Weniger arbeiten, mehr verdienen
Wer den Wirtschaftsstandort Deutschland retten will, muss die Arbeitszeitdebatte vom Kopf auf die Füße stellen
Mit dem konservativen Kampfbegriff »Lifestyle-Teilzeit« hatte Bundeskanzler Friedrich Merz bei vielen Werktätigen schon gewaltiges Augenrollen ausgelöst. Wie ein strenger Schulmeister holte er wenig später zu einem noch größeren Verbalschlag aus: Vor Deutschlands versammelten Industriellen bezweifelte er beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau, ob die Zahl der Krankheitstage von Angestellten tatsächlich notwendig sei – um anschließend über den Begriff der »Work-Life-Balance« zu spotten. Der Kanzler blies zum Klassenkampf von oben.
Glücklicherweise sitzen die sozialdemokratischen Reflexe in Deutschland noch tief. Vonseiten der SPD und der Gewerkschaften kam umgehend Protest: Man solle lieber Arbeit attraktiver machen und mehr in Kinderbetreuung investieren, bevor der Teilzeitanspruch infrage gestellt werde. Was jedoch nicht hinterfragt wurde, war die unterschwellige Annahme, dass die deutsche Wirtschaft durchaus mehr Arbeitsstunden benötige, um aus der strukturellen Schwächephase herauszukommen.
Sozialdemokratische Reflexe
Denn sowohl liberal-konservative als auch sozialdemokratische Stimmen berufen sich seit Jahrzehnten auf die gleichen wirtschaftspolitischen Grundannahmen: Produktivität benötige Entlastung fürs Kapital und Belastung für Arbeiter*innen. Dahinter verbirgt sich jedoch ein essenzieller Fehlschluss: Die Wirtschaftsflaute ist keine Konsequenz individueller Faulheit, sondern ist in der Struktur des deutschen Kapitals angelegt. Die systematische Ignoranz der Mainstreamökonomik verunmöglicht eine strukturelle Diagnose, die die zugrundeliegenden Prozesse der Monopolisierung und der Finanzialisierung im Neoliberalismus in den Blick nimmt.
Stattdessen warten Unternehmenslobbys bundesweit mit einem bestechend einfachen Argument auf: »Mehr Arbeit bedeutet mehr Wohlstand«. Diese simple Formel funktioniert in der Mainstreamökonomik jedoch allein aufgrund von irreführenden Annahmen.
In der sogenannten neoklassischen Wirtschaftswissenschaft beginnt man mit zwei Input-Faktoren und einem Output-Faktor: Arbeit und Kapital (Input-Faktoren) sind demnach bestimmend für die Wirtschaftsproduktivität. So weit, so logisch. Abstrus wird es erst im nächsten Schritt, wenn noch zwei weitere geläufige Annahmen ins Spiel kommen. Die Neoklassik postuliert zum einen, dass Arbeit und Kapital (imperfekte) Substitute sind, soll heißen, dass Unternehmen den Verlust von Kapital durch beliebig mehr Arbeit kompensieren können, der eine Faktor den anderen also einfach ersetzen kann. Zum anderen, nehmen die Modelle an, dass diese beiden Faktoren konstante Skalenerträge aufweisen. Anders gesagt: Eine Steigerung von Kapital oder Arbeit führt mechanisch zu einer Steigerung der Güterproduktion (Output-Faktor), unabhängig von der Art von Arbeit, Kapital oder deren Management. Das bedeutet aus Sicht der Neoklassik auch, dass wir allein mit mehr Arbeit immer mehr Güter herstellen können – ohne, dass wir mehr Maschinen oder Erholung benötigen.
Feudalherren-Logik
Das wirkt wie die Logik eines Feudalherren, der sich zu schade ist, in Maschinen und Menschen zu investieren. Wofür brauchen die Bäuer*innen einen Traktor, wenn doch die Landarbeiter*innen den Pflug bis in die Nacht ziehen können? Tatsächlich wurden die neoklassischen Modelle im Laufe des 19. Jahrhunderts populär, als das noch unter den Großgrundbesitzern üblich war.
Und diese feudale Logik wird leider auch 2026 in der Arbeitszeitdebatte kaum hinterfragt. Denn Sozialdemokrat*innen und Gewerkschaften stürzen sich lieber auf statistische Denkfehler, als an den Grundfesten der liberal-ökonomischen Denkschulen zu rütteln. So argumentiert etwa die CDU, dass Deutschland in puncto geleistete Arbeitsstunden das Schlusslicht der OECD sei: Im Durchschnitt arbeitet man in Deutschland 1300 Stunden pro Jahr, während es in Italien 1700 und in den USA 1800 Stunden sind, aufs Jahr betrachtet also zwischen 45 und 58 Arbeitstage mehr. Sind die Deutschen also zu arbeitsscheu für wirtschaftliche Spitzenleistung?
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung nimmt sich der Aufgabe an, mit solchen statistischen Missverständnissen aufzuräumen. Während die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland seit den 1990ern zwar um 15 Prozent gefallen ist, stieg das absolute Arbeitsvolumen zwischen 1991 und 2023 zugleich um über 2 Milliarden Stunden – es wurde nie mehr gearbeitet im Land! Darüber hinaus muss eine erwerbstätige Person in Deutschland über ihre Lebenszeit hinweg durchschnittlich 40 Jahre arbeiten – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt, der bei 37,2 Jahren liegt.
Statistisch gesehen dürfen wir uns in Deutschland also damit rühmen, auf einem ähnlich hohen Niveau ausgebeutet zu werden, wie Arbeiter*innen in anderen europäischen Ländern. Kein besonders zufriedenstellendes Fazit. Denn es zeigt auch: Solange wir uns in der Welt der neoklassischen Wirtschaftsmodelle bewegen, können wir der Logik des »immer-mehr-arbeitens« nicht entkommen.
