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|ak 725 | Kultur

Üben für die große Veränderung

In »Los sueños que compartimos« untersucht die Dokumentarfilmerin Valentina Leduc Navarro die Verbindung von Widerstand und Utopie

Von Yaro Allisat

Man sieht ein buntes Mural, das Zapatisten auf einem Boot zeigt.
Der Film zeigt u.a. den Besuch der Zapatistas in Europa, der hier auf einem Mural festgehalten wurde. Foto: Valentina Leduc Navarro

Aus verständlichen Gründen sind wir als Linke manchmal hoffnungslos. Doch das sollte uns nicht davon abhalten, Utopien zu zeichnen. Wir befinden uns an vielen Orten weltweit in Abwehrkämpfen. Es waren immer Abwehrkämpfe, die zu Revolutionen führten. Jene der roten Matrosen gegen den Ersten Weltkrieg, der russischen Bolschewiki gegen die Zarenherrschaft oder der indigenen Gemeinden in Mexiko gegen die kapitalistische Landnahme, der 1994 in den bewaffneten Kampf gegen die Regierung mündete und aus dem die zapatistischen Gemeinden entstanden sind. In der Krise liegt also stets auch das Potenzial für Widerstand. Und im Widerstand liegen die Keime der neuen Welt.

Ihre Hoffnung und ihren Kampf in die Welt zu tragen: Mit diesem Motto brach eine Delegation der Zapatistas 2022 nach Europa auf, um dortige Widerstandsbewegungen zu besuchen. Mitten in der Corona-Krise, die viele soziale Bewegungen, unter anderem die Klimagerechtigkeitsbewegung Fridays for Future lähmte, brachen sie mit dem Boot in Richtung Galizien auf, wo sie am 22. Juni anlandeten. 

Die mexikanische Filmemacherin Valentina Leduc Navarro begleitete sie auf ihren Besuchen in Lützerath, im Hambacher Forst und Galizien, und sie zeigt den Kampf der indigenen Nahuatl gegen die Wasserentnahme des Konzerns Bonafont in Mexiko.

Bonafont gehört zur französischen Danone-Gruppe und ist Marktführer für abgefülltes Wasser in Mexiko. Allein die Wasseranlage des Konzerns im Bundesstaat Puebla förderte rund 1,4 Millionen Liter am Tag, was zu einem Rückgang der Oberflächengewässer von 40 Prozent führte. Für die lokale Bevölkerung bedeutete das vertrocknete Felder und eine Bedrohung der Subsistenzwirtschaft. Statt Wasser aus Quellen und Brunnen gab es nun Wasser aus Plastikflaschen im Supermarkt. 

Ihre Hoffnung und ihren Kampf in die Welt zu tragen: Mit diesem Motto brach eine Delegation der Zapatistas 2022 nach Europa auf, um dortige soziale Bewegungen zu besuchen.

Indigene Gemeinden rund um die Anlage schlossen sich unter dem Namen Pueblos Unidos zusammen und entschieden, das Werk zu besetzen. Am 8. August 2021 machten sie daraus Altepelmecalli, das Haus der Pueblos. Obwohl Altepelmecalli im Februar 2022 durch die Sicherheitskräfte des Bundesstaats brutal geräumt wurde, hat Bonafont den Betrieb seitdem nicht mehr aufgenommen. Das Grundwasser begann wieder zu steigen, zwei Wochen nachdem die Anlage geschlossen wurde. Daneben ist die Tatsache, dass die Pueblos sich im Kampf gegen Danone vereint haben, eines der wichtigsten Resultate dieses Kampfes.

Der Film zeigt die Pueblos Unidos von der kollektiven Entscheidung, die Wasserentnahme zu beenden, über den Beginn der Besetzung bis zu ihrer Räumung. Er dokumentiert das alltägliche Leben rund um die Widerstandsbewegungen und porträtiert die Menschen, ihre Wünsche und Erfolge. »Die Organisation mit anderen Teilen der Welt«, so ein Sprecher der Pueblos Unidos, »ist von grundlegender Bedeutung, denn wenn wir Schulter an Schulter Widerstand leisten, schaffen wir Handlungsmöglichkeiten«.

Winter in Westdeutschland. Der Kohlebagger im Tagebau Garzweiler II ist so knapp vor Lützerath, dass man die Erdkrümel, die von seinen Schaufeln fallen, schon mit bloßem Auge sehen kann. Mehr als zwei Jahre lang hatten wenige Personen die Besetzung vor Ort aufgebaut, damit sie im Januar 2023, als die Räumung nahte, zu einem Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung werden konnte. Abseits von den weit bekannten Bildern der Räumung porträtieren Navarro und ihr Team auch hier die solidarischen Beziehungen, die die Besetzer*innen aufbauen. »Alles, was wir hier gelernt haben, all die Beziehungen, die wir hier aufgebaut haben, die können sie uns niemals nehmen«, so die Aktivistin Indigo im Angesicht der drohenden Räumung Lützeraths. »Eigentlich üben wir hier für die viel notwendigere, viel größere Veränderung.«

Dass die Besetzer*innen die etablierte Lebensweise innerhalb solidarischer Strukturen infrage stellen, heißt nicht, dass allein eine Veränderung der Beziehungsweisen Revolutionen hervorrufen kann. Die Revolution selbst schafft durch ihre Praxis der Veränderung erst die materielle Basis für die »revolutionären Menschen«. Ohne sie werden die Beziehungen im Kapitalismus erodieren, die Besetzungen geräumt, soziale Bewegungen immer wieder aufsteigen und abflauen. Die alltäglichen Kämpfe und Proteste sind aber die Nuklei einer neuen Welt in der alten, die Schule der großen Veränderung, in der wir lernen uns zusammenzuschließen, anstatt uns spalten zu lassen. Oder, wie es in dem Film heißt: »Wir dürfen nicht zulassen, dass dystopische, pessimistische Zukunftsbilder uns daran hindern, die Macht, die Kraft, die Energie und den Mut zu haben, unsere Realitäten heute zu verändern.«

Yaro Allisat

ist freier Journalist und aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung und bei der Refugee Law Clinic Leipzig als Berater im Asyl- und Aufenthaltsrecht.

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