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|Thema in ak 726: Drogen

Moralismus und Segregation

Schwedens restriktive Drogenpolitik kreiert mehr Probleme, als sie löst

Von Gabriel Kuhn

Grafik: Fleur Nehls

Die internationale bürgerliche Presse findet seit einigen Jahren Gefallen daran, dass das einstige sozialdemokratische Vorzeigeland Schweden scheinbar vor die Hunde geht. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: die Bandenkriminalität. »Schweden ist geplagt von Drogenkriegen«, titelte die Frankfurter Rundschau im November 2025. Andernorts ist von »brutalen Drogengangs« oder »Teenagern, die für Drogen töten«, zu lesen. Starker Tobak, aber einiges geht hier durcheinander.

Ja, Bandenkriminalität ist ein Problem in Schweden. Das ist keine Erfindung der politischen Rechten, auch wenn diese das Thema bis zum Geht-nicht-mehr für sich auszuschlachten trachtet. Die rechte Allianz ritt 2022 auf einem Wahlkampf zum Sieg, der unter anderem die Verdoppelung aller Gefängnisstrafen bei Bandenmitgliedschaft versprach. Doch es gibt in Schweden keine »No-Go-Zonen«, das ist Humbug. Was es gibt, sind Schusswechsel zwischen rivalisierenden Gruppen, denen auch Unbeteiligte zum Opfer fallen können, Bombenanschläge in Mehrfamilienhäusern und eine gezielte Rekrutierung strafunmündiger Minderjähriger. Es gibt Stadtviertel, in denen Kriminalität Einfluss auf den Alltag nimmt.

Dabei werden auch Drogen verkauft. Die Bandenkriminalität darauf zu reduzieren, greift jedoch zu kurz. Erstens sind die Banden nicht vom Drogenhandel abhängig. Raub, Betrug, Erpressung – das Repertoire, um an Cash zu kommen, ist breit. Vor allem aber lassen sich die Banden nicht über ihre kriminellen Aktivitäten erklären, sondern über die Bedingungen, die sie hervorbringen.

Ein kleiner Beutel Gras

Schweden ist statistisch gesehen das am stärksten segregierte Land Europas. In allen größeren Städten gibt es Viertel, in denen über 90 Prozent der Bevölkerung sogenannte »Migrant*innen erster oder zweiter Generation« sind. Diese Viertel haben die schlechteste soziale Infrastruktur des Landes, sind meist geografisch isoliert und bieten Jugendlichen wenig Zukunftsaussichten. Von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert, ziehen die Menschen dort im »Kampf um Integration« zwangsläufig den Kürzeren. Die Banden bieten Aufstiegsmöglichkeiten an, die der Jugend sonst verwehrt bleiben.

Schließen sich Jugendliche Banden an und verkaufen Drogen, dann am unteren Ende der Hierarchie. Die großen Fische bleiben im Hintergrund, leben gut getarnt in der Mehrheitsgesellschaft oder befinden sich gar nicht erst in Schweden. Sie werden selten gefasst, anders als die Kids, die an S-Bahnhöfen oder in Unterführungen Endabnehmer*innen mit kleinen Mengen versorgen. Doch nicht nur die Kleindealer*innen fahren ein. Auch die Endabnehmer*innen erwischt es in Schweden schnell.

Die schwedische Drogengesetzgebung ist ausgesprochen restriktiv. Es lassen sich Vergleiche zu den Gesetzen ziehen, die die Sexarbeit regulieren. Das »schwedische Modell«, das jede Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen kriminalisiert, scheint genauso wenig zum liberal-progressiven Ruf des Landes zu passen wie die »Nulltoleranz« in der Drogenpolitik.

Pikant ist, dass der Handel mit Alkohol in Schweden Staatsmonopol ist.

Eine Unterscheidung zwischen »weichen« und »harten« Drogen gibt es nicht. Ein kleiner Beutel Gras kann Leute genauso in die Bredouille bringen wie ein ansehnliches Päckchen Heroin. Sind die Mengen klein genug, um überzeugend Eigenbedarf reklamieren zu können, kommen die Ertappten in der Regel um Gefängnisstrafen herum. Doch selbst wer von seinem Vorrat kostenlos abgibt, kann wegen Handels belangt werden. Die Konsequenzen sind nicht zu unterschätzen. Auch wenn es sich nur um Cannabis handelt, können Führerscheinentzug und ein De-facto-Arbeitsverbot in gewissen Branchen die Folge sein.

Pikant ist in dem Zusammenhang, dass der Handel mit Alkohol in Schweden Staatsmonopol ist. Bis zu 30 Millionen Euro Gewinn pro Jahr macht das staatliche Unternehmen Systembolaget, das den Verkauf einer Substanz reguliert, die ungleich mehr gesellschaftliche Kosten verursacht als alle kriminalisierten Drogen zusammen. Trotzdem wird die Drogenpolitik im Lande kaum infrage gestellt. Sie lässt sich als puritanisches Vermächtnis deuten, als Moralismus, der sich in moderner Form präsentiert.

Linke Staatstreue

Das Argument, wonach die restriktive Drogenpolitik das Gemeinwohl vor individuellen Eskapaden schütze, findet im schwedischen »Volksheim« Widerhall. Gegen Eskapaden an sich hat man dort freilich nichts – solange sie sich des staatlich kontrollierten Alkohols bedienen, kollektiv begangen werden und an den dafür vorgesehenen Feiertagen stattfinden.

