Brotdosen
Von Jacinta Nandi
Es gibt jetzt Bento-Box-Moms«, sage ich meinem achtjährigen Kind. Meine Stimme ist hart, sarkastisch und voller Verachtung. »Sie machen diese absolut perfekten Brotdosenkreationen. Mit Themen. Und Farben. Farben, die zueinander passen. So Frühlingsfarben, wenn sie ein Mädchen haben, und Star-Wars-Dosen, wenn es Jungs sind. Sie schnibbeln aus Karotten Rosen und Hasen und Darth Vaders and nutzen Cheese-Strings als Light-Sabers und es sieht alles so perfekt aus und brillant und ist natürlich dazu noch ernährungstechnisch total ausgewogen.«
Ich seufze. »Natürlich«, sage ich.
»Darth Vader aus Karotten in der Brotdose?«, fragt mein Sohn neugierig.
Ich zeige ihm ein paar Bilder des Brotdoseperfektionismus.
»Helicopter Moms waren gestern«, sage ich. »Bento-Box-Moms sind jetzt an der Macht.«
Mein Sohn beobachtet vorsichtig und sorgfältig die Brotdosenbilder – LITERALLY MAGNIFICENT – und dann beobachtet er mein Gesicht. Und dann spricht er, langsam und vorsichtig.
»Mama, bist du wütend auf diese Mamas?« Er schaut mich an. »Bist du sauer auf die?« Eine lange Pause. »Bist du … NEIDISCH?«
Es gibt nichts Schlimmeres, als von einem Kind zu hören, dass du vielleicht neidisch bist.
Ich schnaufe beleidigt. »ICH BIN NICHT NEIDISCH! SIE SIND HOBBYLOS!«
Mein Sohn schaut mich immer noch vorsichtig, aber neugierig an.
»Mama«, sagt er sanft und ruhig. »Das ist deren Hobby. Du hast andere Hobbys. Lass sie ihre Brotdosen schön machen. Das ist deren Hobby, das macht sie glücklich. Du hast andere Hobbys, die machen dich glücklich.«
Wellen von Scham überrollen mich, aber auch ein bisschen Stolz. Mein Kind hat einfach recht, und er hat mir eine wichtige Lektion erteilt. Die Bento-Box-Mamas sind nicht hobbylos. Die haben ein Hobby. Ein Hobby, das ich nicht teile. Warum bin ich wütend und sauer und neidisch, weil es Menschen gibt, die andere Hobbys haben als ich?
Warum kann ich nicht einfach sagen: Für mich als Mama ist es nicht nötig, das zu machen, aber ich finde es super und richtig süß, dass ihr das macht?
In dieser kapitalistischen Welt, in der wir leben, können Frauen alles immer nur falsch machen. Früher gab es Jungfrau oder Schlampe, heute gibt es Helikopter Mom oder Rabenmutter. Entweder ist eine Mutter unverantwortlich und gibt zu viele Süßigkeiten in der Brotdose mit – oder sie ist sehr unverantwortlich und gibt gar keine Brotdose mit – oder sie ist übertrieben perfektionistisch und bringt ihrem Kind nicht bei, selbst für seine Brotdose Verantwortung zu übernehmen – oder sie übertreibt es mit Origami-Paprika-Erfindungen, und ist dann selbst Schuld, wenn sie Burn-Out hat. Mütter machen alles falsch, aber immer anders falsch.
Doch die Wahrheit ist: Mama sein bedeutet, kreativ zu sein. Man kreiert ein Wesen in seinem Körper, und danach macht man zwei Karotten für Augen und grüne Bohnen für den Mund auf einem Kreis von Kartoffelbrei, man baut Schneemänner und bastelt Ostereierkörbe und selbstgemachte Adventskalender. Na ja, »man« macht das, klar: Es sind meistens die Frauen, die diese Bastelaktivitäten übernehmen.
Und das komische Phänomen ist: Alle Bastelaktivitäten, die für mich nicht infrage kommen, sehe ich als übertrieben und unnötig an.
Warum muss ich das so sehen? Warum kann ich nicht einfach sagen: Für mich als Mama ist es nicht nötig, das zu machen, aber ich finde es super und richtig süß, dass ihr das macht? Ich weiß es echt nicht. Meine Kinder haben nie einen selbst gemachten Adventskalender bekommen, und sie glauben beide, dass Kuchen backen mit Fertigboxpackung kaufen anfängt. Aber ich habe auch unnötige, übertriebene Dinge für sie und mit ihnen gemacht: Für eine Geschichtsaufgabe in der achten Klasse bastelte ich ein Brettspiel zum Thema Mittelalter – und jeden Sonntag schreibe ich zusammen mit meinem kleinen Sohn ein Gedicht, das die Wörter beinhaltet, die er für das Diktat am Montag auswendig lernen soll. Aber Helikopter-Mütter sind immer die anderen Mütter, ich, ich, ich, ich bin nur kreativ!
Wahrscheinlich würden in einer sozialistischen Welt, in der Mütter und Kinder frei wären, alle Menschen, auch Väter, auch kinderfreie Menschen, viel öfter unnötige und übertriebene Dinge tun. Wahrscheinlich kommt unser Neid nur von Überforderung und Groll darüber, dass nicht alle so kaputt sind wie wir selbst. Trotzdem, wenn ich total ehrlich bin: Egal wie sozialistisch Deutschland wird, eine Bento-Box-Mama werde ich nie. Cheese String, Actimel, Salami Stick und eine Banane, und gut ist. Das ist das Kreativste, was ich um 6 Uhr früh in mir habe.