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Durch die Angstmauer 

Bei der Karawane für Bewegungsfreiheit und Solidarität suchen Aktivist*innen in den abgelegensten Unterkünften Mecklenburg-Vorpommerns Geflüchtete auf 

Von Arthur Grand

Man sieht einen bunten Bus und dafür Geflüchtetenaktivisten mit geballter Faust und einem Transparent.
Das deutsche Asylsystem isoliert; dagegen will die Karawane etwas unternehmen. Foto: Karawane für Bewegungsfreiheit

Eric jongliert mit dem Ball, macht sich klein und zieht elegant zu einem Fallrückzieher ab. »Tor!«, schreit eine Horde Jungen und stürmt auf den Kasten zu. Wir sind in Dänholm, einer kleinen Insel vor Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. Um ins Stadtzentrum zu gelangen, muss man etwas mehr als eine halbe Stunde über eine Brücke laufen. 

Neben einer riesigen Gemeinschaftsunterkunft, die hier auf der Insel steht und in der rund 600 Geflüchtete leben, liegt der Fußballplatz. Heute findet hier ein Turnier im Rahmen der Karawane für Bewegungsfreiheit und Solidarität statt, einer von der Gruppe Pro Bleiberecht MV and friends organisierten Aktion, die sich für Geflüchtete in dem Bundesland einsetzt. Die Aktivist*innen kämpfen für Bewegungsfreiheit und sichere Fluchtwege und protestieren gegen Rassismus und Abschiebungen. Im Rahmen der Karawane besuchen sie Gemeinschaftsunterkünfte an abgelegenen Orten in Mecklenburg-Vorpommern. Ziel ist es, mit geflüchteten Menschen in Kontakt zu kommen und die Isolation, die durch das Asylsystem geschaffen wird, zu durchbrechen. 

Die Idee ist nicht neu – bereits 1998 organisierten geflüchtete Menschen und Migrant*innen eine Karawane durch Deutschland, um zu protestieren. Im vergangenen Jahr griff We’ll come united diese Idee dann auf und veranstaltete eine Karawane durch die ostdeutschen Bundesländer bis Berlin. In Mecklenburg-Vorpommern – als Flächenland mit vergleichsweise wenig Infrastruktur und stark steigendem Rechtsdruck sowie Alltagsrassismus – sind die Bedingungen für Migrant*innen oft noch schwieriger als anderswo. Die Karawane für Solidarität und Bewegungsfreiheit möchte diesen schwierigen Umständen etwas entgegensetzen. Insgesamt sind so sieben Punkte auf der Karte entstanden, die sie zwischen dem 27. August und dem 3. September aufsucht: Torgelow, Teterow, Güstrow, Wismar, Gadebusch, Nostorf-Horst – und eben Dänholm.

Tanzen auf dem Fußballplatz

Auf dem Fußballplatz stehen der Medibus, der Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Hilfe anbietet, ein Stand der Initiative Migranos Movement, die Beratungen durchführt, ein Musikbus und ein weiterer Wagen, in dem Kinder basteln und malen können. Dazu gibt es den inzwischen schon berühmten Eisbus mit Gabis Eis und eine Hüpfburg der Aktivist*innen von Zusammen Bewegen. Außerdem laufen zwei Clowns über den Platz.

Die Geflüchteten aus der Unterkunft leben auf der Insel in völliger Abgeschiedenheit und mit wenig Abwechslung im Alltag – und das bunte Programm begeistert entsprechend. Ukrainische Jungen aus Uschhorod jagen dem Fußball hinterher und lachen sich nach dem Spiel über die Clowns kaputt. Allerdings sind nicht allzu viele Geflüchtete zu der Aktion gekommen. Die meisten haben Angst vor Veranstaltungen, die nicht von der Leitung der Unterkunft genehmigt wurden. Salah stammt aus Iranisch-Kurdistan. Er ist Fotograf und Aktivist der Gruppe We’ll come united. Er sagt: »Die Angst wird unter den Geflüchteten bewusst verbreitet, besonders hier. Ich glaube, dass man in dieser Region besonders deutlich spürt, wie sehr Geflüchtete an solchen Orten isoliert sind. Deshalb ist das, was hier gerade passiert, ein Gegenentwurf zu dieser Angst.« Eric, der mit Fußballakrobatik begeistert und bei Migranos aktiv ist, stammt aus Nigeria. Er ergänzt Salah: »Meine Aufgabe ist es, für Migrant*innen einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sie sich öffnen können. Wenn sie hier ankommen, durchlaufen sie das Asylverfahren, leben in einer Unterkunft und verlieren das Vertrauen in sich selbst.«

Diese Aktion ist für mich sehr wichtig. Ich sehe, dass es Menschen gibt, die sich über mich freuen.

Hamid

Gegen Abend greift der Aktivist Mihai aus Rumänien zur Gitarre und beginnt zu singen. Die Jungen aus Uschhorod bitten ihn um das Mikrofon und schreien freche Texte hinein. Dann schaltet jemand eine Playlist an, und aus dem Musikbus ertönt arabische Musik. Ich schaue zu, wie Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen und Problemen, gemeinsam tanzen. Es scheint, als seien Angst, Abgeschlossenheit und Grenzen für einen Moment überwunden – und die Menschen genießen einfach den gemeinsamen Augenblick.

Ein Bus mit dem Kennzeichen Solidarität

Ein paar Tage später treffe ich die Karawane in Primerburg, einem abgelegenen Stadtteil von Güstrow, wieder. Es ist ein trüber, windiger Augusttag. Gegenüber einem langen, grauen, rechteckigen Gebäude liegt ein leerer Parkplatz, umgeben von Rasenflächen. Daneben verläuft eine Straße, auf der nur gelegentlich Autos vorbeifahren. In einem Ranking der trostlosesten Landschaften würde dieser Ort wohl einen der vorderen Plätze belegen. 

