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|ak 729 | Umwelt

Das Ende der Welt aussitzen

Mehr Klimakatastrophe heißt automatisch mehr Klimaschutz? Das war einmal

Von Nico Graack

Drei Autodächer ragen aus einer überschwemmten Landschaft raus.
Klare Sache: Der Klimawandel führt zu Starkregen und Überschwemmungen. Foto: Chris Gallagher/Unsplash

Der Sommer 2026 hat unmissverständlich gezeigt: Wir leben in einer anderen Welt. Während in Nepal nach dem Gletscherabsturz und der darauffolgenden Sturzflut noch immer etliche Menschen in den Trümmern und Schlammmassen vermisst werden, gibt es in Deutschland zumindest größtenteils wieder kühlere Luft zum Durchatmen. Also, tief Luft holen und Revue passieren lassen: schmelzende Straßen und ausfallender Nahverkehr, ein stellenweise vollkommen ausgetrockneter Rhein, allein bis Ende August mindestens 16.000 Hitzetote sowie schlechte Ernten auf verdorrten Äckern.

Für trotzige Badespaßgenießer*innen: Das ist natürlich die Klimakatastrophe! Das sagen die Wissenschaftler*innen der World Weather Attribution in ihrer vielbeachteten Studie zum europäischen Hitzesommer eindeutig. Die Temperatur lag in Westeuropa im Juni und Juli ganze 2,79 Grad über… ja über was eigentlich? Nicht über dem oft angegebenen Standard der vorindustriellen Zeit, sondern über dem Durchschnitt der bereits erwärmten Jahre 1991 bis 2020!

Da wirkt es – auch wenn es dabei um die globale Temperatur geht – fast ein wenig lustig, dass die UN nun davor warnt, dass das 1,5-Grad-Ziel dauerhaft überschritten werden könnte. Die letzten elf Jahre waren die wärmsten elf Jahre seit Beginn der Messungen, der Zeitraum 2023 bis 2025 liegt bereits über 1,5 Grad – und 2026 wird keine Ausnahme sein. Aber die UN verzagt nicht, sondern gibt kurzerhand eine neue Schwelle an: Über 1,8 Grad, das ginge nun wirklich nicht, daran müssten wir uns nun dieses Mal aber auch wirklich halten.

Diese neue Welt macht aber auch klar: Von der alten Annahme »Mehr Klimakatastrophe heißt automatisch mehr Klimaschutz« müssen wir uns verabschieden. Die schlechten Ernten zeigen das am deutlichsten. Der Bauernverband schlägt zwar Alarm – fordert aber vor allem billigeren Agrardiesel und Düngemittel.

Angesichts der katastrophalen Lage greift die Regierung zu einem bewährten Mittel: Aussitzen. Jede andere Katastrophe, die Deutschland mindestens 36 Milliarden Euro kostet, wäre wohl Anlass für Krisenstäbe und Sondersitzungen. Aber Wiebke Winter macht für ihre Partei, die CDU, das Dilemma klar: »Wenn wir als Union das Thema Klima groß machen, profitieren davon am Ende die Grünen.« Man wünschte sich diese Erkenntnis auch mit Blick auf Migration und AfD.

Es ist also das Gebot der neuen Welt, dieses dreiste Aussitzen zu verhindern und die kommenden Hitze-, Dürre-, Waldbrand- und Flutkatastrophen effektiv zu politisieren. Dabei darf man nicht auf einen Automatismus der Betroffenheit hoffen: Betroffene in Krankenhaus, Schule und Pflegeheim müssen sich gemeinsam als Leidtragende einer kolossalen Arbeitsverweigerung begreifen lernen. Diese Vernetzung zu leisten, ist auch Aufgabe linker Bewegungen. Gelegenheiten wird es genügend geben: Nächstes Jahr erst kommen die vollen Effekte des »Super El Niño« – die neue Welt wird noch einmal um einiges heißer.

Nico Graack

ist freier Autor und Philosoph. Er arbeitet am Institut für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften in Berlin und engagiert sich in verschiedenen Klimakontexten.

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