Die Politik kann sich dabei auf die Unterstützung der in Schweden historisch stark verankerten und bis heute gut organisierten Abstinenzbewegung verlassen. Deren Speerspitze hat ihre Ursprünge in der Freimaurerei und änderte erst vor kurzem ihren Namen von IOGT-NTO zu Movendi Sverige, was leichter von der Zunge geht. An den Inhalten ändert der Name wenig. Zwar wendet sich Movendi Sverige auch gegen die Staatsdroge Alkohol, doch in Hinsicht auf die strafrechtliche Verfolgung verbotener Substanzen stellt man sich ganz auf die Seite des Staates. So sehr, dass Informationsbroschüren der Organisation zum Drogenkonsum – deren Behauptungen von Wissenschaftler*innen kritisch beäugt werden – auch bei schwedischen Strafvollzugsbehörden aufliegen.

Dass die Abstinenzbewegung nicht zum Vorreiter einer Entkriminalisierung bewusstseinsverändernder Substanzen in Schweden wird, darf nicht überraschen. Überraschender mag sein, dass auch innerhalb der Linken kaum Kritik an der schwedischen Drogenpolitik laut wird. Wie im Falle der Sexarbeit gilt das Infragestellen der Gesetzgebung meist als »liberal«.

Staatstreue findet sich in Schweden oft, wo man sie am wenigsten erwartet. Das gilt auch für die Straight-Edge-Szene, die durchaus Einfluss hat. Umeå, eine beschauliche Universitätsstadt im Norden des Landes, galt in den 1990er Jahren mit ikonischen Bands wie Refused gar als »Straight-Edge-Hauptstadt Europas«. Die Stadt beherbergt heute ein eigenes Straight-Edge-Archiv. (Dieses beruht zu einem großen Teil auf der privaten Sammlung des Refused-Drummers David Sandström.) In mehreren schwedischen Städten arbeiten Straight-Edge-Gruppen eng mit Movendi Sverige zusammen. DIY (Do It Yourself) wird hier eher breit gedeutet.

Wer auf Strafe setzt, vernachlässigt gerne Hilfe. An diese kommen Drogennutzer*innen in Schweden nur schwer, egal, ob es um sicheren Gebrauch oder Suchttherapie geht. Im Großraum Kopenhagen/Malmö führt dies immer wieder zu Spannungen, da die Drogenpolitiken in den beiden Städten, die seit dem Jahr 2000 mit einer Brücke verbunden sind, unterschiedlicher kaum ausfallen könnten. Dänische Aktivist*innen fahren schon mal mit mobilen Drogenkonsumräumen (so genannten »fixelancen«, eine Ableitung der Ambulanz) in das Nachbarland, um dort auf die ihrer Ansicht nach unwürdigen Umstände aufmerksam zu machen. Dies zieht so viel Unmut der schwedischen Behörden auf sich, dass die Taktik auch in der populären »Hab-deine-Polizei-lieb«-Serie »Tunna blå linjen« (»Die dünne blaue Linie«) Thema war, die im schwedischen Fernsehen von 2021 bis 2024 lief.

Der systematische Rassismus, der europäische Länder prägt, schlägt sich auch in der schwedischen Drogenpolitik nieder. Vertrauenswürdigen Quellen zufolge werden bei Razzien nicht selten alle blonden Jugendlichen nach Hause geschickt, bevor der Rest hopsgenommen wird. Die ultrarechten Schwedendemokraten, die Kleindealer*innen aus migrantischen Vierteln jahrelange Gefängnisstrafen wünschen, geben sich erstaunlich tolerant, wenn es um angebliche Gelegenheitsnutzer*innen geht, in Schweden auch »Party-Fixer*innen« genannt. Vielleicht ist das kein Wunder, finden sich solche doch in den eigenen Reihen, etwa die Parlamentsabgeordnete Katja Nyberg, die im Dezember 2025 mit Alkohol und Kokain im Blut am Steuer ihres Wagens angehalten wurde. Fun Fact: Nyberg ist vom Dienst freigestellte Polizeibeamtin. Dem Parlament gehört sie mittlerweile als »politische Wilde« an.

Billige Propaganda

Was bedeutet all das für die Banden in Schweden? Nun, in erster Linie, dass mit Drogen Geschäfte zu machen sind. Vor allem aber auch, dass sich in Gefängnissen Menschen rekrutieren lassen, deren einziges Verbrechen darin bestanden haben mag, im Freundeskreis ein bisschen Haschisch geteilt zu haben. Angesichts der gesellschaftlichen Konsequenzen, die nach ihrer Freilassung zu erwarten sind, können Angebote von Mithäftlingen mit guten Verbindungen ins kriminelle Milieu verlockend sein.

Mit anderen Worten: Während der Staat die Banden und den Drogenverkauf für den Verderb der Jugend des Landes verantwortlich macht, schleust er diese den Banden über eine ausgesprochen restriktive Drogenpolitik zu. Bekämpft wird dabei weder das Banden- noch das Drogenproblem, vielmehr werden beide aneinander gekoppelt. Die politischen Entscheidungsträger*innen sollten sich selbst an der Nase nehmen, wenn es um »Drogenkriege« in Schweden geht. Die Verantwortung strukturell benachteiligten und ausgegrenzten Jugendlichen in die Schuhe zu schieben, ist billige politische Propaganda.

Gabriel Kuhn

ist Gewerkschaftssekretär und lebt in Stockholm.