Den Horror direkt aussprechen
Sharon Dodua Otoo lässt in ihrem neuen Roman einen Mord geschehen und erklärt, was man damit aufzeigen kann
Interview: Jonas Berhe
Im Interview spricht die Autorin Otoo über ihren zweiten Roman »So, in etwa, ist es geschehen«. Ihre Hauptfigur wird zur Mörderin. Otoo schreibt durch die Tat ihrer Protagonistin aber auch über Rassismus und die daraus entstehende Wut.
Ist »So, in etwa, ist es geschehen«, dein zweiter Roman, eine notwendige Intervention in den Literaturbetrieb – und wenn ja, warum ist sie aktuell notwendig?
Sharon Otoo: Das ist eine wirklich gute Frage! Und wenn ich ehrlich sein soll: Ja. Gleichzeitig möchte ich als Literatin ernst genommen werden. Ich werde als Schwarze Aktivistin wahrgenommen, und das ist auch eine Selbstpositionierung. Das ist aber ambivalent: Es gibt nicht viele Schwarze Schriftsteller*innen im deutschen Literaturbetrieb. Unsere Arbeit wird typischerweise in eine soziologische Schublade gesteckt. Mir ist klar, ich nehme es in Kauf, dass sich viele von meinem neuen Buch provoziert fühlen. Weil ich tatsächlich der Meinung bin, dass Kunst unter anderem auch diese Aufgabe hat. Kunst kann einen Raum in der Gesellschaft aufmachen, um Tabus neu zu beleuchten. Das muss nicht immer, aber manchmal doch schon auch über Provokationen geschehen. Da folge ich den Fußstapfen von Brecht, Böll und anderen, die dies zu ihrer Zeit getan haben.
Du schreibst über dein neues Buch, dass es sich einerseits um eine Geschichte handelt, die du schreiben musstest, und die dir andererseits aber auch teilweise Angst gemacht hat. Das klingt sehr intim und persönlich. Darf ich fragen, was genau hat dir beim Schreiben Angst gemacht?
Ich schreibe über eine Frau, die einen Mord begeht. Was mir Angst machte, und da bin ich nicht ganz sicher, ob mir das gelungen ist, war, ob die Handlung plausibel sein musste, zudem auch in einer nachvollziehbaren Ich-Perspektive erzählt. Hierzu musste ich in mir selbst in einem gewissen Abgrund wühlen. Ich habe darüber nachgedacht, ob es uns allen wie Amata, der Hauptfigur, gehen würde, wären die Umstände entsprechend. Also: Wären wir in der Lage, eine andere Person umzubringen? Es wäre leicht gewesen, eine Person zu beschreiben, die ein Monster ist, die komplett böse ist. Aber das wollte ich nicht, ich wollte eine Person beschreiben, die mit mir befreundet sein könnte und dennoch so ausrastet, dass sie tötet.

Sharon Dodua Otoo
ist Schriftstellerin, Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe »Witnessed« und Kuratorin des Schwarzen Literaturfestivals »Resonanzen«. Mit dem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« gewann Otoo 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2020 hielt sie die Klagenfurter Rede zur Literatur »Dürfen Schwarze Blumen Malen?«, die im Verlag Heyn erschien. Ihr erster Roman »Adas Raum« (S. Fischer Verlag, 2021) wurde 2023 für die Shortlist des BücherFrauen-Literaturpreises »Christine« ausgewählt und in mehrere Sprachen übersetzt. Es folgten weitere Auszeichnungen und Stipendien; 2025 hielt sie die Zürcher Poetikvorlesung »Im Vertrauern«. »So, in etwa, ist es geschehen« ist ihr zweiter Roman.
Und warum musste die Geschichte geschrieben werden?
Die letzten Jahre wirkten auf mich wie eine grundlegende gesellschaftliche Umwälzung. Beispielsweise könnte die AfD eventuell bald in einer Regierungskoalition vertreten sein. Am 7. Oktober 2023 saß ich gerade an einem Romanprojekt und dachte, das passt überhaupt nicht mehr. Das kannst du so nicht weiterverfolgen. Mir wurde klar, ich muss eine Geschichte schreiben, die dem Ernst der Lage gerecht wird. Mir ist da Max Czollek mit seiner Bemerkung eingefallen: Die einen sehen die Flammen, während die anderen noch nicht mal den Rauch riechen. Literatur hat die Macht, in diesen fiktiven Raum zu führen und dieses Gedankenexperiment zu machen. Und dieser Gedanke musste raus, bevor ich mich an andere Erzählungen machen kann. Darum musste ich diese Geschichte schreiben, obwohl sie es mir nicht einfach gemacht hat.
