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|ak 726 | Diskussion

Organizing ohne Organisationen? 

Wie könnte eine linke Berliner Regierung Erfolge erringen, und welche Rolle kann die Mietenbewegung dabei spielen?

Von Ralf Hoffrogge

Man sieht Leute in lila Westen von Deutsche Wohnen und Co enteignen vor einer Häuserschlucht von Plattenbauten.
Seit zehn Jahren bekommen Mieterinitiativen in Berlin durch Organizing-Methoden gezielt Starthilfe und Protestwissen vermittelt. Foto: DWE

Wenige Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus nehmen die Strategiedebatten der Mietenbewegung Fahrt auf. Es geht nicht mehr darum, ob Regieren an sich böse ist, sondern darum, wie man etwas für die Menschen herausholt. Als Ergänzung zum linken Regieren wird dabei auf Organizing gesetzt – doch das bisherige »Organizing ohne Organisationen« der Mietenbewegung ist brüchig – es braucht Alternativen.

Nach dem Desaster eines rot-roten Berliner Senats der Kürzungen und Privatisierungen in den Jahren 2002 bis 2011 machte die Berliner Mietenbewegung von 2016 bis 2023 gemischte Erfahrungen mit linkem Regieren. Hauptstädtische Mietenproteste erreichten einen Privatisierungsstopp und erkämpften in den letzten 15 Jahren über 100.000 neue öffentliche Wohnungen, durch Re-Kommunalisierung und Neubau. Keine andere soziale Bewegung kann mitten im Rechtsruck derartige Erfolge vorweisen. Aber seit fünf Jahren herrscht ein Patt zwischen Bewegung und Senat. Große Reformen wie Mietendeckel und Vergesellschaftung wurden gestoppt oder verschleppt. Im September 2026 stehen wieder Wahlen an, und die Umfragewerte der Linken schüren Hoffnungen: Könnte mit einer linken Bürgermeisterin der Durchbruch gelingen? Die Stadt-AG der Interventionistischen Linken (IL) warnt vor zu viel Optimismus. Unter dem Titel »Die Mietenkrise lässt sich nicht abwählen« plädiert sie für Organizing-Projekte mit dem Ziel einer »neu erstarkten Mietenbewegung, die alle regierenden Parteien vor sich hertreiben kann«. Daraus sprechen historische Erfahrungen: Ihre Erfolge erreichte die Mietenbewegung auch unter CDU-SPD-Koalitionen, mit einer Kombination aus lokalen Protesten, Massendemonstrationen und Volksentscheiden. In Berlin entstand so die Besonderheit eines Populismus ohne Parteien, während in anderen munizipalistischen Aufbrüchen von Barcelona bis New York Parteien oder Personenwahlkämpfe dominieren.

Organisierung damals und heute

Vor allem Volksentscheide halfen dabei, eine tiefsitzende Brüchigkeit der Mietenbewegung zu überwinden, die im Grunde eine Summe von lokalen Protesten gegen einzelne Eigentümer ist. Sie erlebte regelmäßige Wellen des Protests (siehe ak 718), doch ebenso regelmäßig brachen Demobündnisse und landesweite Mobilisierungen auch wieder ein. In meinem Buch »Das laute Berlin« habe ich lange über diese »soziale Zerbrechlichkeit« nachgedacht – und mache ebenfalls das Argument, dass die Übertragung des in den USA schon länger etablierten Community-Organizing auf deutsche Verhältnisse die zentrale Innovation der Berliner Mietenbewegung ist. Bis 2016 überließ sie Lernprozesse zwischen verschiedenen Initiativen dem Zufall oder persönlichen Netzwerken. Seit zehn Jahren dagegen bekommen Initiativen durch Organizing-Methoden gezielt Protestwissen vermittelt. Jedoch gibt es seit den ersten Experimenten Klagen darüber, dass mit Starthilfe aufgebaute Initiativen auf Begleitung angewiesen bleiben und auch gut laufende Initiativen zeitlich begrenzt sind.

Schon die Rätebewegung musste feststellen, dass Mobilisierung nicht ewig währt.