Auch hier befindet sich eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete; sie wird von den Maltesern verwaltet. Ein großer Bus mit der Aufschrift »Gemeinsam mobil für eine solidarische Welt« fährt auf den Parkplatz, gefolgt von mehreren Kleintransportern. In kurzer Zeit erscheinen auf dem Rasen bunte Zelte, Stühle und Tische mit Süßigkeiten, Limonade und Kaffee. Laut ertönt warmer Reggae und die Clowns treiben wieder ihre Späße. In weniger als einer halben Stunde hat sich die Landschaft verwandelt – als hätte jemand auf ein farbloses Foto einen kräftigen Filter gelegt.

Doch längst nicht alle freuen sich über diese Metamorphose. Ein Wachmann der Unterkunft kommt zu uns und sagt, dass hier nicht geparkt werden dürfe, weil der Platz für Lastwagen freigehalten werden müsse – obwohl der riesige Parkplatz leer ist. Der junge Afghane Hamid (Name geändert), der sich in Torgelow der Karawane angeschlossen hat, erzählt, dass seine Unterkunft in einem Dorf lag, von dem aus die nächste Stadt nur schwer zu erreichen war. »Die Leute von den Maltesern informieren die Geflüchteten nicht über solche Aktionen oder darüber, dass es die Möglichkeit gibt, aus der Unterkunft in eine eigene Wohnung umzuziehen.« Vermutlich ist es für die Organisation schlicht nicht von Vorteil, wenn Migrant*innen die Unterkünfte verlassen, schließlich erhält sie Geld für deren Verwaltung. Hamid erzählt, dass er ständig mit alltäglichem Rassismus konfrontiert ist – zum Beispiel grüßt die Kassiererin bei Netto alle außer ihn, als wäre er Luft. »Diese Aktion ist für mich sehr wichtig«, fügt Hamid hinzu. »Ich sehe, dass es Menschen gibt, die sich über mich freuen.«

Menschen aus den Unterkünften herausholen

Die nächste Station der Karawane ist Wismar, genauer gesagt der Skatepark neben der berüchtigten Gemeinschaftsunterkunft Haffburg. Obwohl sie nicht weit vom Stadtzentrum entfernt liegt, erinnern die dortigen Bedingungen an ein Gefängnis. Bewohner*innen berichteten, dass sie bei Verstößen gegen die Hausordnung in einen sogenannten Strafbereich gebracht wurden. Ein Gutachten bestätigte die katastrophalen Bedingungen in dieser Unterkunft. Gegen die Mitarbeitenden werden seit Langem Vorwürfe erhoben, es gibt öffentliche Debatten – doch an den Lebensbedingungen hat sich bislang kaum etwas geändert.

Die ukrainische Geflüchtete Maria (Name geändert) erzählt ihre Geschichte, die zeigt, wie leicht Migrant*innen in ein Flüchtlingslimbo geraten können, einen Zustand, in dem Menschen ohne die »richtigen« Dokumente feststecken. Nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine reiste sie gemeinsam mit ihrem marokkanischen Mann und ihrem Sohn aus Russland nach Deutschland ein. Deshalb kann sie keinen Flüchtlingsstatus erhalten. Die Familie sollte nach Marokko abgeschoben werden – ein Land, in dem Maria noch nie gewesen ist.

Gemeinsam mit Maria sind auch andere Geflüchtete zur Aktion der Karawane gekommen, obwohl sich später herausstellt, dass die Leitung der Unterkunft ihnen davon abgeraten hatte. Die Kinder bespritzen sich mit Wasserpistolen, springen über ein Seil und fahren auf Rollschuhen, die die Aktivist*innen mitgebracht haben, während die Erwachsenen tanzen. Erics Mitstreiter aus der Gruppe Migranos, der Libyer Hafit, sagt, das Wichtigste sei, zu den Menschen in die Unterkünfte zu kommen und dies auch regelmäßig zu tun. »Wir müssen die Menschen dort herausholen. Wir müssen klar formulieren, was wir ihnen anbieten, und mit den Menschen sprechen. Manchmal klappt es beim ersten Mal nicht. Deshalb muss man wiederkommen, bis sie sich an dich gewöhnt haben, bis sie sehen, ob du auf ihrer Seite bist oder gegen sie.«

Eine junge Kurdin kommt zum Musikbus und bittet darum, ein bestimmtes Lied aufzulegen. Zu der rhythmischen Musik beginnen etwa zehn Menschen zu tanzen. Dann kommen Polizist*innen und sagen, dass es bereits sechs Uhr abends sei, die Aktion beendet werde und die Musik ausgeschaltet werden müsse. Es ist kaum zu glauben: Offenbar können in Deutschland Tänze in einem Stadtpark nach sechs Uhr abends zum Problem werden. Die Aktivist*innen und die Geflüchteten, die sich der Karawane angeschlossen haben, gehen zu ihren Fahrzeugen. Das internationale Team wird am nächsten Tag in Gadebusch sein, neue Menschen kennenlernen, versuchen, ihre Sympathie zu gewinnen, fragile Brücken des Vertrauens zu bauen und zumindest für eine Weile die Mauern der Isolation und der Angst zu durchbrechen.

Arthur Grand

ist Autor und Journalist aus Russland und schreibt über Politik und zeitgenössische Kunst und Literatur, die sich mit Fragen der Dekolonisierung und Kapitalismuskritik auseinandersetzen. Seit 2024 lebt er in Deutschland.



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