Der Roman verbindet eine klaustrophobische Autofahrt mit einem späteren Gerichtsprozess. Ich unterstelle, du hast diese beiden Räume, der deutsche Lieblingsplatz – das enge Auto – und die sprichwörtliche Enge der hiesigen Gerichtsbarkeit als Räume nicht zufällig gewählt…
(Lacht) … Autofahrt auf jeden Fall! Ich habe das Gefühl, ich sitze fest, und wir werden regiert bzw. geführt/gefahren von Menschen, deren Ansichten ich nicht nachvollziehen kann, die uns vollquatschen mit ihren Ansichten beispielsweise über Migrant*innen und zudem eine Richtung einschlagen, die ich überhaupt nicht teile. Ich habe auch über das Atmen geschrieben, im Sinne eines »I can’t breathe«. Er, also Heinz Brockhaus, ihr Opfer, nimmt Amata den Raum zu atmen, so wie sie es auch in der Untersuchungshaft beschreibt. Zum Stilmittel des Gerichts bzw. Umgang mit juristischen Realitäten: Wir wehren uns als Betroffene von Ausgrenzung und Rassismus auch mit juristischen Mitteln, so gut wir können. Gleichzeitig haben Menschen mit Geld und Netzwerken viel größere Chancen vor Gericht. Ich bin also skeptisch – das ist kein neutraler Boden, und darum hatte dieser Ort seinen Platz im Buch. Mit Figuren wie Nkechi wollte ich aber auch zeigen, dass es Menschen in der Community gibt, die es im vorhandenen System versuchen und die eine oder andere Veränderung erwirken können.
Am 3. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht in Hamburg und gleichzeitig wird von den Briten die Cap Arcona versenkt, und damit sterben 7.000 KZ-Häftlinge. Der Großvater der Hauptfigur überlebt diesen nicht geplanten Massenmord, und der 3. Mai wird im Roman zum familiären Erinnerungstermin zwischen Mutter und Tochter. Ist das eher als Heilung durch ritualisierende Momente zu verstehen oder als mitunter brutale Bestandsaufnahme, wie sich Geschichte in Schwarze Körper einschreibt?
Beides glaube ich. Also das Überleben des Großvaters zu feiern. Aber Mutter und Tochter gehen ja nicht zum offiziellen Gedenken und schaffen stattdessen einen eigenen Raum des Erinnerns. Weil eben Schwarze Menschen im Gedenken an den Nazi-Terror kaum thematisiert oder, noch schlimmer, als Konkurrenz wahrgenommen werden. Daher ist das als mein Beitrag zum Gedenken aus Schwarzer Perspektive zu verstehen. Denn beiden, Mutter und Tochter, ist das bereits vorhandene Erinnern nicht ausreichend.
Ich verstehe deine Hauptfigur Amata Haller eher als Schwarze Antiheldin denn als banalen apologetischen Gewaltjunkie …
Sie ist definitiv kein Gewaltjunkie!
Das ist als mein Beitrag zum Gedenken aus Schwarzer Perspektive zu verstehen.
…also als Person, die sich mit einem für sie notwendigen gewalttätigen Akt gegen die Figur des wohl saturierten, männlichen Chefs, der ihr im Auto regelrecht die Luft zum Atmen nimmt, behauptet. Früher hätte man ihm wohl zugerufen: »Deutsch mich nicht voll!« Im Roman gehst du allerdings einen Schritt weiter. War dir sein Ende von Anfang an klar?
Ja. Es ist tatsächlich so, dass mir beim Scheiben von verschiedenen Seiten vom Mord abgeraten wurde. Es gab beispielsweise den Vorschlag eines Unfalls. Ich hatte auch eine Fassung, in der er aufgrund einer Allergie durch einen Bienenstich stirbt. Mir wurde auch vorgeschlagen, dass Amata am Ende aufwachen soll und feststellt, dass alles ein intensiver Traum war. Aber ich wollte meine Leser*innenschaft ernst nehmen und darum ein irreparables Ende haben. Lesende sollten sich fragen: Warum? Wie kann es so weit kommen, dass eine Person fast regelrecht gezwungen wird, so auszurasten? Bei einer Lesung wurde ich kürzlich gefragt: Warum muss es Mord sein? Die Moderation, Fabienne Mahwane, als selbsterklärter Horror-Fan, antwortete: Horror-Filme/Bücher zu konsumieren, ist für uns als traumatisierte Personen fast schon eine heilende Erfahrung. In dieser Logik musste Brockhaus als Figur sterben. Und zwar gewaltvoll.
Amata bereut den Tod von Heinz Brockhaus nicht, im Gegenteil: Sie hat sich zur Feier des Tages noch vor dem Gerichtstermin die Fingernägel lackiert.
Auch das stimmt und musste so sein. Im Diskurs um die Nazi-Vergangenheit Deutschlands hören wir oft »Ich wusste das nicht« oder »Ich kann nichts dafür«. Ähnlich wie in rassistischen Kontexten heutzutage: »Es war nicht so gemeint« etc. Brockhaus sagt beispielsweise nie: »Es tut mir leid, das war meine Schuld« oder etwas ähnlich Klares. Damit Verantwortung übernommen wird, muss der Horror direkt ausgesprochen werden, und dann erst kann eine Gesellschaft konsequent darüber nachdenken, wie sie sich einen Zustand »danach« vorstellen kann. Sich über transformatorische Gerechtigkeit Gedanken zu machen, finde ich besser, als einfach Menschen ins Gefängnis abzuschieben. Das würde uns als Gesellschaft weiterbringen.
Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es geschehen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2026. 144 Seiten, 22 EUR.