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Faschismus unterm Mikroskop

Mark Terkessidis’ »Gewalt am Denken« sucht nach den geistigen Voraussetzungen der autoritärer werdenden Gesellschaft

Von Thore Freitag

Vier bunt kostümierte Kreuzritter blicken in die Kamera
Ist das noch Cosplay oder schon »Gewalt am Denken«? Mark Terkessidis untersucht Haltungen, in denen Faschismus gedeihen kann, etwa die der »gefährdeten Gemeinschaft«. Foto: Hao Chen / Pexels

Zur Reihe von Neuerscheinungen in der neu entflammten Faschismusdiskussion gesellte sich jüngst auch Mark Terkessidis mit seinem Buch »Gewalt am Denken«. Darin widmet sich der freie Autor mit dem Schwerpunkt (Neue) Rechte, Migration und Rassismus auf weniger als 150 Seiten den geistigen Voraussetzungen, unter denen Faschismus entstehen und gedeihen kann. Mit seinem Büchlein hat Terkessidis weder das Ziel einer neuen, umfassenden Faschismustheorie vor Augen, noch hat er dafür ausreichend plausible Denkansätze. Ein sympathisches Eingeständnis des Autors, der vielmehr die aufgeblähten und zugleich oft entrückten politischen Diskurse zu erkunden sucht. »In diesem Sinne erscheint es vielleicht weniger relevant, diese oder jene Angelegenheit als faschistisch zu bezeichnen, sondern so etwas wie die Zeit des Faschismus zu betrachten, also den historischen Moment, in dem die Voraussetzungen für Faschismus (wieder) gegeben sind«, schreibt er einleitend.

Terkessidis’ Interesse gilt also der »Situation, in der Faschismus denkbar wird«, er möchte den geistigen Kern der autoritärer werdenden Gesellschaft aufspüren: »Wann beginnt Faschismus?« lautet der Untertitel des Buches, das er als »Think Piece« verstanden wissen will. Entsprechend mäandert er durch die gegenwärtige politische Szenerie und zieht dabei teils hellsichtige Schlüsse. Manchmal gleitet er dabei ab, das ist die Gefahr der gewählten literarischen Form. Man merkt Terkessidis’ Buch an, dass der Autor mit der Erfahrung aus dem antirassistischen Engagement spricht. An vielen Stellen arbeitet er sich kritisch am aktuellen Antirassismus und seinen Vertreter*innen ab. Das ist interessant, jedoch der Argumentation nicht immer zuträglich.

Was Terkessidis zufolge die heutige Situation so angsteinflößend macht, ist, dass wir die Symptome des Faschismus bei uns selbst beobachten können.

Als Beitrag zur Faschismusdiskussion hebt sich Terkessidis’ Essay deutlich von sperrigen marxistischen Theorien ab und lässt sich noch am ehesten der Ideologie- und Kulturkritik zuordnen. Form und Inhalt machen den Text zugänglich, aber manchmal eben wenig stringent. Auf eine schmale faschismustheoretische Arbeitsdefinition stützt sich Terkessidis dennoch: Faschismus sei immer ultranationalistisch, radikal etatistisch, führungsorientiert, antirational und auch paramilitärisch organisiert. Demzufolge sieht er nirgends einen Faschismus an der Macht, wenn auch einige Kriterien erfüllt seien.

Besonderes Augenmerk legt er auf Elemente des Zeitgeists, welche dem Faschismus zuträglich seien. Neben der »Haltung der Performativität«, die auf postmoderne Art Wissen und Vernunft nach Gutdünken auslegt, führt er die identitätspolitische »Haltung der gefährdeten Gemeinschaft« als potenziell faschistisch adaptierbar an. Stets habe der Faschismus mit Lüge und List sowie »aus einer Position der Gefährdung des Eigenen agiert«. Dieses Muster lässt sich bei rechtsautoritären Regierungen gut beobachten.

Doch den Faschismus immer bei den anderen zu suchen, wie es die meisten jüngeren Ansätze täten, lehnt Terkessidis ab. Was »die heutige Situation so angsteinflößend macht, ist die Tatsache, dass wir die Symptome bei uns selbst beobachten können«. Das ist eine schwer verdaubare, aber zutreffende Beobachtung.

Faschismustheorien

Die faschistische Dynamik wirft Fragen auf. Was treibt sie an? Ist das schon Faschismus? Was beschreibt der Begriff, was trifft ein anderer besser? Es gibt viel zu lesen, auch über die linke Publizistik hinaus. Thore Freitag sichtet und diskutiert in ak faschismustheoretische Neuerscheinungen. Bisher: »Der neue faschistische Körper« von Dagmar Herzog und »Muskismus« von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff.

Terkessidis nennt fünf soziologische Typen, in denen sich die geistige Krise der Gegenwart symptomatisch ausdrücke: die Genussmenschen, die Lebensreformer*innen, die Betrogenen, die Moralist*innen und die Ideolog*innen. Sie alle suchten, auf teils verirrte Weise, Erfüllung im Leben. Ihnen deshalb eine profaschistische Haltung zu unterstellen, gehe fehl. Doch allen Figuren gemein sei eine »Abwesenheit von Kategorien« des politischen Denkens. Scheiterten diese Figuren in ihren alternativen Konzepten, entstehe eine extreme Fallhöhe. Es sei der Faschismus, der die Individuen in existenzieller Krise aufzufangen oder ihnen zumindest einen Sündenbock zu präsentieren weiß.

In Anlehnung an nietzscheanische und poststrukturalistische Konzepte zeigt Terkessidis damit plausibel gesellschaftliche »Unruheherde« (Deleuze/Guattari) auf, an die der Faschismus anknüpfen kann. Die dem sozialen Leben zugrundeliegenden Wünsche, Bedürfnisse und Anforderungen, welche die liberale Demokratie im Krisenzustand nicht erfüllen kann, sind laut dem Autor im Kern linke, universalistische Anliegen. Doch die linken Kräfte seien blockiert. Das liege zum einen daran, dass die Linke blind gegenüber den hiesigen Bedingungen ihres Kampfes sei. Zum anderen weise sie eben auch jene von Terkessidis problematisierte performative und partikularistische Haltung auf. Eine antifaschistische Politik sähe Terkessidis dann am Werk, wenn die Linke wieder verlässlich sozialen Gestaltungswillen zeigt und ihre materiellen Kernanliegen trotz aller Mühen der Ebenen fest ins Auge fasst.

Thore Freitag

ist in Leipzig bewegungspolitisch aktiv und sichtet für ak Literatur zum Faschismus.