Dabei könnte man mit Blick auf die lahmende wirtschaftliche Entwicklung auch zu ganz anderen Schlüssen kommen. Ein Schlüsselkonzept in diesem Zusammenhang ist die sogenannte Produktivitätspeitsche. Der Begriff beschreibt eine ökonomische Dynamik, die zunächst beim Mindestlohn beobachtet wurde, der demnach Unternehmen bevorteilt, die ihr Kapital effizienter einsetzen: Eine Mindestlohnerhöhung kann produktivitätssteigernd wirken, da unproduktive Unternehmen diese nicht zahlen können, pleitegehen und somit Kapital frei machen für produktivere Unternehmen. Ein zweiter Effekt kommt ins Spiel, wenn ein Arbeitsmarkt von wenigen oder gar einem einzigen Konzern dominiert wird (ein sogenanntes Monopson). Ein großes Unternehmen hat also ein (Quasi-)Monopol in der Nachfrage nach Arbeit, was ihm erlaubt, Löhne zu drücken, um den eigenen Profit zu vermehren. Eine Steigerung des Mindestlohns wirkt unter diesen Bedingungen wie eine Umverteilung von Profiten zu Löhnen, was zu einer Ausweitung der Konsumnachfrage unter Lohnabhängigen führt. Diese Nachfragesteigerung schafft einen Grund für andere Unternehmen, zu investieren, was schließlich die Produktivität der gesamten Wirtschaft ankurbelt.
Lukratives Geschäftsmodell
Arbeiter*innenrechte – sei es Mindestlohnerhöhung oder Arbeitszeitverkürzung – zwingen so betrachtet Kapitalist*innen, ihr Kapital effizienter zu nutzen, weil der Faktor Arbeit nicht mehr günstig und im Überfluss verfügbar ist, und sie stimulieren damit die realwirtschaftliche Produktion. Umgekehrt bedeutet das, dass die Schwäche der Wirtschaft vor allem ein Spiegel der Schwäche der Arbeiter*innenschaft – und auf der anderen Seite der zügellos verschwenderischen Profitgier des Kapitals ist. In den Daten sieht man diese »Faulheit des Kapitals« anhand des freien Falls der Kapitalproduktivität: Seit den 1990er Jahren ist sie um 23 Prozent gesunken.
Die Schwäche der Wirtschaft ist vor allem ein Spiegel der Schwäche der Arbeiter* innenschaft.
Der Grund hierfür könnte sein, dass deutsche Kapitalist*innen ihr Geld überwiegend unproduktiv verschleudern, anstatt es in Produktionskapazitäten zu investieren. Indikatoren dafür sind die durch Finanzspekulation getriebenen Preise für Immobilien, ebenso wie rapide steigende Kosten für geistiges Eigentum, die von Großkonzernen bestimmt werden, die sich untereinander durch Patente horrende Gebühren abpressen. Seit 2001 haben sich die Ausgaben von Unternehmen in Deutschland für geistiges Eigentum mehr als verdoppelt und die für Immobilien beinahe verdreifacht – das sind 200 Milliarden Euro Mehrausgaben jährlich. Gleichzeitig stiegen die Investitionen in Maschinen lediglich um 18 Prozent, also auf neun Milliarden Euro.
Für Kapitalbesitzer*innen ist das dennoch ein lukratives Geschäftsmodell: Sie profitieren nicht nur von der Vermehrung ihres Kapitals durch Finanzmarktaktivitäten und Unternehmensgewinne und -verkäufe, sondern auch von der geleisteten Mehrarbeit ihrer Beschäftigten. Umgekehrt gilt das nicht: Während die Arbeitsproduktivität in Deutschland seit 2004 um 14 Prozent zugenommen hat, ist jener Anteil des Nationaleinkommens (also das gesamte Geld, das in Deutschland in einem Jahr erwirtschaftet wird), das an Arbeiter*innen ausgezahlt wird, sogar leicht zurückgegangen. Dagegen zeigen die Daten zum Einkommen, dass Kapitaleigentümer*innen ihren Profit während der Euro-Krise 2011 bis heute um fast 50 Prozent steigern konnten.
Mehr Klassenkampf, weniger Probleme
Die Geburt des Neoliberalismus war mit einem enormen Machtgewinn der Konzerne verbunden. Die liberalisierten Finanzmärkte entgrenzen deren Profitstreben. Möglich war das, weil Unternehmen die Löhne niedrig hielten und langfristige Investitionen vermieden. Die sprudelnden Profite aus den Finanzmarktaktivitäten ermöglichten die enorme Kapitalkonzentration in Großkonzernen und erhöhten so deren Marktmacht. Dies wiederum ermöglichte es den Monopolisten, Preise so zu setzen, dass entlang der gesamten Wertschöpfungskette Zulieferer, Abnehmer und Angestellte ausgepresst wurden – für Kapital, das wieder in die Finanzmärkte fließt.
Diese Dynamik des Kapitalismus bleibt unsichtbar in den Mainstreammodellen. Demnach sei die simple Lösung eine mechanische Erhöhung der Arbeit. Das ist der Ursprung des neoliberalen Dogmas: Zuckerbrot fürs Kapital und Peitsche für die Arbeiter*innen. Ganz im Gegenteil muss die Arbeiter*innenschaft die Kapitalisten dazu zwingen, produktiv zu investieren und Wohlstand zu teilen. Dafür brauchen wir eine kämpferische, organisierte Arbeiter*innenklasse, die aggressiv für Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung streitet.