Beim vermeintlichen Gegensatz Organizing vs. Partei fehlt daher etwas Wesentliches: Die Berliner Mietenbewegung hat ein »Organizing ohne Organisationen« betrieben. Sie organisiert meist in Kiezinitiativen und Kampagnen hinein. Auch Deutsche Wohnen & Co Enteignen ist eine Kampagnenstruktur, entworfen für das Durchkämpfen eines Volksentscheids. Erfunden wurde Organizing jedoch für Massenorganisationen der Arbeiter*innenbewegung. Organizing war Mitgliederwerbung, ganz gleich, welche politische Richtung dahinterstand. Die anarchosyndikalistischen Wobblies erfanden es in den 1910er Jahren, um ihre Gewerkschaft IWW aufzubauen. Einen zweiten Höhepunkt erlebte das US-Organizing in den 1930er Jahren in den Gewerkschaften des CIO – ein eher kämpferisch-sozialdemokratischer Dachverband, der die betriebspartnerschaftliche US-Arbeiter*innenbewegung aufmischte. Auch die Organizing-Ikone Jane McAlevy berief sich stets auf die Erfahrungen der 1930er Jahre.

Sucht man eine deutsche Tradition des Organizing, findet man sie etwa in den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, die vom Kaiserreich bis in die Gegenwart eine ehrenamtliche Basis von Gewerkschaften in den Betrieben zusammenhielten. Mit den revolutionären Obleuten gab es im Ersten Weltkrieg eine Organizing-Struktur, die Massenstreiks gegen den Krieg organisierte, eine Revolution vorantrieb und die Rätebewegung aufbaute – eine beachtliche Leistung. Dass sie nicht mit, sondern gegen die Partei- und Gewerkschaftsführungen erbracht wurde, verweist jedoch auf das Spannungsverhältnis von Organisation und Organizing. Organizing ist ein Set von Machttechniken, das Mobilisierungen erleichtert – doch schon die Rätebewegung musste feststellen, dass Mobilisierung nicht ewig währt. Am Ende der Novemberrevolution dominierten erneut Parteien und Großgewerkschaften die Landschaft – verstärkt durch zahlreiche, in der Rätebewegung sozialisierte Aktivist*innen.

Linkspartei, Mietervereine und Plattformen

Die Linkspartei stößt heute in eine Lücke. Sie hat aus verschiedenen Quellen Organizing-Techniken übernommen und daraus einen eigenen Politikstil gemacht: Haustürgespräche, Neumitgliedertreffen, Sozialberatung oder Straßenfeste verankern die Partei im Alltag. Die Linke macht ein Politikangebot, das Kampagnen und dauerhafte Organisierung verbindet und multithematisch ist – und nicht Mieten, Wasser oder das Tempelhofer Feld im richtigen Moment auf die Agenda setzt und nach dem Volksentscheid wieder auseinanderfällt.

Gleichzeitig ist die Linke keine rein aktivistische Struktur, sondern lässt Passivmitgliedschaften zu. In Kombination mit repräsentativer Demokratie bei Parteitagen oder Wahllisten erlaubt diese Passivmitgliedschaft auch Leuten mit Vollzeitjobs und Kindern, politisch wirksam zu sein. Sie müssen nicht zweimal die Woche zu Plena rennen. Die nur gelegentlich aktiven Mitglieder füllen eine gemeinsame Kasse, die wiederum organisierende Mitglieder finanziert. Auch die DGB-Gewerkschaften nutzen Organizing gezielt zur Mitgliederwerbung. Doch sie arbeiten streng betrieblich. Arbeitskreise zu Friedens- oder Frauenpolitik wie in den 1970er Jahren gibt es kaum mehr, das allgemeinpolitische Mandat der Gewerkschaften wird von den Vorständen wahrgenommen. Auch diese Lücke hat die Linke erkannt und bemüht sich, sie zu füllen.

Die Mietenbewegung dagegen praktiziert ein Organizing, das ganz auf Empowerment setzt. Als Organisationsmodelle bietet sie lokale Kiezinitiativen an, die idealerweise in einer landesweiten Großkampagne zusammenkommen. Die Probleme dieses Modells werden dabei durchaus gesehen: Überforderung der Aktiven, zu wenig hauptamtliche Organizer*innen, regelmäßiges Zerfallen von Initiativen und Kampagnen, eine eher akademisch-jugendbewegt-aktivistische Zusammensetzung von Bewegungskernen, die sich nur schwer überwinden lässt. Ab 2020 wurde versucht, die ständige Überarbeitung Ehrenamtlicher und das Klein-Klein der Initiativen mit einem staatlich finanzierten Initiativenforum Stadtpolitik zu heilen. Aus der Bewegung rekrutierte Hauptamtliche leisteten Wissenstransfer und Koordinierung. Das Projekt wurde jedoch mit dem Regierungswechsel zu Schwarz-Rot 2023 buchstäblich abgeschaltet. Eine staatliche NGO-Finanzierung schafft keine Unabhängigkeit von Parteien. 

