen, dass sich Sachsen an VW-Zwickau beteiligt. Das würde die öffentliche Kontrolle erhöhen und Spielräume für einen Werkserhalt, bessere Arbeitsbedingungen und den ökologischen Umbau ausweiten. Das Beispiel Niedersachsen, das mit 20 Prozent am VW-Konzern beteiligt ist, zeigt allerdings, dass staatliche Beteiligung nicht automatisch fortschrittliche Vergesellschaftung bedeutet. Im Werk Osnabrück sollen demnächst Rüstungsgüter produziert werden. Entscheidend bleibt, wer über den Betrieb bestimmt und welchen Zweck er erfüllen soll.
Linke Eigentumspolitik
Ein lokaler Ansatz zeigt sich wiederum in der 4.000-Einwohner*innen-Gemeinde im brandenburgischen Wiesenburg/Mark: Der Linke-Bürgermeister Marco Beckendorf konnte hier durch eine kluge Finanzpolitik Kredite aufnehmen, um 150.000 Quadratmeter Entwicklungsfläche zu erwerben. Das bedeutet konkret: Leerstehende Fabrikhallen, stillgelegte Gebäude und Brachflächen werden zurück unter öffentliche Kontrolle geholt, um sie dann wieder mit Leben zu füllen. »Die Leute fahren jeden Tag an den Industriebrachen vorbei, auf denen sie jahrzehntelang gearbeitet haben«, sagt Beckendorf im Gespräch. »Das macht etwas mit der Stimmung – und mit dem Wahlverhalten.« Wiesenburg/Mark zeigt damit zumindest im Kleinen, was eine linke Eigentumspolitik im Osten leisten könnte.
Die Gemeinde hat außerdem entschieden, die gewonnenen Flächen bevorzugt an gemeinwohlorientierte Unternehmen zu vergeben. Für den Bürgermeister ist es ein Fehler, dass dies nach der Wende versäumt wurde. »Das wäre doch der cleverste Schachzug gewesen: Die Leute übernehmen ihre Betriebe selbst, und der Staat springt als Bürge ein, anstatt alles westdeutschen Firmen zu geben.« Heute versuche er in Wiesenburg/Mark, die »offenen Wunden der Nachwendezeit« zu schließen. Ob sich das Vorgehen finanziell rechnet, muss sich noch zeigen. Der Bevölkerungsrückgang konnte jedoch bereits abgebremst werden.
Was wäre möglich, würde man solche Ansätze regional ausweiten und mit Unterstützung hochskalieren? Man findet es nur heraus, wenn man es ausprobiert.
