Urlaub
Von Jacinta Nandi
Neulich scrollte ich abends, als mein kleiner Sohn schon schlief, durch Insta-Reels. Ich war nicht wirklich am Doomscrollen, denn die Reels waren eigentlich total positiv: Essen vorbereiten, ohne kochen zu müssen, Kinder, die was Lustiges sagen, Kinder mit schokoladenverschmierten Gesichtern, die behaupten, nichts vom Schokoladenkuchen gegessen zu haben. Gesundes, billiges Essen vorbereiten, bei dem man nachher nur einen Topf abwaschen muss. (Irgendwie fühlen sich diese »positiven« Reels teilweise trotzdem dystopischer an als die Reels über Krieg und Hungersnot.) Ein Insta-Reel jedenfalls zog meine Aufmerksamkeit besonders auf sich: zwei weiße Kinder am Strand, blonde Haare, graue Kleidung, weißer Sand, und eine Stimme aus dem Off:
»Mama«, sagte die Stimme, eine weibliche Stimme, wahrscheinlich amerikanisch, und obwohl sie Englisch sprach, nannte sie mich Mama. »Mama, deine Kinder werden sich nicht an ihr teures Spielzeug erinnern können. Oder das teure Haus, das du abbezahlt hast. Mama. Sie werden sich später nicht daran erinnern. Mama, das hier ist eine Botschaft an dich: Kinder werden sich an den Familienurlaub erinnern. Kinder zwischen fünf und acht Jahren haben flexible Kindergehirne, die man durch Urlaub positiv beeinflussen kann. Mama, hörst du mich? Deine Kinder brauchen keine X-Boxen. Deine Kinder brauchen Meer und Ruhe, Urlaub und Erholung. Ich spreche mit dir, Mama. Das hier ist ein Zeichen für dich. Entscheide dich für den Urlaub, Mama. Buch ihn jetzt, Mama, Mama. Ich rede mit dir.«
Ich schaffte es gerade noch, nachdem ich dieses Reel ungefähr 3.000-mal angeschaut hatte, mein Handy – und danach mich selbst – nicht aus dem Fenster zu werfen. Und dann, wie Carrie Bradshaw früher, setzte ich mich hin und musste mich fragen, was mit mir los war. War ich verrückt – oder die Insta-Reel-Strand-Frau? Gibt es wirklich Menschen, die glauben, wir buchen den Urlaub deswegen nicht, weil wir ihn für unnötig halten? Gibt es irgendwelche Eltern auf der Erde, die hören müssen, dass flexible Kindergehirne Urlaube genießen? Spinne ich? ICH LIEBE URLAUB! Aber mein Vermieter liebt die Miete mehr, als ich Urlaub jemals lieben könnte: IT’S A FRAGE DES GELDES, STUPID.
Es wird immer sehr gerne erzählt, dass Urlaub wichtig ist – ich habe sogar von Menschen gehört, die behaupten, in Deutschland gebe es ein »Recht« auf Urlaub. In der Realität sind es natürlich die gut situierten Bildungsbürger*innen, die in allen Schulferien wegfahren können. Je besser der Job, je wichtiger man in der Firma ist, desto länger der Urlaub. Aber Familien, die Bürgergeld beziehen, haben kein Recht auf Urlaub, oder? Ich kenne zumindest eine Alleinerziehende, der das Zelten in Brandenburg vom Jobcenter verboten wurde, weil die Abwesenheitszeiten nicht bewilligt worden waren.
Ich weiß, die Pommes sind teuer und das Leben ist schwer und deine Freundin, deren Mann Arzt ist, hat sich drei Wochen in Thailand oder Norwegen gebucht – und ich hasse sie auch. Aber lass uns an der Krummen Lanke treffen und ins Wasser springen und den Sommer so gut es geht genießen.
Und die Realität ist: Auch die Arbeiter*innenklasse, die nicht vom Jobcenter lebt, hat weniger »Recht« auf Urlaub als besser situierte Angestellte. Wer zum Beispiel im Einzelhandel arbeitet, kann keine Brückentage geschickt einsetzen, um eine viertägige Reise daraus zu machen.
Jetzt erlaubt mir aber, ein bisschen Marie Antoinette zu spielen. Ich finde die aktuelle Situation deprimierend, und ich finde die Erzählung, wir würden alle keinen Urlaub nehmen, weil wir Geld zu sehr mögen, sehr nervig. Aber ich glaube trotzdem, dass Urlaub wichtig ist, und die Unterschicht, die Arbeiter*innenklasse und die struggelnde Mittelschicht versuchen sollten, auf ihr »Recht« auf Urlaub zu bestehen, so hart sie können. Ich weiß, es klingt, als würde ich vorschlagen, dass ihr Kuchen esst, wenn ihr kein Brot kaufen könnt. Ich weiß auch, dass alle billigen oder kostenlosen Urlaubsmöglichkeiten weniger entspannend sind als eine Woche im Hotel und dass sie durch die Arbeit der Mütter ermöglicht werden. TROTZDEM denke ich, dass man fantasievoll und erfinderisch werden soll: Catsitting, Dogsitting, Wohnungstausch, Zelten … Vielleicht könnte man sogar ein Vorstellungsgespräch in London oder Barcelona organisieren, um noch die herzloseste Jobcenter-Mitarbeiterin zu überzeugen! Und wenn es sein muss, dann machen wir halt alle diese berühmten Staycations: einen Urlaub auf Balkonien. Berlin ist wirklich die schönste Stadt der Welt, wenn es um Staycations geht: Picknickkorb, Sonnenbrille, Schwimmhose, und ab geht’s an die Krumme Lanke. Ich weiß, die Pommes sind teuer und das Leben ist schwer und deine Freundin, deren Mann Arzt ist, hat sich drei Wochen in Thailand oder Norwegen gebucht – und ich hasse sie auch. Aber lass uns an der Krummen Lanke treffen und ins Wasser springen und den Sommer so gut es geht genießen, als normaler Mensch, als nichtreiche Person. Hast du gehört, Mama? Es gibt im Kapitalismus kein Recht auf Urlaub – das ist ein Mythos, den die Oberschicht erzählt, weil sie ein schlechtes Gewissen hat. Du hast kein Recht auf Urlaub, Mama, und trotzdem haben du und deine Kinder es verdient, eine Pause zu machen und die Sonne zu genießen. Hast du gehört, Mama? Diese Botschaft geht an dich, Mama. Es soll mal ein Dackel von einem Riesenfisch gefressen worden sein in der Krummen Lanke, Mama. Vergiss nicht die Sonnencreme. Mama. Mama. Ich kaufe dir ein Eis.