Die Mietenbewegung praktiziert ein Organizing, das ganz auf Empowerment setzt.

Die Mietenbewegung besann sich unter anderem deshalb auf die Mietervereine als Alternative. Lange existierte eine Trennung von Vereinen und informeller Bewegung, die sich jedoch 2019 auflöste – in diesem Jahr unterstützte der fast 200.000 Mitglieder umfassende Berliner Mieterverein das Vergesellschaftungs-Volksbegehren. Seit 2022 übernahm der Berliner Mieterverein in einem Kiezprojekt die Organizing-Methoden der Bewegung. Auch die kleinere Berliner Mietergemeinschaft hat sich nach Überwindung einer Vorstandskrise ab 2025 der Mietenbewegung angenähert. Allerdings ist dieses Aufeinander zugehen nicht reibungslos – neben den großen konkurrieren noch kleinere Mietervereine, die Bewegung rührt in mehreren mit. Viel davon wird hinter verschlossenen Türen diskutiert, um öffentlichen Streit zu vermeiden, was Debatten erschwert und vielleicht auch erklärt, warum die Berufung aufs Organizing oft so abstrakt daherkommt.

Eine andere Antwort auf die Wahl- und Organisationsfrage ist das Plattform-Modell, wie es gerade die Initiative Berlin Zusammen vorschlägt: Sie bündelt Kräfte verschiedener sozialer Bewegungen über die Mietenfrage hinaus. Ihr Ziel ist, im Berlin-Wahlkampf 2026 eigene Themen zu setzen – von den Mieten über das marode Gesundheitssystem bis hin zur Überausbeutung von Migrant*innen auf den Arbeitsmärkten Berlins. Vor Wahlkampf schreckt die Plattform nicht zurück. Sie tritt aber nicht selbst an, sondern will Kandidat*innen auf ein Set fortschrittlicher Forderungen verpflichten und nach der Wahl als Partner auf Augenhöhe über deren Umsetzung verhandeln. Ob das gelingt, wird von ihrer Mobilisierungskraft abhängen.

Abstimmung mit den Füßen

Es ist gut, dass die Debatte über linkes Regieren nüchterner geführt wird, dass sich außerparlamentarische Kräfte nicht mehr allein von der Angst vor Vereinnahmung treiben lassen. Doch ist die Debatte über organisierenden Druck noch unterentwickelt. Die Forderung nach »mehr Ressourcen für Organizing«, wie sie in dem Debattenbeitrag in der vergangenen ak gestellt wurde, kann die Kernfrage nicht beantworten: Wo sollen sich die Leute denn organisieren? Es liegt in der Natur einer sozialen Bewegung, dass sie sich dabei nicht festlegt – auch die Anti-AKW‑Bewegung hatte parlamentarische und außerparlamentarische Netzwerke, informelle und formelle Strukturen. Damit stellt sich aber umso mehr die Frage, wie die nicht-parteiförmigen Strukturen der Mietenbewegung ihre Brüchigkeit überwinden können. 

Stellt man die Frage so, müssten Mietervereine ins Zentrum rücken – während sie bisher oft hinter Parteidebatten, Volksentscheiden und Großkampagnen verschwinden. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zur Kenntnis nehmen: Längst findet eine Abstimmung mit den Füßen statt, bei der Einzelne sich »ihre« Organisierung suchen. Hunderte Aktive aus dem Kern der Berliner Mietenbewegung sind inzwischen Mitglieder der Linkspartei geworden, darunter auch der Autor dieser Zeilen. Damit ist die Linke anders als 2002 oder 2016 kein externer Faktor mehr, der durch soziale Bewegungen von außen unter Druck gesetzt wird. Die Masse der Doppelmitgliedschaften bindet die Hauptstadtlinke an die Mietenbewegung, birgt aber auch Konfliktpotenzial.

Die Frage ist also nicht mehr Organizing oder Organisation – sondern: welches Organizing passt zu welcher Organisation? Wie verhalten sich Mietervereine, Partei und außerparlamentarische Proteste zueinander, damit daraus ein gemeinsames Klassenprojekt wird? Und wie kann Organizing Parteien und Mietervereine entbürokratisieren, sie demokratischer und schlagkräftiger machen? 

Ralf Hoffrogge

ist Historiker und Mietenaktivist. Er lebt in Berlin. Sein jüngstes Buch »Das laute Berlin« (Brumaire 2025) beschreibt, wie eine neue Mietenbewegung mitten im Rechtsruck die soziale Frage von links politisieren konnte.